Studierzimmer (II)
Werd ich beruhigt mich je auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
Dass ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuss betrügen -
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet ich!
(Sz. 4, Z. 205-211)
Faust möchte also seine Sehnsucht in dem Maße gestillt sehen, dass er keine mehr empfindet. Faust, stets ein strebender, tätiger Mensch, glaubt nicht daran, dass Mephistopheles ihn jemals vollends glücklich machen kann, doch scheint ihm dieses Ziel den Einsatz wert zu sein: „Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! Du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen“ (Sz. 4, Z. 217 ff.).
Schon von Beginn der Wette an ist deutlich, dass zwischen Faust und Mephistopheles ein grundlegendes Missverständnis herrscht. Mephistopheles ist der Überzeugung, dass er die Wette gewinnen kann, indem er Faust pure, sinnliche Befriedigung beschafft: „Den schlepp ich durch das wilde Leben, / Durch flache Unbedeutendheit“ (Sz. 4, Z. 424 f.).
Faust jedoch sehnt sich nicht nur nach Befriedigung seiner Lust, sondern nach Erfahrungen, die sich in der Ambivalenz von Glück und Leid zeigen: „Du hörest ja, von Freud‘ ist nicht die Rede. / Dem Taumel weih‘ ich mich, dem schmerzlichsten Genuß, / Verliebtem Haß, erquickendem Verdruß“ (Sz. 4, Z. 303 ff.). Faust möchte die Welt auf dem Weg des Gefühls kennenlernen, wo es ihm auf dem Weg des reinen Verstands nicht möglich war. Erkenntnis (oder Harmonie mit der Welt) durch Emotionen ist sein Ziel, nicht die bloße Befriedigung der Lust. Zudem weiß Faust auch, dass neben seinem Drang zur Sinnlichkeit auch der Drang des Gelehrten, die Welt geistig zu erfassen, weiterhin besteht.
Mephistopheles‘ Strategie ist daher zu einseitig. Er bedenkt nicht, dass Faust zwiegespalten ist, dass zwei Seelen in seiner Brust wohnen (Sz. 4, Z. 35 ff.). Mit dieser einseitigen, nur auf eine Seele Fausts abzielenden Taktik wird Mephistopheles bei dem Gelehrten jedoch nichts erreichen - im Gegenteil: Diese Taktik würde wahrscheinlich zu einem Überdruss der einen Seite führen, was ebenfalls unbefriedigend für Faust wäre.
Nun tritt Faust kurzzeitig ab und eine kurze satirische Episode beginnt: Als ein Schüler zu Faust kommt, um von diesem eine Studienberatung zu erhalten, gibt der Teufel sich als Faust aus. Der Schüler ist sich noch nicht sicher, welche Fakultät er wählen soll, doch seine Wünsche in den Versen 1905 bis 1907 zeigen, dass er an den Inhalten eines Studiums wenig Interesse hat: „Doch freilich würde mir behagen / Ein wenig Freiheit und Zeitvertreib / An schönen Sommerfeiertagen“.
Mephistopheles nutzt die Verwirrung und Unsicherheit des Schülers, um jede Fakultät ins Lächerliche zu ziehen: Man lerne in keiner Fakultät etwas Nützliches, der Weg zur Wahrheit führe nicht über die Wissenschaft. Das einzige Studienfach, das Mephistopheles lobt, ist die Medizin, denn man könne damit Frauen für sich gewinnen (vgl. Sz. 4, Z. 639 ff.). Dies begeistert den Schüler sodann, dass er entschließt, Medizin zu studieren - diese satirische Szene schließt die Gelehrtentragödie inhaltlich ab, wie Faust wendet sich der Schüler vom Wissen ab und dem Genuss zu.
So sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
Dass ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuss betrügen -
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet ich!
(Sz. 4, Z. 205-211)
Nachdem Mephistopheles den Schüler verabschiedet hat, verspricht der Teufel, Faust erst „die kleine, dann die große Welt“ (Sz. 4, Z. 692) zu zeigen.