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Welche Verwandlung?

Die wichtige Verwandlung, die das Geschehen der Erzählung lostritt, hat sich in der Nacht vor dem Einsetzen der Handlung ereignet. Gregors Gestaltwandel vom menschlichen zum tierischen Körper ist der Auslöser aller Geschehnisse in der Erzählung. Jedoch bleibt es nicht bei dieser einzigen, rein körperlichen Verwandlung, denn über den gesamten Verlauf der Erzählung hinweg ereignen sich eine große Verwandlung und darin mehrere „kleine“ Verwandlungen.
An den Wandel von Gregors Körper schließt sich ein Wandel seines Charakters. Den anfangs ungewohnten und lästigen Käferkörper lernt er später zu nutzen, das Kriechen entlang der Wände versinnbildlicht, dass Gregor seinen neuen Körper doch akzeptiert und seinen Zeitvertreib nach diesem richtet. Das könnte auch als Indiz dafür gelten, dass Gregor langsam wie ein Käfer zu denken beginnt. Ein Mensch käme kaum auf die Idee, sich die Langeweile damit zu vertreiben, die Wände des eigenen Zimmers hinaufzugehen. Auch das Krabbeln über das Gerümpel, das sein Zimmer im dritten Teil ausfüllt, macht ihm Spaß, obwohl er danach traurig wird. Allmählich lässt Gregor seine menschliche Vergangenheit hinter sich, isst nun lieber Abfälle als frisches Essen, faucht, wenn er wütend ist - der stolze Handelsreisende bricht nur noch an wenigen Stellen hervor. Eine besonders wichtige Passage im Hinblick darauf, ob Gregor ein Tier wird, ist das Konzert seiner Schwester, von dem Gregor sich angezogen fühlt. Vorher in der Erzählung haben wir gelesen, dass Gregor nichts für Musik übrig hat. Doch nun denkt er: „War er ein Tier, da ihn Musik so ergriff? Ihm war, als zeige sich ihm der Weg zu der ersehnten unbekannten Nahrung.“ (S. 60) Gregor fühlt sich tierisch, da er Musik genießt - er stellt sich seinen Gefühlen, was ihm, der seine eigenen Wünsche früher stets unterdrückte, tierisch erscheint. Triebe und Wünsche werden Gregor in seiner neuen Gestalt allmählich bewusst, er verdrängt sie nicht länger konsequent.
Gregors Verwandlung besteht aber auch in seinem körperlichen Verfall durch die Wunden, die ihm der Vater zufügt, und die Vernachlässigung durch die Familie. Gregor verwandelt sich vom eifrigen Handelsreisenden zum einsamen Käfer, der am Ende freiwillig stirbt.
Aber auch die anderen Familienmitglieder ändern sich. Deutlich wird dies am Vater, der vor Gregors Verwandlung ein alter, schwacher und übergewichtiger Mann war, müde nach einem erfolglosen Leben. Aufgrund von Gregors Schwäche wird er zum Patriarchen, der einen Tag nach dem folgenschweren Morgen bereits die Vermögensverhältnisse der Familie diskutiert. Er erlangt seine Stärke wieder und setzt sie gegen Gregor ein. Die fünf Jahre der Arbeitslosigkeit sind wie weggeblasen; er hat sogar eine Stelle bei der Bank ergattert. Vom passiven Rentner wandelt sich der Vater zum selbstbewussten, dominanten Patriarchen.
Die Verwandlung der Mutter ist nur sehr subtil. Von der sorgenerfüllten kranken Frau wird sie zu einer Mutter, die der Zukunft hoffnungsvoll entgegensieht und die Heirat der Tochter plant. Sie löst sich von Gregor.
Am merklichsten jedoch ist die Verwandlung von Grete. Als 17-jährigem, musisch interessiertem, aber praktisch nicht veranlagten Mädchen traute die Familie ihr noch vor Gregors Verwandlung nichts zu. Durch dessen Schwäche ist jedoch ihre Chance gekommen, sich als nützliches Familienmitglied zu erweisen. Sie übernimmt seine Pflege und damit eine Verantwortung, die ihre Eltern nicht übernehmen wollen. Sie emanzipiert sich und übernimmt Gregors Position als Hoffnungsträger der Familie. Dadurch wird sie skrupellos und verurteilt Gregor am Ende des dritten Teils zum Tode. Sie verwandelt sich also durch den langwierig errungenen Sieg über Gregor.
Gregor wird verdrängt, wodurch einer neuen Verwandlung der Familie der Weg gebahnt wird. Die Familie, die sich anfangs noch über Gregors Zimmertüren hinweg unterhalten musste, verliert ihre finanzielle Stütze und lernt, ohne Gregor zu leben. Die titelgebende Verwandlung steht also nicht nur vor dem Beginn der Erzählung, sondern vollzieht sich in deren Verlauf. Die Verwandlung thematisiert so den Wandel von einer „alten Ordnung“ in der Gregor im Zentrum der Familie steht, zu einer „neuen Ordnung“mit Grete im Mittelpunkt.

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