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Stil und Sprache

Stil und rhetorische Mittel

Büchner verwendet in seinem Drama eine volksnahe Sprache, die weit entfernt ist von der Sprache der Romantik. Er setzt dabei bewusst verschiedene rhetorische Mittel ein, um die Authentizität seines Dramas noch zu steigern:
  • Falsch gesetzte Fragepronomen: „Ach! - Was Welt?“ (Sz. 4, Z. 49)
    • Funktion: weist auf schlechte Bildung der Figuren hin
  • Falsche Syntax: „Ich bin doch ein schlecht Mensch. [...] Geht doch alles zum Teufel, Mann und Weib.“ (Sz. 4, Z. 49 f.)
    • Funktion: weist ebenfalls auf schlechte Bildung der Figuren hin
    • Teilweise dialektal bedingt
  • Ellipsen und umgangssprachliche Wortkürzungen: „‘s ist so kurios still. Man möcht‘ den Atem halten!“ (Sz. 1, Z. 25)
    • Funktion: weist auf Unwissenheit der Figuren und auf ihre Unfähigkeit, sich auszudrücken hin
    • Umgangssprache um Dialoge realitätsnaher zu gestalten
    • Dialekt lässt Charaktere authentischer wirken
  • Parataktische Struktur: „Wir arme Leut. Sehn sie, Herr Hauptmann, Geld, Geld. Wer kein Geld hat. Da setz einmal einer sein‘sgleichen auf die Moral in die Welt. Man hat auch sein Fleisch und Blut. Unsereins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt, ich glaub‘ wenn wir in Himmel kämen, so müssten wir donnern helfen. “ (Sz. 5, Z. 52 ff.)
    • Funktion: Gesprochenes wird auf das Wesentliche reduziert
    • Leser bekommt den Eindruck, dass das Gesprochene wahrhaftig ist

Einfache Sprache

In Woyzeck findet eine Zweiteilung der Sprache statt. Die meisten Figuren sprechen eine sehr einfache Sprache, oft mit einer dialektalen Färbung. Dies lässt die Figuren volks- und realitätsnaher erscheinen.
  • Einfache Figuren wie Marie, Woyzeck oder Andres können ihre Wahrnehmungen und Empfindungen meist nicht in Worte fassen
    • Folge ihrer Armut, ihres niederen sozialen Standes und ihrer schlechten Bildung
  • Ohne Sprache sind diese Figuren jedoch isoliert und machtlos, weshalb sie auch drangsaliert und verhöhnt werden
  • Durch ihre eingeschränkten Ausdrucksmöglichkeiten greifen die Figuren wie Marie und Woyzeck auf vorgegebene Texte zurück
    • Bibel oder Volkslieder
    • Drücken Gefühle und Wahrnehmungen meist besser aus als die Figuren selbst
  • Büchner nutzt in einigen Szenen einfache Menschen, um dargestellte Ereignisse zu kommentieren oder zu bewerten
    • An diesen Stellen verfügen die Figuren plöztlich über eine komplexere Sprache
    • Büchner schafft damit eine höhere Reflexionsstufe für die Leser, da die Figuren sich besser sprachlich ausdrücken können, was mit der einfachen Sprache nicht möglich wäre
    • Beispiele sind der Handwerksbursche, der zum Prediger und Philosophen wird oder die Großmutter, die als Erzählerin eines Anti-Märchens Woyzecks Schicksal vorausdeutet

Sprache der Wissenschaft und des Militärs

Büchner nutzt in seinem Drama außerdem die Sprache der Wissenschaft und des Militärs. Vor allem der Doktor und der Hauptmann nutzen diese höhere Sprache und heben sich so intellektuell und aus Sicht ihres gesellschaftlichen Standes von den anderen Figuren ab. Alle Figuren, die dieser wissenschaftlichen oder militärischen Sprache nicht mächtig sind, sind für den Hauptmann und den Doktor minderwertig. Auch Woyzeck und Andres reden in ihren Rollen als Soldaten in einer militärischen Sprache. Dennoch überwiegt bei ihnen die einfache Sprache.
Doch obwohl der Doktor viele Fachbegriffe der wissenschaftlichen Sprache verwendet, nutzt er diese nicht, weil er intellektuell wirken möchte, sondern um von seinen fragwürdigen Experimenten abzulenken und seine Patienten, die dieser Sprache nicht mächtig sind, zu Versuchsobjekten zu degradieren und um sie zu verwirren.

Sprache und Macht

Für Büchner besteht - wie man an seinem Drama gut erkennen kann - eine enge Verbindung zwischen Sprache und Macht.
  • Sprache sagt etwas über den gesellschaftlichen Stand einer Person aus
  • Sprache dient als Mittel der Selbstreflexion
  • Sprache ist relevant für das Mitspracherecht in der gesellschaftlichen Entwicklung
    • Menschen aus der unteren sozialen Schicht hatten oft keine Stimme und durch ihre Sprachlosigkeit auch kein Mitspracherecht in der Gesellschaft
    • Brauchten jemanden, der für sie spricht und sie vertritt
  • Mangelnde sprachliche Fähigkeiten als Kriterium für ein unaufgeklärtes Handeln
  • Sprache als Machtkriterium
    • Menschen, die sich sprachlich besser ausdrücken konnten, hatten mehr Macht
  • Sprache als essentielles Medium zur persönlichen Entwicklung und zur Integration in die Gesellschaft

Büchners sprachliche Revolution

  • Sprache in klassischen Dramen oft abstrakt und publikumsfern
  • Sprache wird einerseits bereichert, andererseits aber auch negativ beeinträchtigt
    • Wird negativ beeinträchtigt durch das Fehlen von rhythmischem Klang, grammatischer Richtigkeit, Beredheit, Gewähltheit und Treffsicherheit des Ausdrucks
    • wird bereichert durch realitätsnahe, individuelle und vielfältige Sprache
  • Büchner bildet verschiedene Bereiche der Gesellschaft durch seine Sprache ab
    • Bildung und Beruf
    • Schichtenzugehörigkeit
    • Regionale Zugehörigkeit (Dialekt)
    • Seelische Zustände
  • Büchner ermöglicht den Lesern und dem Publikum durch seine Sprache einen Einblick in die Persönlichkeit der Figur
  • Hauptfigur ist unwissend und ungebildet
    • Früher unmöglich in Drama
    • Erscheint jedoch authentischer für Zuschauer, die auch aus den unteren sozialen Schichten kommen und so die Hauptfigur besser verstehen können
  • Fragmentarische Sprache als Gewinn an dramatischer Fülle
    • Aussage des Stücks geht über das Gesprochene hinaus
    • Aussparungen in Text verstärken Dramatik
    • Leser kann Figuren auch ohne Worte verstehen

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