Mephisto
Mephisto ist eine der berühmtesten Figuren der deutschen Literaturgeschichte und gleichzeitig eine der ungewöhnlichsten. Mephisto dient als Schurke wie als Schelm - er widert den Leser an ebenso vielen Stellen durch seine Art an, wie er ihn durch seine schlagfertige Art zum Lachen bringt. Mephisto ist für Goethe ein „Bösewicht“ und ein „Spaßbringer“, der das Publikum unterhält. Er wirkt als Teufel nicht bedrohlich, sondern eher komisch und demonstriert Goethes Leidenschaft für derbe Witze - er gibt beispielsweise ständig anzügliche Sprüche von sich. Somit ist er kein biblischer Teufel, sondern eine fantasievolle Erfindung Goethes.
Doch wer ist Mephisto genau? Dies ist nur schwer verständlich. Er und Gott hassen sich nicht, denn dieser betrachtet ihn eher als jemanden, der „Schalk“ (V. 3, Z. 138), also Streiche spielt, als seinen Kontrahenten. Tatsächlich scheint Mephisto ein Diener Gottes zu sein, da er die Menschen zur Tätigkeit antreibt: „Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen, [...] Drum geb ich [= der Herr] gern ihm den Gesellen zu, / Der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.“ (V. 3, Z. 139 ff.) Mephisto selbst gibt zu, Gott gerne zu sehen (vgl. V. 3), bezeichnet sich aber als „Ein Teil von jener Kraft / Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ (Sz. 3, Z. 179 f.). Er ist ein „Geist, der stets verneint“ (Sz. 3, Z. 186), also dem Leben den Sinn und Gottes Schöpfung den Wert abspricht. Mephisto ist also, obwohl er Gott persönlich kennt, ein Nihilist - ein wahres Paradoxon. Sein Ziel ist es, sämtliche Existenz auszulöschen, doch gelingt ihm dies laut eigener Aussage nicht, denn er ist nur ein Teil des Bösen, nicht aber ein allmächtiger Teufel.
Da er die Welt nicht zerstören kann, spielt er die Rolle des hedonistischen (= an der Erfüllung seiner Lust interessierten) Zynikers, der die Menschen zum sinnlichen Genuss und damit zur Maßlosigkeit bewegt, obwohl er sie dafür belächelt, sich leicht verführen zu lassen. Er verachtet die Menschheit insgesamt: dafür, nach der Wahrheit zu streben, wo ihnen das nicht gelingen kann, für ihren Hang zur Wissenschaft, die er als gänzlich nutzlos bezeichnet und in einer satirischen Szene der Lächerlichkeit preisgibt, in der er sich als Faust ausgibt und einen beginnenden Studenten bei der Studienfachwahl berät. Mephisto hält die Menschheit für eine misslungene Schöpfung und will dies Gott demonstrieren, indem er Faust auf den Weg des Bösen lockt.
Zu Faust hat er ein ambivalentes (= zwiespältiges) Verhältnis: Er ist zwar sein vertragsgebundener Partner, doch versucht er, durch die Erfüllung von dessen Wünschen an seine Seele zu gelangen. Damit ist er gleichzeitig Kontrahent Fausts. Er macht sich auch einen Spaß daraus, diesen vor sich selbst zu erniedrigen, indem er ihn zu Ausschweifungen verleitet. Mephistos Arbeit ist also eher subtil, indem er nämlich die unterdrückten Begierden der Menschen weckt (vgl. hierzu Sz. 14). Dafür muss er besonders hinterlistig sein: Faust kann er nicht mit Gelagen reizen, also nutzt er dessen Liebe zu Gretchen, um ihn auf den Pfad des Bösen zu locken. Rücksichtslos nutzt er die Schwächen der Menschen aus, für ihn ist die Welt nichts anderes als ein großes Spiel voller lächerlicher Figuren. Er erzählt Gretchens Nachbarin Marthe die schamlose Lüge, dass ihr Mann gestorben sei und ein Verhältnis mit einer anderen Frau gehabt habe und reizt sie dadurch mitleidlos zu Tränen.
Mephisto ist also keine bloß belustigende Figur, sondern durch sein unmoralisches Verhalten, das er offen und stolz und mit sprachgewandtem Witz präsentiert, auch ein verabscheuungswürdiger Charakter. Er täuscht die Menschen jedoch über seine wahre Natur hinweg, da er nach außen hin meistens wie ein junger Adeliger wirkt und durchaus charmant sein kann, wenn er das will. Er ist also ein unauffälliger Teufel - nicht zuletzt durch seine äußere Erscheinung. Nach außen hin wirkt er nicht wie die der ziegenbeinige Herr der Hölle, wie man ihn sich gemeinhin vorstellt, sondern mal wie ein junger Adeliger, mal wie ein Scholar (also wie Faust) oder gar wie ein Pudel. Nur Gretchen spürt durch ihren frommen Glauben intuitiv, dass Mephisto eine Kraft des Bösen ist, weshalb sie vor ihm Ekel empfindet; Faust erkennt Mephisto als Teufel durch seine Beschäftigung mit der Magie.