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Schuld, Unschuld und Gerechtigkeit - Hoffmann als Autor und Jurist

Der Mensch Hoffmann tritt uns vor allem in der Schuldthematik entgegen. Das Fräulein von Scuderi ist von seinen alltäglichen Erfahrungen als Jurist geprägt und verarbeitet Hoffmanns Ansichten über seine Zeit. Hierfür bedient sich der im Dienste des Staats stehende Hoffmann eines Tricks, den er später wieder anwenden sollte. Er verlegt die Handlung in ein anderes Land zu einer anderen Zeit, doch ähneln Situation und Charaktere denjenigen im Preußen zur Zeit des Autors. Im Kater Murr parodisiert Hoffmann den Berliner Polizeidirektor von Kamptz, indem er einen Hund mit seinen Wesenszügen erschafft. Die Übertragung von der gesellschaftlichen Wirklichkeit auf eine Fiktion diente dem Autor dazu, seinen Beruf nicht zu verlieren. Im Preußen seiner Zeit akzeptierte man keine Kritik an der Obrigkeit, besonders galt dies für die Bediensteten der Obrigkeit selbst. Hoffmann hatte also keine andere Möglichkeit, seine Abneigung gegen die Zustände in Preußen auf andere Art und Weise literarisch zu verarbeiten, ohne sein Ansehen und seinen Beruf zu verlieren. Dass er Kritik, wenn auch verborgen hinter entfremdeten Charakteren, äußerte, wurde ihm vor seinem Tode fast zum Verhängnis. Von Kamptz fand als Hofrat Knarrpanti Einzug in Hoffmanns Meister Floh - jedoch erkannte sich der Polizeidirektor in Hoffmanns Werk. Ein Verfahren wurde gegen den Autor eingeleitet, man beschuldigte ihn der Veröffentlichung geheimer Gerichtsakten. Das Fräulein von Scuderi wendet die Kritik aber geschickter an, da sie sich ebenso gut auf den französischen Terror Robespierres beziehen lassen kann wie auf die preußische Realität.
Was Hoffmann in erster Linie bemängelt und thematisiert, ist der Gegensatz von Recht und Gerechtigkeit. Die Justiz soll ein Dienst für den Menschen sein, nicht der Mensch ein Diener der Justiz. Die Justiz ist keine Instanz, die höher ist als der Mensch selbst. Ihre Ungerechtigkeit tritt uns als Lesern in der Behandlung Oliviers zutage. Objektiv gesehen, hat er ein Verbrechen begangen: Er hat Cardillac nicht angezeigt. Jedoch wird er vom Juristen Hoffmann nicht als Schuldiger, sondern als Held charakterisiert. Natürlich besitzt er eine geringe Schuld, die er sich auch selbst eingesteht - ein Zeichen seines starken Gewissens. Das Motiv wiegt aber die Tat auf. Er handelte aus Liebe, er bewahrte sein eigenes Leben, er wollte das Bild einer Tochter von ihrem Vater nicht zerstören. Die Frage nach Schuld und Unschuld und daher auch nach Gerechtigkeit hängt eng mit dem Motiv zusammen. Juristisch werden Motive aber weniger stark bewertet - Olivier müsste nach der Gesetzeslage immer noch eine Strafe erwarten. Hoffmann stellt also explizit die Gesetze in seiner Novelle als ungerecht dar. Sie ermöglichen das Wirken der Chambre ardente, die selbst vom König als „böse“ (S. 74) bezeichnet wird. Gerechtigkeit ist weniger Strafe als Nachsicht, Gesetz und Gerechtigkeit bilden nicht immer eine Einheit. Die Moral siegt über das Verbrechen, wie sie auch über das Gesetz siegt. Daraus könnte man die Aufforderung herleiten, dass die Moral dem Gesetz zugrunde liegen sollte. Hoffmann kritisiert also eine Justiz, die zu sehr auf den ungerechten Gesetzen beharrt und die Strafe als ihre Motivation sieht. La Regnie und Desgrais sind Sinnbilder einer fehlgeleitenen Justiz, die das Gegenteil dessen bezweckt, wofür sie eigentlich geschaffen worden ist.
Zwar spielt die Novelle in einer Zeit beinahe 150 Jahre vor ihrer Entstehung, doch ändert dies nichts an ihrer damaligen Aktualität. Zum einen lässt sie sich auf die Französische Revolution beziehen, die das Verhalten der preußischen wie anderer europäischer Regierungen maßgeblich bestimmte. Ihre Schrecken waren den meisten Menschen bekannt. Gerade einmal 30 Jahre war es her, dass Robespierre mit dem Ziel der sozialen Gerechtigkeit eine Herrschaft des Terrors errichtete, der tausende Menschen zum Opfer fielen. Staatliche Willkür, unbotmäßig hartes Vorgehen und die Hinrichtung Unschuldiger waren an der Tagesordnung. Die Chambre ardente erinnert stark an die Revolutionsgerichte, die sich die Ermittlung von Schuld und Strafe zum Ziel gesetzt hatten und oftmals nur anhand von Indizien urteilten, wie la Regnie. Ein Verdacht reichte zur Verhaftung und zur Hinrichtung aus.
Die Novelle lässt sich aber auch als Kritik am preußischen Staat lesen. Auffallend viele Ähnlichkeiten bestehen hier. 1819 wurden die Karlsbader Beschlüsse als Konsequenz der revisionistischen Politik der Königreiche Russland, Österreich und Preußen getroffen und dienten einer schnelleren und härteren Bestrafung von sogenannten Demagogen, also Volksverhetzern, womit all die gemeint waren, die sich für die Demokratie oder allgemein gegen die Obrigkeit aussprachen. Wie in der Novelle reichte ein Verdacht aus, um das Interesse des Gerichts zu wecken, auch Verdächtige wurden verurteilt. Sonderkommissionen wie die Chambre ardente gab es zu Hoffmanns Zeit - er selbst war Mitglied einer solchen, nämlich der Immediat-Kommission, welche staatskritische Tendenzen untersuchen sollte. Auch im Beruf wertete Hoffmann die Moral höher als das Gesetz, denn er setzte sich als Mitglied oben genannter Kommission gegen die Verurteilung des Turnvaters Jahn ein. Leider musste er aber erleben, wie Willkür die gesellschaftliche Realität bestimmte. Hoffmann hoffte deshalb auf einen starken König. Dieser konnte in Preußen wie im Acien Régime die Entscheidungen eines Gerichts für nichtig erklären und sich über das Gesetz hinwegsetzen. Hoffmann sah darin keine Bedrohung, sondern die Möglichkeit, einen ungerechten Staatsapparat zu übergehen. Tatsächlich ist nicht Ludwig XIV. in der Novelle der Hauptschuldige am Vorgehen der Chambre ardente, denn er kritisiert diese. Die Ungerechtigkeit ergibt sich nicht aus zu viel Macht des Königs, sondern aus dem Abtreten seiner Macht an andere. Hoffmann wollte, dass sich Friedrich Wilhelm III. stärker in die Rechtsprechung einmischte, auch im Verfahren gegen Turnvater Jahn hoffte er auf ein Machtwort des Königs. Seine Ablehnung der gegenwärtigen juristischen Lage in Preußen wie seine Befürwortung eines starken, sich um das Volk bemühenden Königs tritt uns in seiner Novelle deutlich entgegen.

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