Nebencharaktere
Neben den drei oben genannten, für den Dramenverlauf maßgeblich wichtigen Figuren gibt es noch eine Vielzahl an Nebencharakteren, die die Welt des Faust bevölkern und sie lebendig machen. Doch auch hier gibt es solche, die eine eher bedeutsame Rolle spielen und solche wie zufällige, nicht einmal mit Namen versehene Bürger, die einzig und allein der Darstellung des gesellschaftlichen Klimas im Drama dienen. Nicht zuletzt wegen der schieren Menge solcher kleinerer Nebencharaktere, die manchmal nur einen einzigen Satz aufsagen, bevor sie wieder verschwinden, galt und gilt Faust als ein schwer aufführbares Stück: Allein in den Szenen Walpurgisnacht und Walpurgisnachtstraum treten 48 Figuren (Faust und Mephisto inklusive, der Rest kommt außerhalb dieser Szenen nicht mehr vor) und 7 Chöre auf.
Die Nebencharaktere im Faust sind deutlich weniger komplex ausgearbeitet als Gretchen, Mephisto und Faust; sie vertreten zumeist Stereotypen wie zechende Studenten (in Auerbachs Keller) oder lästernde junge Mädchen (wie Gretchens Bekannte Lieschen). Auch die wichtigsten Nebenfiguren Wagner, Marthe und Valentin machen darin keinen Unterschied.
WAGNER ist der Famulus (Student und gleichzeitig Gehilfe) Fausts. Er dient vor allem zur Demonstrierung dessen, was Faust nicht ist: Faust ist nämlich kein fortschrittsgläubiger, elitärer und die ewige Wahrheit in Büchern vermutender Akademiker wie sein Gehilfe, den er einen „trockne[n] Schleicher“ nennt (Sz. 1, Z. 210). Wagner ist eine Personifikation dessen, was Faust am akademischen Weg frustriert hat. Er ist deswegen Gehilfe Fausts, da er sich erhofft, sich dessen Wissen anzueignen - nicht um des Wissens willen allein, sondern auch aufgrund von Geltungssucht: „Verzeiht! Ich hör Euch deklamieren; / Ihr last gewiss ein griechisch Trauerspiel? / In dieser Kunst möcht ich was profitieren, / Denn heutzutage wirkt das viel.“ (Sz. 1, Z. 215 ff.) Auch will Wagner „alles wissen“ (Sz. 1, Z. 318) - hier zeigt sich eine geistige Verwandschaft zu seinem Meister, doch ist Wagner eine sehr viel einseitigere Persönlichkeit, denn Faust hält das akademische Wissen nicht für die letzte Wahrheit wie sein Famulus.
Wagner verachtet das gewöhnliche Volk, er bezeichnet sich als „Feind von allem Rohen“ (Sz. 2, Z. 195). Sein Wissen nutzt er also, um sich vom Rest des Volks abzugrenzen. Wissen ist für ihn Prestige. Und während Faust sowohl den Form- als auch den Stofftrieb empfindet, verspürt Wagner allein den Formtrieb: „Des Vogels Fittich wer ich nie beneiden. / Wie anders tragen uns die Geistesfreuden / Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!“ (Sz. 2, Z. 382 ff.). Wo Fausts Streben keine Grenzen kennt, macht Wagners Streben außerhalb seines akademischen Umkreises halt.
MARTHE ist die Nachbarin Gretchens und vor allem deswegen für den Dramenverlauf von Bedeutung, da sie als Kupplerin fungiert: Sie ermöglicht es Faust, mit Gretchen in Kontakt zu treten und ihr Garten gibt den beiden die Chance, sich ungestört näher kennenzulernen. Marthe ist vermutlich mehrere Jahre älter als Gretchen, da sie bereits verheiratet ist. Ihre Ehe ist jedoch nicht vom Glück gesegnet, denn ihr Mann liebte „fremde Weiber, und fremden Wein, / Und das verfluchte Würfelspiel“ (Sz. 10, Z. 246 f.) und ist überdies in Italien verschollen. Sie wünscht sich daher seinen Totenschein - wohl weniger, um endlich Gewissheit zu haben, sondern um ein weiteres Mal heiraten zu dürfen. Marthe ist keine schüchterne Frau, sondern sich ihrer selbst und ihrer Sexualität sehr bewusst - perfekt also für die Rolle als Kupplerin. Sie flirtet daher ungeniert mit Mephisto und hilft dabei, Gretchen und Faust zusammenzubringen. Sie verstößt damit gegen gleich zwei Tabus ihrer Zeit, denn Frauen hatten sittsam zu sein; die Kuppelei wurde von der Allgemeinheit verachtet und stand sogar unter Strafe.
VALENTIN ist der Bruder Gretchens und wahrscheinlich auch gleichzeitig ihr rechtlicher Vormund seit dem Tod ihres Vaters. Als solcher ist er darum bemüht, das gesellschaftliche Ansehen seiner Familie zu bewahren. Er verkörpert als Soldat zudem die martialische (= gewaltbereite) Seite des damaligen Männerbegriffs: Valentin will Faust töten, um die Ehre seiner Familie zu erhalten. Somit ist er ein Vertreter der patriarchalischen Gesellschaft der damaligen Zeit und zeigt ihre Doppelmoral auf: Er sieht sich als Verfechter der bürgerlichen, christlichen Moralvorstellungen und des sittlichen Anstands seiner Schwester, akzeptiert aber Mord als probates Mittel dazu, um diese durchzusetzen (und übt so nicht den christlichen Grundsatz der Vergebung aus). Dennoch sieht er sich als Opfer des für ihn unmoralischen Lebenswandels seiner Schwester, die er öffentlich als Hure bezeichnet. Dermaßen von seiner eigenen moralischen Reinheit überzeugt, stirbt er, ohne sich mit seiner Schwester zu versöhnen, geht laut eigener Aussage „zu Gott ein als Soldat und brav.“ (Sz. 19, Z. 242) Obwohl er eigentlich durch den Versuch der Rache dem Christentum entgegen handelt, sieht er seine Pflicht als Mann und Christ erfüllt.