Das Frauenbild um 1800
In diesem Abschnitt steht das Frauenbild um 1800 als kontextgebendes Element in Die Marquise von O... im Mittelpunkt.
Rolle in der Gesellschaft
- Wirkungskreis: Die Frau um 1800 befand sich in ihrem Leben vor allem im Haushalt. Ihr war es nicht gestattet, eine Profession auszuführen. Bis sie heiratete war die Frau ausschließlich im Haushalt des Vaters tätig, nach der Heirat im Haushalt des Mannes.
- Aufgaben: Eine Frau hatte einen Haushalt zu führen, so war die Herrin des Hauses dafür zuständig, das Personal anzuweisen. Allerdings war sie auch für die Erziehung ihrer Kinder, deren Zeugung als wichtigste Aufgabe galt, zuständig.
- Bildung: Beschränkte sich auf die Rezeption von musischen Künsten (keine eigene Schaffung von Kunst!), so spielte sie Harfe oder Klavier, las Lyrik (ausgesucht vom Mann/Familienoberhaupt) und übte sich an Handarbeiten.
- Patriarchat: Die Frau unterstand in ihrer Jugend dem Vater und hatte seinen Anweisungen Folge zu leisten. Nach einer Eheschließung galt der Ehemann als Herr. Die Frau sprach nur, wenn sie dazu aufgefordert wurde, bemühte sich um ein ansehnliches Äußeres, um dem Mann zu gefallen, und war in der Regel sozial wie auch finanziell vom Mann abhängig.
- Selbstwahrnehmung vs. Fremdwahrnehmung: Die Frau war durch ihre Abhängigkeit vom Mann und die mangelnde Bildung kaum fähig, eine eigene, differenzierte Wahrnehmung zu entwickeln. Ihre eigenen Gedanken und Emotionen traten in den Hintergrund, es zählte vor allem, was das Umfeld dachte. Es galt für die Frau um 1800 weiterhin als unschicklich, eine eigene oder sogar kontroverse Meinung zu haben.
Abgrenzung Adel und Bürgertum
- Die Frau im Beruf: In Adelskreisen war es undenkbar, dass die Frau einem Beruf nachging. Auch im gehobenen Bürgertum war die Frau verpflichtet, sich um den Haushalt, den Ehepartner und die gemeinsamen Kinder zu kümmern. Dass eine Frau einer Profession nachging, kam nur in unteren Gesellschaftsschichten vor. Auch hier war die Berufswahl beschränkt, zum Beispiel gab es viele Hebammen.
- Die Frau in der Ehe: Die adlige Frau hatte meistens kein Mitspracherecht, wenn es um die Wahl ihres Ehemanns ging. Ehen wurden aus politischen oder gesellschaftlichen Ambitionen heraus geschlossen, was als sogenannte "Heiratspolitik" bezeichnet wird. Im Bürgertum ging der Trend um 1800 schon eher in Richtung Liebesheirat, auch wenn dieser Trend sich nur sehr langsam durchsetzte und dem Elternhaus immer noch ein großes Mitspracherecht eingeräumt wurde.
Die Umsetzung des Rollenbilds in Die Marquise von O...
- Das Pariarchat: Auch in der Novelle von Kleist untersteht die weibliche Hauptfigur einem männlichen Oberhaupt. Die Marquise befolgt zunächst alle Wünsche des Vaters, auch als der Graf F... um ihre Hand anhält, übernimmt Herr von G... die Gesprächsführung, während seine Tochter als stumme Unbeteiligte im Raum sitzt und keine Meinung ausdrückt. Erst als der Graf - ein Vertreter der Gesellschaft - weg und die Familie unter sich ist, kann die Marquise sich zu der Angelegenheit äußern.
- Auflehnung gegen den Vater: Sowohl die Marquise wie auch Frau von G... lehnen sich im Laufe der Handlung gegen den Vater auf. Durch die Widersetzung zweifeln sie das Patriarchat an und gewinnen damit ein Stück ihrer Unabhängigkeit zurück.
- Rückkehr in alte Muster: Sowohl Frau G... als auch die Marquise kehren nach der kurzzeitigen Auflehung gegen den Vater in die Strukturen des Patriarchats zurück. Die Marquise sieht sich gezwungen, den Vater ihres Kindes zu heiraten, und für die Mutter ist zweitrangig, dass ihr zukünftiger Schwiegersohn ein Vergewaltiger ist - Hauptsache ist, dass sein gesellschaftlicher Rang für die Familie angemessen ist.
- An dem gescheiterten Versuch der Emanzipation zeigt Kleist deutlich, dass das Problem des irrealen Frauenbilds in der Gesellschaft tief verankert war. Misogynes Gedankengut konnte nicht auf Anhieb aus dem Gesellschaftsbild getilgt werden, der Prozess der Emanzipation der Frau währte über Jahrhunderte und ist bis heute nicht komplett vollendet. Hier sollte beachtet werden, dass die Frau in Deutschland erst im Jahr 1919 wählen durfte - mehr als 100 Jahre nachdem die Handlung der Novelle stattfindet.