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Illusion und Wirklichkeit - Romantik, Kriminalistik, Gesellschaftskritik

Das Fräulein von Scuderi ist eine fortschrittliche Novelle. Hoffmann verbindet Motive und den Leitsatz der Romantik mit dem Typus der Kriminalerzählung, um daraus eine Gesellschaftskritik zu formen. Neu war der Ansatz, zu Beginn der Erzählung dem Leser viele Fragen zu eröffnen, die erst spät beantwortet werden können. Damit war er seiner eigenen Zeit weit voraus. Edgar Allan Poe, der den Typus der Detektivgeschichte ausarbeitete und diesem Genre zu Berühmtheit und dem Einzug in den gesellschaftlichen „Mainstream“ verhalf - wenn auch nicht zu Lebzeiten -, gilt als Bewunderer Hoffmanns. Eine seiner berühmtesten Erzählungen, The Fall of House Usher, greift viele Elemente und sogar einzelne Namen aus Hoffmanns Erzählung Das Majorat auf. Liest man heutige Krimis, so wird man in 99 Prozent aller Fälle feststellen, dass der Autor die Probleme der modernen Gesellschaft aufgreift. Das Fräulein von Scuderi stellt u.a. eine Kritik der damaligen Gesellschaft dar. Typisch ist auch heutzutage das Aufdecken der Fehler in der Gesellschaft, die sich sonst verbergen. Hoffmann thematisiert damit Schein und Sein, Wirklichkeit und Illusion.
So stellt sich auch die Gesellschaft in seiner Novelle als verlogen dar. Am Hofe scheint alles in Ordnung zu sein, Künstler und Intellektuelle besuchen den König und seine Geliebte, man wähnt sich in Sicherheit, man zieht schöne Gewänder an, man ergibt sich dem Anschein einer geordneten, friedlichen Gesellschaft, die vom König und seinen Bediensteten wohlbehütet wird. Unter dieser glanzvollen Oberfläche verbergen sich aber Gewalt und Mord - eine Liste mit prominenten Kunden einer Verbrecherin offenbart die gesellschaftliche Lüge. Hinter den angesehenen Bürgern können sich Verbrecher verbergen, das, was der Mensch seinen Mitbürgern zeigt, ist nicht das, was er ist. Die Öffentlichkeit ist für manche ein Schauspiel, sie spielen die Rollen als brave Mitbürger bereitwillig, während sie ihre dunklen Geheimnisse sorgsam verstecken. Der König, der sich an der Oberfläche der Gesellschaft bewegt, und die Chambre ardente, die nicht in den Kern der Menschen dringt, sondern Geständnisse durch Folter erzwingt, können nicht hinter die Fassade der Menschen blicken. Wir haben es hier mit zwei Seinsebenen zu tun: Ordnung an der Oberfläche, Chaos im Untergrund. Die Kräfte der Ordnung, die es versäumen, die Oberfläche zu durchdringen, scheitern daran, das Chaos zu bändigen. Nur dem einfühlsamen, intuitiven Fräulein von Scuderi gelingt es, das Chaos zu erkennen und aufzuhalten. Die Gesellschaft ist nur dann friedlich, wenn die Oberfläche mit dem Wesen der Gesellschaft übereinstimmt - also wenn alle moralisch erscheinenden Bürger auch tatsächlich moralisch handeln. Das Unterdrücken der Leidenschaften, das Unterbewusstsein projiziert sich auf die gesellschaftliche Struktur. Dies lässt sich mit den Ideen des Psychoanalytikers Sigmund Freud erklären: Das an die Moral appellierende und ein Ideal darstellende Über-Ich ist der Hofstaat, das Ich ist das Individuum, das sich nach dem Über-Ich richten möchte und das auf die Befriedigung der Begierden, nicht auf Moral achtende Es ist das Geheimnis in ihm, der Trieb, der gegen die Ordnung verstößt.
Hier verbinden sich Romantik und die kriminalistische Erzählung: Sie teilen das Interesse am Geheimnis, am Inneren des Menschen. Die Gesellschaftskritik offenbart sich darin, dass nicht nur ein Fall gelöst, sondern die Gesellschaft mit ihrer Ungerechtigkeit und ihrem Trug aufgedeckt wird. Eine Besonderheit der Novelle ist, dass die Aufklärung nicht durch rationale Deduktion wie etwa bei Sherlock Holmes, sondern durch gefühlvolle Intuition und durch drei Monologe, nicht durch Verhöre geschieht. Dies ist ein deutlich romantischer Einschlag.

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