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Schlemhils Entwicklung

Obwohl es sich bei dem Werk Schlemhils wundersame Geschichte nicht um einen typischen Roman handelt, tauchen einige Merkmale eines Entwicklungs-/ Bildungsromans auf. Dem Leser wird eine Lebensreise des Protagonisten erzählt, die als junger Mann beginnt und bis ins hohe Alter Schlemhils führt. Im Folgenden sollen die wichtigsten Schritte genannt werden, die mit Schlemhils gesamter geistiger Entwicklung, seinem Lernprozess und seiner Reflexion einhergehen. Außerdem soll auf die Frage, ob Schlemhil eine erfolgreiche Entwicklung im Sinne eines klassischen Entwicklungs-/ Bildungsroman durchläuft, eine annähernde Antwort gegeben werden.

Das Verhältnis zwischen Glück und Moral

  • Schlemhil muss sich mit unterschiedlichen Arten von Glück auseinandersetzen. Zunächst erfährt er ein Glück im Sinne eines Zufallsglücks, das Schlemhil von außen zugetragen wird. Der Erwerb des Geldsackes eröffnet einen komplett neuen Themenkomplex und initiiert ebenfalls den Lernprozess des Protagonisten. Schlemhil wird erstmals mit Reichtum und dem Umgang mit Geld konfrontiert.
  • Geld bedeutet für ihn zunächst großes Glück und im gesamten Werk fällt auf, dass Geld stark glorifiziert wird. Schlemhil lernt im Laufe der Geschichte jedoch, dass Geld alleine nicht ausreicht, um anerkannt zu sein. Der höchste Reichtum bringt einem Menschen nichts, wenn er das Wertvollste, das er besitzt, seinen Schatten verliert.
  • Seine tragische Entscheidung, die Schattenlosigkeit einzig und allein durch die Sehnsucht nach Anerkennung und Reichtum abzugeben, spricht nicht gerade für Schlemhils moralische Integrität. Er stellt seinen persönlichen Vorteil, sein eigenes Glück über seine Moral und ist bestechlich. Auch innerhalb der Gesellschaft verhält er sich unmoralisch, indem er die Menschen im Badeort anlügt und sich als reinen Grafen ausgibt. Die Lüge stammt zwar ursprünglich von seinem Diener Rascal, jedoch deckt Schlemhil die Unwahrheit nie auf und lässt die Bürger im falschen Glauben verbleiben. Es fällt jedoch auf, dass Schlemhil dies zu seinem Selbst- bzw. Eigenschutz macht, um sich vor der Verachtung und dem Missverständnis der Bürger zu schützen.
  • An späteren Stellen in Schlemhils Leben steht der Glücksfall weniger für ein zufällig eintretendes Glück, das außen initiiert wird. Es kann vielmehr mit dem Gefühl von Glückseligkeit und Erfolg in Verbindung gebracht werden, das von innen herauskommt. Es verdeutlicht sich darin, dass Schlemhil langfristig zufriedener scheint als noch zuvor. Das Geld lässt ihn nur für einen begrenzten Zeitraum glücklich fühlen. Hingegen zeichnet sich Schlemhils Hinwendung zur Botanik, seine Forschung in der Natur und die Reise in seinen Siebenmeilenstiefeln durch das Empfinden eines Glücksgefühls und das Erreichen von Erfolg.
  • Letztendlich sorgt die Flucht aus dem normierten und konservativen Bürgertum, das die Individualität und Kreativität Schlemhils in Fesseln hält, ebenfalls für die Glückseligkeit Schlehmhils. Als Fluchtmöglichkeit dienen seine Siebenmeilenstiefel. Schlemhil erreicht sein Glück also nur mithilfe fantastischer Möglichkeiten. Das physische als auch geistige Weiterkommen in der bürgerlichen Welt ist sehr eingeschränkt. Genauso lernt er, dass ihn nur jenes Glück, welches in ihm selbst entsteht, ihn langfristig und nachhaltig glücklich macht.

Zusammenhang zwischen Schlemhils Entwicklung und der eines charakteristischen Bildungs-/ Entwicklungsromans

  • Es lassen sich einige Übereinstimmungen mit einem Entwicklungsroman festmachen, insofern, dass es sich bei Schlemhil um einen jungen, sich in der Gesellschaft fremd fühlenden Menschen handelt, der unter einer Existenzproblematik und der einem damit verbundenen Fluchtreflex handelt.
  • Ebenfalls besitzt Schlemhil weitere Charakteristika wie seine Grundnähe zum Schreiben oder sein Streben nach Erkenntnis und Forschung. Im Laufe seiner Geschichte flieht er immer öfter aus der Realität und immer weiter weg, bis er sie letztlich vollständig verlässt.
  • Außerdem lässt sich eine gewisse Formbarkeit und Offenheit des Protagonisten feststellen, die die Konfrontation mit magischen Dingen überhaupt erst ermöglicht. Er lässt magische Begegnungen zu und sieht deshalb wunderbare Dinge.
  • Es handelt sich um die Entwicklung von einer unbewussten, jungen, unbeholfen und tollpatschigen zu einer gereiften Persönlichkeit. Der Prozess des Erwachsenwerdens und seine Lebensstufen umfassen das Motiv des Reisens und Wanderns. Dabei erfährt er Krisen mit den Realitäten der Welt. Seine persönliche Entfaltung ist von Erfahrungen mit (falschen) Freundschaften, Begegnungen und der Liebe geprägt.
  • Der gravierende Unterschied ist jedoch, dass Schlemhils Entwicklung nicht in eine Eingliederung in die Gesellschaft mündet. Er wird an keiner Stelle komplettes Teil der bürgerlichen Welt. Somit wird das eigentliche Ziel eines Entwicklungsromans verfehlt, in dem die Anerkennung, Bejahung und Erfüllung der Aufgabe des Protagonisten innerhalb der Gesellschaft stattfinden sollte. Seine Eingliederung ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt und führt stattdessen zur Flucht in die Welt des Magischen.
  • Als Leser hat man oft den Eindruck, dass er seiner Situation missfällt und selbst wenig Einfluss auf seine negative Entwicklung und seine Entscheidungen hat. Man verspürt Mitleid mit einem unerfahren jungen Mann, der tollpatschig ist und vom Pech verfolgt zu sein scheint.
  • Somit bleibt ein weiteres Charakteristikum unerfüllt: Schlemhil zeigt wenig Eigeninitiative innerhalb seiner Entwicklung und entwickelt sich eher aus günstigen Zufällen heraus. Seine Reifung geschieht weniger autonom, weil sein Ziel anfangs auch sehr unbestimmt ist. Durch die Zufälle hat er es einfacher und gelangt bspw. ebenfalls zufällig an die Siebenmeilenstiefel, die ihm helfen.
  • Durch den Exkurs zur Gattung des Entwicklungs-/ Bildungsromans lässt sich zusammenfassend festhalten, dass es sich bei dem Werk Peter Schlemhils wundersame Geschichte um ein Volksmärchen mit Teilen eines Entwicklungs-/ Bildungsromans handelt.

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