Aufbau
Die Märchennovelle Das Marmorbild, welche ein bedeutendes Werk der Spätromantik darstellt und von Joseph von Eichendorff verfasst wurde, lässt sich in fünf Abschnitte einteilen.
Märchennovelle
Es ist nicht klar ersichtlich, welcher Textsorte Das Marmorbild zuzuordnen ist, da Eichendorff selbst, in seinem Brief an Friedrich de la Motte-Fouqué von „einer Novelle oder Märchen“ spricht. Es lassen sich sowohl Merkmale eines Märchens als auch solche einer Novelle in dem Werk finden, die wir im Folgenden differenziert betrachten werdenMärchen
- Die einleitenden Worte „Es war ein schöner Sommerabend“ (Abschn. 1, Z. 2) besitzen eindeutig Märchencharakter
- Auch die Berufe der einzelnen Figuren (Sänger, Dichter, Ritter) stellen die typischen Charaktere in einem Märchen dar
- Zwar besitzt die Erzählung einen zugegebenermaßen vielschichtigeren Aufbau als ein Märchen, jedoch erweckt die Weltordnung, welche in Das Marmorbild vermittelt wird, einen volksmärchenhaften Anschein. Durch die strikte Einteilung der Rollen in „Gut“ (Bianka, Fortunato) und „Böse“ (Venus, Donati) wird dem Leser ein vorgefertigtes Konstrukt der christlichen Weltanschauung vorgegeben
- Der Ausgang der Märchennovelle und der Sieg des „Guten“ über das „Böse“ entspricht der Wunschvorstellung des Erzählers und erinnert stark an das übliche Happy End eines Märchens
- Weiterhin verstärkt das fantastisch-mystische Element die märchenhaften Züge der Erzählung. Aspekte wie Verwandlung, Traum, Verschiebung von Wirklichem und Imaginärem sowie die Einbettung zahlreicher Lieder (bspw. Abschn. 1, Z. 121 & 150, Abschn. 2, Z. 113, Abschn. 3, Z. 128) ) verleiht der Erzählung etwas Sagenumwobenes
Novelle
- Schwer zu übersehen ist, dass der Untertitel von Das Marmorbild „Novelle“ lautet. Aufgrund dieser eindeutigen Markierung sprechen wir auch vom Kompositum Märchennovelle und nicht vom Novellenmärchen, da das Zweitglied des Wortes dominierend über das Erstglied ist
- Novellenhaft ist, dass ein Zusammenhang zwischen den einzelnen Handlungsepisoden existiert und die Ereignisse in dem Werk sich aufeinander beziehen und nicht zusammenhangslos aneinandergereiht werden
- Wie es in einer Novelle typisch ist, gibt es auch in Das Marmorbild einen Höhepunkt in der Handlung, nämlich das finale Aufeinandertreffen von Venus und Florio (Abschn. 4). Auch der Wendepunkt der Erzählung, als Florio das wahre Gesicht der Venus erkennt und sich zum Aufbruch entschließt (Abschn. 4, 176 ff.) deutet klar darauf hin, dass es sich bei Eichendorffs Werk um eine Novelle handelt
- Ebenso die knapp gehaltene Biografie Florios, die Spielraum zur Interpretation zulässt sowie die Einbettung des Marmorbildes als Dingsymbol verstärken den Novellencharakter
- Zuletzt findet in einer Novelle immer eine unerhörte Begebenheit statt, die in Das Marmorbild in Form der Verblendung und Täuschung Florios dargestellt wird
Aufbau eines Dramas
Der Aufbau der Erzählung erinnert in seiner Gliederung in fünf Abschnitte an das klassische Drama mit fünf Akten. Dass es sich bei den Figuren im Werk um eine übersichtliche Anzahl an Charakteren handelt und diese wenigen Rollen alle in einer wechselseitigen Beziehung zueinander stehen, spricht ebenfalls für den traditionellen Aufbau eines Dramas. Im Nachfolgenden gliedern wir den Aufbau der Märchennovelle in fünf Abschnitte, unter Berücksichtigung der geistigen Entwicklung des Protagonisten.- Naiver Florio: 1. Abschnitt
Florio erreicht das kleine italienische Städtchen Lucca, wo er gleich zu Beginn die ersten Kontakte knüpft. Er trifft auf den Sänger Fortunato sowie den dunklen Ritter Donati. Außerdem macht er die Bekanntschaft mit der reizenden Ballspielerin Bianka. Ohnehin bereits überwältigt von den neuen, aufregenden Eindrücken entdeckt er dann noch eine geheimnisvolle mamorne Venusstatue, deren Schönheit ihn zugleich anzieht und ängstigt. - Verblendeter Florio: 2. - 4. Abschnitt
Getrieben von Sehnsucht, zieht es die Hauptfigur abermals zur mystischen Venus, woraufhin er an Stelle der steinernen Statue eine fleischgewordene Schönheit entdeckt, die seine Anziehung nur noch verstärkt. Es stellt sich heraus, dass sich die wundersame Dame und Donati kennen und Letzterer bietet an, Florio mit ihr bekanntzumachen.
Fortunato und Florio folgen der Einladung zu einem Maskenball, auf dem Florio einer verkleideten Griechin begegnet, die sich als die schöne Bianka herausstellt. Obwohl Florio einen wunderschönen Abend mit ihr verbringt, teilt er ihr bei der Verabschiedung seine geplante Abreise mit. Bianka sagt ihm Lebewohl und bleibt mit gebrochenem Herzen zurück.
Es kommt zum ersten persönlichen Aufeinandertreffen von Venus und Florio und die geheimnisvolle Schönheit lädt Florio in ihr Schloss ein, was dieser nur allzu gern annimmt. Aus anfänglicher Hingerissenheit über den sinnlichen Reiz der Schlossherrin wird jedoch jähes Entsetzen, als ihm ihr Gesicht durch einen Gewitterblitz plötzlich wie tot und bleich vorkommt. - Neugeborener Florio: 5. Abschnitt
Mitgenommen von den Ereignissen der vergangenen Nächte und Tage, entschließt sich Florio zum finalen Aufbruch aus Lucca. Vor den Toren der Stadt trifft er auf zwei alte Bekannte, Fortunato und den Gastgeber des Maskenballs Pietro, der noch einen Knaben bei sich hat. Nachdem Fortunato die Sage um die heidnische Göttin Venus erzählt hat und wie sie jedes Frühjahr zum Leben erwacht, um naive junge Männer in ihren Bann zu ziehen, fällt es Florio wie Schuppen von den Augen, dass er getäuscht wurde. Daraufhin gibt sich der Knabe als Bianka zu erkennen und mit einem Mal erkennt Florio seine Gefühle für die junge, geduldige und unschuldige Frau und sie reiten gemeinsam in den Sonnenaufang.