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Der politische Aspekt

Ein Interpretationsversuch

Eine Interpretation von Dantons Tod ist aufgrund der Komplexität des Werks nicht einfach. Noch heute ist nicht geklärt, ob das Drama eher politisch oder weltanschaulich motivierte Literatur ist. Zum einen war Büchner ein überzeugter Revolutionär, der die Gesellschaft des damaligen Deutschlands verändern wollte, zum anderen äußert er sich in seinen Briefen kritisch über revolutionäre Aktionen wie den Sturm auf die Frankfurter Hauptwache 1833. Auch ist ihm der Begriff des Helden fern, er analysiert die Geschichte als eine Verkettung von Ereignissen, die die Menschen zu bestimmten Handlungen zwingen. Er ist somit Anhänger der Idee des Geschichtsfatalismus, nämlich der Idee, dass es so etwas wie ein Schicksal gibt, das der Mensch nicht überwinden kann. Politischer Aktivismus und resignierte Erkenntnis der Machtlosigkeit des Menschen, was die Veränderung der Welt betrifft, stehen sich bei Büchner gegenüber.
So lässt sich die Interpretation von Dantons Tod in zwei Aspekte aufteilen: Den politischen und den weltanschaulichen.

Politik im Werk

Der Revolutionär Büchner findet sich an vielen Stellen des Dramas wieder. Eine beliebte literarische Technik Büchners war es, eigene Ansichten durch seine Charaktere wiedergeben zu lassen, entweder wortwörtlich oder in abgewandelter Form. Eine Besonderheit von Dantons Tod ist es sicherlich, dass Büchner eine kritische Distanz zu seinen Figuren wahrt. Büchner war ein radikaler Revolutionär, der nach eigener Aussage Gewalt als Mittel zum revolutionären Erfolg sah, der zum gewaltsamen Aufstand aufrief - so zum Beispiel in seiner Kampfschrift Der Hessische Landbote. Dort klagt er die Reichen und Adeligen an, das Volk auszubeuten, vergleicht sie mit Blutsaugern. Diese Oberschicht spreche „eine eigene Sprache“. Konsequenz: Gleichheit und Demokratie sollen zur Gerechtigkeit führen. Als Vorbild nennt er die Französische Revolution, die 1789 die Menschenrechte erkämpfte und den König als Verräter hinrichtete. Für ihn folgt daraus der Grundsatz: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“
Teile aus dem Hessischen Landboten lassen sich auch im Drama Dantons Tod wiederfinden, welches ein Jahr später veröffentlicht wurde. Merkwürdigerweise legt Büchner seine Worte manchmal denen in den Mund, die er in seinem Werk kritisiert. So benutzt ein den Lynchmord an willkürlich ausgewählten Reichen unterstützender Bürger eine ähnliche Redewendung wie Büchner: „Sie haben kein Blut in den Adern, als was sie uns ausgesaugt haben“ (S. 11) entspricht dem Vergleich der Oberschicht mit Blutsaugern. Den Vorwurf, dass Reiche und Mächtige eine eigene Sprache sprechen, wiederholt Legendre im Jakobinerclub - dort sprechen sie „nach dem Diktionär der Akademie“ (S. 14). Warum diese eher kritisch zu bewertenden Figuren Büchners Ansichten äußern, ist unklar. Womöglich distanzierte er sich von seiner früheren Meinung, die er angesichts des Geschichtsfatalismus als naiv ansah, oder es ist ein Mittel, um zu demonstrieren, dass auch „richtige“ Ansichten zu falschem Verhalten verleiten können.
Dantons Tod ist kein Drama, welches Büchners Aufruf zum Aufstand und zur Gewalt aus dem Hessischen Landboten wiederholt. Dem geht eine intensive Beschäftigung mit der Revolutionsgeschichte voraus, der sich Büchner in Gießen widmete. Seine Ideale wie Gleichheit und Freiheit hinterfragt er nicht, wohl aber die Sinnhaftigkeit der Gewalt während der Französischen Revolution. Damit bleibt seine Haltung zu dieser zwiespältig. Weder lehnt er sie vollkommen ab, noch preist er sie in seinem Drama. Er verfällt nicht der Illusion, dass das Volk immer gerecht ist. In seinen Briefen bekundet er die Einsicht, dass es nur der Hunger ist, der das Volk zur Revolution treibt. Hungert dieses nicht mehr, wird die Revolution beendet. Im Hinblick auf die Geschichte der Revolution hat Büchner damit eine wertvolle Erkenntnis gewonnen. Tatsächlich waren die blutigsten Zeiten der Französischen Revolution die, in welcher das Volk am meisten hungerte, nämlich unter Robespierre. Einen sicheren politischen Willen hat das Volk nicht, es schwankt im Dramenverlauf mehrmals zwischen Danton und Robespierre, bis es sich auf Robespierres Seite schlägt. Es unterstützt somit einen Diktator, der die Gesetze Frankreichs aushebelt, um seine eigene Macht zu sichern, der abertausende von Morden zu verantworten hat. Dantons Tod spielt zu einem Zeitpunkt der Französischen Revolution, als diese schon fehlgeleitet ist. Paradoxerweise sind jetzt frühere Helden der Revolution Feinde. Danton und Robespierre, die Ikonen der Bergpartei, stehen sich nun gegenüber. Wie Danton bekundet: „Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eignen Kinder.“ (S. 23)
Robespierres Konzept des Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei ist, logisch betrachtet, reiner Unsinn. In der elenden Situation des Volkes fällt Robespierre in seinem Fanatismus nichts weiter ein, als dessen Zorn auf andere zu lenken, damit er nicht ihn selbst trifft. Doch je mehr Leute hingerichtet werden, desto unsicherer wird Frankreich, desto größer wird die Angst im Volk, seine Situation verbessert sich dadurch nicht. Dantons Position wirkt auf den Leser viel vernünftiger und könnte mit Büchners eigener Meinung übereinstimmen. Er erkennt, dass die Exekutionen Mord sind, will Gnade und Mäßigung durchsetzen. Er tritt für Volksnähe statt für den Wandel des Menschen zum Tugendhaften ein.
Gleichzeitig ist Danton aber auch ein Korrupter, der sich vergnügt, während das Volk leidet. Büchner wahrt Distanz zu Danton, es gibt in seinem Werk keinen Helden und keinen Schurken. In seinen Briefen zur Erläuterung seines Werkes schreibt er, dass die Revolutionäre grausam und amoralisch waren, Danton gesellt er zu den „Banditen der Revolution“ (vgl. Brief an die Familie von 28. Juli 1835). Er durchschaut einerseits die rücksichtslose Machtpolitik Robespierres und andererseits den Verrat Dantons an seinen früheren Idealen. Dantons Tod ist Beispiel für eine unkontrollierte, fehlgeleitete Revolution, die sich selbst zerstört und für die Verdorbenheit der Revolutionäre gleichermaßen. Dantons Ansichten sind nicht durchweg die Büchners. Zwar stimmt seine Theorie von den Beweggründen des menschlichen Handelns auch mit der Büchners überein, doch kann Danton nicht Robespierres grundsätzliche Ziele verurteilen: Gleichheit und Demokratie. Auch Danton, der Gemäßigte, verdammt nicht die Exekution an sich. So spricht er bei Robespierre darüber, dass auch Unschuldige getroffen würden (vgl. S. 26). Wo es Unschuldige gibt, muss es auch Schuldige geben.
Büchner befürwortet die Ziele der Revolution im Allgemeinen - nicht die Jakobinerdiktatur! - und spricht sich auch nicht grundsätzlich gegen Gewalt aus. Was er mit seinem Werk kritisiert, ist die unbotmäßige Grausamkeit, das Fehlen der Moral. Die Revolution darf nicht zur Mordmaschine werden. Als Fazit lässt sich sagen, dass Büchner zwar das Wesen der Französischen Revolution kritisiert, nicht aber die revolutionäre Aktivität. Paradoxerweise demonstriert der politisch nachsichtige Danton dadurch, dass er auf der Guillotine nicht verzweifelt und zusammenbricht, indem er sich zwar eher passiv, aber entschieden gegen Robespierre stellt, den Willen zum Protest. Der Protest bleibt ergebnislos, doch bewahrt Danton damit seine Würde.

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