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7. Vigilie

Kaum war ihr Vater am Abend der langersehnten Tag-und-Nacht-Gleiche endlich zu Bett gegangen, schlich sich Veronika aus dem Haus zur Rauerin. Gemeinsam mit der Alten wanderte sie mitten in der stürmischen Nacht durch die Straßen. Als vor ihnen der Kater blaue Blitze sprühte, um ihnen den Weg zu erhellen, wurde Veronika kurz mulmig zumute. Doch sie fing sich schnell wieder, schließlich wollte sie den Liebeszauber für Anselmus unbedingt.
An Ort und Stelle angekommen, entfachte die Alte ein Feuer und ließ umgeben von einem Feuerkreis in einem großen Kessel sonderbare Massen sieden, warf eine Haarsträhne und einen Ring von Veronika hinein und murmelte unverständliche Dinge. Veronika musste währenddessen ihre Gedanken auf Anselmus richten und in den Topf starren.
Mitten in dieser Szene wendet sich zum zweiten Mal der Erzähler an den Leser und erklärt: „Ich wollte, daß du, günstiger Leser, am dreiundzwanzigsten September auf der Reise nach Dresden begriffen gewesen wärest. Wie du nun so in der Finsternis daherfährst, siehst du plötzlich in der Ferne ein ganz seltsames flackerndes Leuchten.Näher gekommen, erblickst du einen Feuerreif, in dessen Mitte bei einem Kessel, aus dem dicker Qualm und blitzende rote Strahlen und Funken emporschießen, zwei Gestalten sitzen.“ (S. 57-58, Z. 27-9) Er beschreibt, wie Veronika vor dem Kessel saß: „Ganz im blendenden Feuer der unter dem Dreifuß emporflackernden Flammen steht das engelschöne Gesicht, aber in dem Entsetzen, das seinen Eisstrom darüber goß, ist es erstarrt zur Totenbleiche, und in dem stieren Blick, in den hinaufgezogenen Augenbrauen, in dem Munde, der sich vergebens dem Schrei der Todesangst öffnet, welcher sich nicht entwinden kann der von namenloser Folter gepreßten Brust, siehst du ihr Grausen, ihr Entsetzen; die kleinen Händchen hält sie krampfhaft zusammengefaltet in die Höhe, als riefe sie betend die Schutzengel herbei, sie zu schirmen vor den Ungetümen der Hölle, die, dem mächtigen Zauber gehorchend, nun gleich erscheinen werden!“ (S. 58, Z. 18-30) Weiter vermutet der Erzähler, dass sich selbst dem tapfersten Leser bei diesem Anblick die Haare gesträubt hätten. Dass er sicher versucht hätte, den fürchterlichen Bann zu brechen. Aber: „Weder du, günstiger Leser, noch sonst jemand fuhr oder ging aber am dreiundzwanzigsten September in der stürmischen, den Hexenkünsten günstigen Nacht des Weges, und Veronika mußte ausharren am Kessel in tödlicher Angst, bis das Werk der Vollendung nahe.“ (S. 59, Z. 27-32)
Veronika saß mit geschlossenen Augen vor dem Kessel, fürchtete sich vor dem Wahn, in den der Anblick der grausigen Szene sie versetzen könnte. Sie öffnete erst die Augen, als die Alte aufhörte zu rühren und rief: „Veronika, mein Kind! mein Liebchen! Schau‘ hinein in den Grund! - was siehst du denn - was siehst du denn?“ (S. 60, Z. 5-7) Zunächst drehte sich alles, doch dann erblickte das Mädchen Anselmus, der ihr die Hand reichte. Sofort öffnete die Alte einen Hahn, flüssiges Metall stömte in eine kleine Form und die Alte sprang kreischend und wild umher: „Vollendet ist das Werk - Dank dir, mein Junge! - hast Wache gehalten - Hui - Hui - er kommt! - heiß ihn tot - heiß ihn tot!“ (S. 60, Z. 18-20)
Kurz darauf war es, als würde ein riesiger Adler landen und es brauste und rief: „Hei, hei! - ihr Gesindel! nun ist‘s aus - nun ist‘s aus - fort zu Haus!“ (S. 60, Z. 23-24) Die Alte stürzte daraufhin nieder und Veronika wurde bewusstlos.
Am nächsten Tag wachte Veronika zu Hause in ihrem Bett auf und fragte sich, ob sie sich den seltsamen Zauber nur in einem fieberhaften Traum eingebildet hatte. Erst als ihre Schwester mit ihrem durchnässten Mantel hereinkam, wusste Veronika, dass doch alles real war und wurde von Angst ergriffen. Wie sie die Bettdecke an sich drückte, spürte sie plötzlich einen Metallspiegel an ihrer Brust. In diesem erblickte sie Anselmus, wie er in einem seltsamen Raum an einem Tisch schrieb. Als er sie endlich sehen konnte, sagte er nur: „Ach! - sind Sie es, liebe Mademoiselle Paulmann! Aber warum belieben Sie sich denn zuweilen als ein Schlänglein zu gebärden?“ (S. 9-11) Veronika lachte über die seltsamen Worte und erwachte plötzlich wie aus einem Traum.

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