Die biographische Interpretation
Auf einen Blick
Grundsätzliches
Abb. 1: Kafkas Eltern im Jahr 1913
Die einen sind literarische Figuren, die andere eine reale Familie. Die Ähnlichkeiten beginnen schon bei Gregor Samsa selbst - Gregor Samsa ist ein beruflich erfolgreicher junger Mann, der jedoch unter dem finanziellen Druck seiner Familie steht, da er ihr Hoffnungsträger ist. Er hat ein introvertiertes, rücksichtsvolles Wesen und schätzt es, nicht gestört zu werden. So ist es ihm unangenehm, wenn seine Schwester in sein Zimmer stürmt und begrüßt es, als sie ihn im Zimmer einschließt. Er findet das „behaglich“ (S. 31). Sein Zimmer ist gewissermaßen sein Reich.
Diese Charakterzüge teilt Gregor Samsa mit Franz Kafka. Kafka war für seine extrem introvertierte und zurückhaltende Persönlichkeit bekannt. Gleichsam erwartete er auch, dass man ihn nicht bedrängte. Seiner Verlobten Felice Bauer erlaubte er zum Beispiel nicht, ihm beim Schreiben zuzusehen, da er dabei gänzlich ungestört und isoliert sein wollte. Er beschrieb Felice Bauer seine Fantasie, in einem dunklen Keller in einer Kammer eingesperrt zu leben, wo er sich ganz dem Schreiben hingeben könnte. Nur sollte man ihm Essen in den Keller stellen - allerdings so, dass von der Anwesenheit des Lieferanten nichts mitbekäme. Dieses freiwillige Gefängnis ist aber zu unterscheiden von Gregors unfreiwilligem Gefängnis. Jedoch betrachten beide das abgeschlossene Zimmer als einen Ort der Ruhe und einen Ort der Identität, da er nur ihnen gehört. Deswegen ist Gregor auch so betrübt, als man sein Zimmer als Abstellkammer missbraucht: Es zeigt, dass die Familie ihn missachtet.
Die berufliche Situation von Franz Kafka und Gregor Samsa ähnelt sich ebenfalls. Kafka war beruflich sehr erfolgreich und stieg in seinem Betrieb (einer Versicherungsgesellschaft) gleich mehrmals auf: Er wurde jeweils 1910, 1913, 1920 und 1922 befördert (die letzten drei Daten sind natürlich für das Entstehen der Verwandlung unwichtig). Ab 1908 bis 1916 musste er mehrere Dienstreisen antreten - für Gregor Samsa schließlich gehört das Reisen zum Beruf. Beide sind als einzige männliche Erben ihrer Väter Hoffnungsträger der Familie und damit einem großen Druck ausgesetzt. Gregor Samsa muss zusehen, wie seine Familie ohne seinen finanziellen Beitrag von Sorgen zerfressen wird. Jedoch wünscht er sich am Anfang der Erzählung aus dem Berufsleben heraus, denn es erfüllt ihn nicht. Dass er in seiner wenigen Freizeit Laubsägearbeiten anfertigt, ist ein Hinweis auf eine kreative Ader. Auch Franz Kafka fühlte sich nicht von seinem Beruf erfüllt, stattdessen wollte er ein Schriftsteller sein, worauf sein Vater nur mit Unverständnis reagierte. Der Konflikt mit dem Vater findet sich auch in der Verwandlung wieder. Kafkas Texte werden oft mit seinem Vaterkomplex in Verbindung gebracht - tatsächlich scheint das naheliegend, da schließlich das Verhältnis zwischen Gregor und seinem Vater die Handlung maßgeblich bestimmt. Die Parallelen vom Samsa-Vater zum Kafka-Vater lassen sich schon anhand deren Aussehen ziehen. Gregors Vater wird als Mann von mächtiger, imposanter Figur beschrieben (obwohl auch übergewichtig). Er ist ein älterer Mann, der nun innerhalb der Erzählung seine alte Kraft wiedererlangt. Kafkas eigener Vater hatte keinen solchen Schwächeanfall, aber im Brief an den Vater betont Kafka den körperlichen Unterschied zwischen ihnen: Während er sich selbst als von schwacher Statur beschreibt, beschreibt er seinen Vater als starken, kräftigen und auf seinen Sohn einschüchternd wirkenden Mann. Die körperliche Figur und ihr unterschiedliches Wesen sieht Kafka als Auslöser für seinen Vaterkomplex. Während er selbst sein Glück nicht im Beruf finden konnte und trotz des Wohlstands seiner Familie nicht vollends glücklich war, war sein Vater stolz darauf, durch seine harte Arbeit der Familie ein finanziell gut abgesichertes Leben bieten zu können und verstand nicht, wie Franz unglücklich sein konnte. Dieser wiederum bewunderte seinen Vater zwar für dessen Geschäftstüchtigkeit, sah sich selbst aber nicht als derart willensstark und geschickt. Als sein Schwager eine Fabrik gründete, erweckte auch die Forderung seiner Familie, sich an diesem Geschäft zu beteiligen, nicht das Interesse Kafkas. Sein Interesse lag bei der Literatur und nicht dem Geldverdienen. Das Verhältnis zu seinem Vater war für Kafka daher ein entfremdetes, er betonte den Wesensunterschied zu jenem und verneinte, dass sie einander verstehen könnten. Er warf ihm vor, einen Ausgleich mit Franz gar nicht erst zu suchen, sondern ein bestimmendes, dominantes und respektloses Verhalten zu zeigen, sich über seinen Sohn einfach hinwegzusetzen. Das Familienleben war für Kafka daher kein liebevolles Zusammensein, sondern eine von Konflikten geprägte Situation. Franz Kafka hoffte, von seiner Schwester und seiner Mutter in diesem „Kampf“ um Anerkennung Rat und Beistand zu erhalten. Das Verhältnis von Gregor zu seinem Vater sieht ähnlich aus. Als Käfer ist er nun nicht mehr in der Lage, die finanziellen Erwartungen seiner Familie zu erfüllen - auf die Verwandlung reagiert der Vater bemerkenswerterweise zuerst feindselig. Er tritt seinem nun nicht mehr arbeitsfähigen Sohn aggressiv gegenüber, bedroht ihn mit seinem mächtigen Körper und verwundet ihn sogar. Er missachtet völlig, dass Gregor auch in seinem neuen Zustand Stolz besitzt, über dessen Gefühle denkt er nicht einmal nach. Für ihn ist Gregor wie ein Feind, den er besiegen oder unterwerfen muss. Das Vater-Sohn-Verhältnis erscheint wie eine extreme Steigerung des Verhältnisses von Franz zu Hermann Kafka. In der Erzählung entscheidet der finanzielle Beitrag über den Wert innerhalb der Familie. Während der Vater schwach schien, als sein Sohn noch arbeitete, wird er zur starken und autoritären Person, als er nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit wieder einen Beruf ausübt und zum Ernährer der Familie wird (Schwester und Mutter arbeiten zwar auch, werden aber sehr viel weniger als der Vater verdienen). Übrigens könnte die Tatsache, dass Gregors Vater im Beruf zwar engagiert, aber erfolglos war, ein ironischer Seitenhieb auf Franz Kafkas Vater sein, dessen Geschäft viel Geld einbrachte.
Die Familie wird nun erkennbar hierarchisch strukturiert, mit Gregor als Ausgestoßenem, der in seinem Zimmer wie ein Gefangener lebt, der Schwester und der Mutter als dem Vater nicht gleichberechtigten Familienmitgliedern. Die Schwester wird jedoch am Ende zu einer emanzipierten Person und zeigt sich in der Diskussion um die Zukunft Gregors als dem Vater gleichberechtigt. Der Vater versucht, die Rolle des Pater Familias auszufüllen - wie Franz Kafkas Vater auch. So wird Gregor durch seinen Vater eingeschüchtert und empfindet das Unvermögen, die Familie weiterhin zu ernähren, als Schande. Durch seine Verwandlung bricht das verborgene Konfliktpotential der Familie aus, die niemals dem bürgerlichen Ideal der liebevollen Familie entsprach. Nun tritt das Vater-Sohn-Verhältnis als offene Feindseligkeit zutage. Gregors Vater versucht nicht erst, sich in seinen Sohn einzufühlen, am Ende des dritten Teils verneint er sogar, dass sein Sohn ihn überhaupt verstehen könne. Eine offene Aussprache kommt hier ebenso wenig zustande wie im Hause Kafka und führt zum fatalen Ende Gregors. Die Vaterfigur in der Verwandlung könnte daher eine versteckte Anklage Kafkas an seinen Vater sein, von dem er sich körperlich und in Hinblick auf die Geschäftstüchtigkeit unterscheidet wie Gregor zu seinem Vater, wenn auch der Konflikt in der Verwandlung extrem zugespitzt ist. Diesem zentralen Konflikt sind auch die anderen Familienmitglieder unterworfen. Gregors Mutter liebt ihren Sohn trotz dessen Verwandlung immer noch, doch unterwirft sie sich dem dominanten Vater und nimmt eine passive Rolle ein. Sie traut sich nicht, etwas entgegen seinem Willen zu tun und bittet ihn daher bloß, ihren Sohn zu verschonen, statt es zu fordern. Auch der Schwester stellt sie sich nicht energisch entgegen, als sie Bedenken äußert, ob das Entfernen der Möbel aus Gregors Zimmer eine gute Idee sei und lässt sich überreden. Als schwache Person ergreift sie fast nie Eigeninitiative. Diese Charakterzüge weisen Parallelen zu Kafkas Mutter auf: Auch sie akzeptierte die familiäre Herrschaft ihres Mannes und stellte sich nicht gegen ihn. Als sie Kafkas Brief an den Vater entdeckte und las, verbat sie ihm, den Brief seinem Vater vorzulegen, da sie sich um dessen Gesundheit sorgte. Zwar liebte auch sie ihren Sohn sehr, doch stellte sie sich auf die Seite des Vaters und nicht die ihres Sohnes. Grete nimmt eine Schlüsselrolle für Gregor ein und ist mit Kafkas Schwester Ottilie, genannt Ottla, zu vergleichen. Ottla war eine der wichtigsten Personen in Kafkas Leben. Sie war eine vertraute Bezugsperson, Freundin und Ratgeberin. Kafka lebte einige Monate auf ihrem ländlichen Hof, als er 1917 an Tuberkulose erkrankte. Sie galt als starke Persönlichkeit, die ihren Willen durchsetzen konnte, ganz wie ihr Vater Hermann Kafka, gegenüber dem sie sich bisweilen durchsetzte. Sie bewies damit stärkere Charakterfestigkeit als ihr Bruder.
Grete ist für Gregor ähnlich wichtig. Sie ist ihm von allen Menschen am nächsten und das Bindeglied zwischen ihm und seiner Familie. Sie ist die erste, die sich in sein Zimmer traut und übernimmt seine Pflege. Anfangs sorgt sie sich anscheinend noch um Gregor. Sie ist gewissermaßen seine Hoffnung und seine Verbündete. Kafka hoffte ebenfalls, dass seine Schwester ihm in Konflikt mit dem Vater half. Doch enttäuschte sie ihn 1912, als sie sich auf die Seite des Vaters schlug: Dieser forderte von Franz, sich an der Fabrik seines Schwagers zu beteiligen. Auch Ottla fand, dass sich Kafka nicht einfach von den Familiengeschäften zurückziehen könnte. Das empfand der sensible Franz, der sich vom Vater unter Druck gesetzt sah, als Verrat. Gregor Samsa wird von Grete ebenfalls verraten. Sie vernachlässigt seine Pflege mehr und mehr und entwickelt sich schrittweise zu einer emanzipierten Persönlichkeit, die sich eine wichtige Rolle in der Familie erkämpft - sie denkt an ihren eigenen Nutzen und verdrängt damit Gregor. Am Ende ist sie es, die den Vater davon überzeugt, dass ein Übereinkommen mit Gregor nicht möglich ist, übernimmt also dessen Grausamkeit bzw. übertrifft sie sogar. So, wie Ottla dem Wesen ihres Vaters mehr entsprach als Franz Kafka, zeigt auch Grete mehr vom dominanten, selbstbewussten Verhalten des Vaters als Gregor. Grete Samsa kann daher als ein literarisches Ventil Franz Kafkas gelesen werden, der mit der Verwandlung die Konflikte in seiner Familie verarbeitete, wenn auch in zugespitzter Form. Diese Lesart gilt aber in akademischen Kreisen als veraltet und unwissenschaftlich. In der Verwandlung offenbart sich laut der biographischen Lesart der Vaterkomplex Kafkas. Die Verwandlung Gregors in einen Käfer wird als Metapher für die Minderwertigkeitsgefühle Kafkas gelesen: Kafka fühlte sich als dem Vater unterlegen, als „nutzlos“, womöglich sogar als „missratenen“ Sohn (wobei man hier vorsichtig sein sollte, da es unterschiedliche Meinungen zu Kafkas Gefühlen bezüglich sich selbst gibt!). Die Verwandlung markiert die Übernahme des Bildes, das der Vater vom Sohn hat: Hermann Kafka hielt seinen Sohn in manchen Belangen für untüchtig und „aus der Art geschlagen“. Das Aussehen Gregors als abartiges Ungeziefer trennt ihn radikal von seiner Familie wie dem Rest der Menschheit. Als Ungeziefer ist er zu nichts mehr nütze und schämt sich für sein Unvermögen, der Familie nun zu helfen. Die Verwandlung könnte daher unter Umständen für die Gefühle der Entfremdung und der Minderwertigkeit stehen, die Kafka vielleicht empfunden hat. Gleichzeitig könnte sie auch dafür stehen, dass sich Kafka familiär ausgestoßen gefühlt hat, obwohl man ihn nicht ausgrenzte, sondern Ansprüche an ihn stellte, ihn dabei in seiner Freiheit beschränkte. Manche Biographen lesen Die Verwandlung aber auch als Auseinandersetzung Kafkas mit seiner jüdischen Herkunft. Als deutschsprachiger Jude im hauptsächlich tschechischsprachigen Prag war er gleich zweifach Mitglied einer Minderheit. Kafka lebte in einer Zeit, in der weite Teile der Bevölkerung Antisemiten waren. Das Bild der Verwandlung in ein Ungeziefer kann also auch für Kafkas Gefühle von gesellschaftlicher Entfremdung stehen bzw. das Bild, das manche Menschen von den Juden hatten. Kafka selbst empfand sein Judentum für problematisch, auch wenn er natürlich kein Ausgestoßener war und von seinem Umfeld hoch geachtet wurde. Er fühlte sich jedoch „anders“. Mit der Verwandlung in ein Insekt wird diese Andersartigkeit zu einem Extrem. Die Verwandlung als autobiographischen Text Kafkas zu lesen, vereinfacht die Erzählung. Kafka hat zwar in seinem Brief an den Vater behauptet, sein Schreiben würde sich mit seinem Konflikt mit dem Vater auseinandersetzen, doch ist auch dieser Brief kein Tatsachenbericht und ein literarisches Produkt. Kafkas Texte weisen oft über die Realität hinaus, sie sind mehrdeutig. Kafka sah in der Literatur unter anderem einen Ausbruch aus der Welt oder einen Versuch des Ausbruchs, als eine Suche nach der Wahrheit, die außerhalb der Welt zu finden ist. Vielmehr ist Kafkas Leben als eine Quelle der Inspiration zu sehen, die ihm die Themen seiner Literatur gab. Sein konfliktgeladenes Familienleben ließ ihn Ausgrenzung, Gefangensein, Schwäche, bisweilen Gefühle der Minderwertigkeit und Hoffnungslosigkeit und des Drucks fühlen. Diese Gefühle finden sich in seiner Literatur, die damit noch lange keine Bewältigung des eigenen Lebens sein muss. Sie ist eher in Kafkas Weltsicht einzuordnen, die aus seiner Biographie heraus entstand. Eine biographische Lesart kann uns diese Weltsicht begreiflich machen. Aber Kafkas Kunst ist auch ein Ausbruchsversuch aus der Welt, daher sollte man Die Verwandlung nicht mit der Person des Autors gleichsetzen. Es gibt immer mehrere Möglichkeiten, einen Text zu deuten und keine ist die einzig wahre. Bildnachweise [nach oben]
- Kafkas Texte stecken voller versteckter Bedeutungen
- Keine Deutung kann Kafkas Texte komplett entschlüsseln, denn sie sind mehrdeutig!
- Es gibt drei größere Deutungsansätze
- Die Verwandlung wird als schriftliche Auseinandersetzung Kafkas mit seinem Leben verstanden
- Kafka drückt über die Erzählung den Konflikt mit seinem dominanten Vater aus
- Die Familie Samsa ähnelt der Familie Kafka in vielen Belangen (patriarchalischer Vater, schwache Mutter, selbstbewusste Schwester, unsicherer Sohn)
- Die Verwandlung in einen Käfer steht für die Minderwertigkeitsgefühle Kafkas und seine gesellschaftliche Isolation als Jude
- Nutzt die Theorien Freuds zur Persönlichkeit und zum Ödipuskomplex zum Verständnis des Text
- Persönlichkeitsmodell: Gregor ist vom moralische Gesetze vorgebenden Über-Ich bestimmt und vernachlässigt sein Es, also seine Triebe
- Das Ich Gregors ist gestört, er ist unzufrieden und entwickelt eine psychische Krankheit, weshalb er bloß denkt, er sei ein Käfer
- Gregor hat ein unterdrücktes sexuelles Verlangen nach seiner Mutter (und seiner Schwester) und hasst demnach seinen Vater, den er früher durch beruflichen Erfolg verdrängen wollte
- Das problematische Verhältnis zum Vater führt zu dessen Betonung von männlicher Stärke und Gewalt, Gregors Leben ist maßgeblich vom Ödipuskomplex bestimmt
- Einige unerklärliche Stellen werden als Phantasien Gregors oder Hervorbrechen seines Unterbewusstseins gedeutet
- Die Verwandlung thematisiert soziale Ungerechtigkeit: Gregor wird von seinem Umfeld bereits vor der Verwandlung ausgenutzt und nun nicht mehr wie ein Mensch behandelt
- In seinen Arbeitsbedingungen spiegelt sich das skrupellose Wesen eines modernen Kapitalismus, in dem nur das Recht des Stärkeren gilt
- Die Samsas als Familie stehen für das Spießbürgertum insgesamt - das Spießbürgertum wird als heuchlerisch entlarvt, denn die Samsas verhalten sich weniger menschlich als der verwandelte Gregor
- Das Patriarchat wird als unmoralisch charakterisiert; die Machtverhältnisse in seiner Familie werden Gregor zum Verhängnis
- Die angebliche Zivilisation der Moderne ist nur eine Illusion, Gregors Umfeld verhält sich brutal und rücksichtslos
- Es gibt 4 Motive, die innerhalb der Verwandlung und auch in anderen Texten Kafkas immer wieder auftauchen
- Fenstermotiv: Das Fenster trennt das Familienleben und die äußere Welt; Hoffnung Gregors auf ein Leben außerhalb der Familie; Versuch der Verdrängung, scheitert aber immer
- Türenmotiv: Türen trennen Privatsphäre vom Familienleben; geschlossene Türen sind Symbol für Gregors Ausgrenzung; Kommunikation scheitert wegen geschlossener Türen (Metapher); Ausbrüche Gregors enden immer mit einer Verletzung/Enttäuschung
- Bett-/Kanapeemotiv: Steht für Psyche, Träume, Unterbewusstsein, Verdrängung, Sexualität, Privatsphäre; vermittelt Gregor anfangs Sicherheit, doch später ist das Kanapee nicht Ort der Ruhe, sondern der sorgenvollen Gedanken Gregors
- Körpermotiv: Minderwertigkeitsgefühle Gregors offenbaren sich in der Körperwahrnehmung: Sein eigener Körper ist schwach und verfällt immer mehr im Laufe der Handlung, die schönen und starken Körper der anderen sind Symbol für das Menschendasein überhaupt und Gregors Gefühl der Unterlegenheit
- Die Verwandlung ist am Beginn der Erzählung noch nicht abgeschlossen, die Erzählung thematisiert eine größere Verwandlung mit mehreren kleineren
- Eine alte Ordnung mit Gregor im Mittelpunkt der Familie wird durch eine neue mit Grete an seiner Stelle abgelöst
- An Gregors körperliche Verwandlung schließt sich eine seelische an, seine Gewohnheiten ändern sich, werden „tierisch“
- Die Familie ändert sich auch: Der Vater wird vom schwachen Mann zum starken Patriarchen; die Mutter löst sich von Gregor; die Schwester wird vom Nesthäkchen zur emanzipierten jungen Frau und verdrängt dabei Gregor
Die biographische Interpretation
Die biographische Interpretation versteht Die Verwandlung als Auseinandersetzung Kafkas mit dem eigenen Leben. Um die Erzählung zu deuten, zieht sie deshalb Parallelen zu seiner Biographie. So kam und kommt die Charakterisierung der Samsas einigen Biographen Kafkas vertraut vor, denn sie ähnelt den Kafkas in einigen Belangen. Ein genauer Blick auf die jeweilige literarische Figur lässt vermuten, dass Kafka sein eigenes Familienleben als Quelle seiner Inspiration nutzte. Es ist aber wichtig, dass man nicht von den Samsas auf die Kafkas schließen kann, Die Verwandlung ist eine fiktive Erzählung und kein Tagebuch! Selbst wenn Kafka tatsächlich mit dieser Erzählung auf seine Familie anspielen wollte (was die meisten Literaturwissenschaftler verneinen), kann man Gregor Samsa nicht mit Franz Kafka gleichsetzen, ebensowenig die Samsas mit den Kafkas.

Diese Charakterzüge teilt Gregor Samsa mit Franz Kafka. Kafka war für seine extrem introvertierte und zurückhaltende Persönlichkeit bekannt. Gleichsam erwartete er auch, dass man ihn nicht bedrängte. Seiner Verlobten Felice Bauer erlaubte er zum Beispiel nicht, ihm beim Schreiben zuzusehen, da er dabei gänzlich ungestört und isoliert sein wollte. Er beschrieb Felice Bauer seine Fantasie, in einem dunklen Keller in einer Kammer eingesperrt zu leben, wo er sich ganz dem Schreiben hingeben könnte. Nur sollte man ihm Essen in den Keller stellen - allerdings so, dass von der Anwesenheit des Lieferanten nichts mitbekäme. Dieses freiwillige Gefängnis ist aber zu unterscheiden von Gregors unfreiwilligem Gefängnis. Jedoch betrachten beide das abgeschlossene Zimmer als einen Ort der Ruhe und einen Ort der Identität, da er nur ihnen gehört. Deswegen ist Gregor auch so betrübt, als man sein Zimmer als Abstellkammer missbraucht: Es zeigt, dass die Familie ihn missachtet.
Die berufliche Situation von Franz Kafka und Gregor Samsa ähnelt sich ebenfalls. Kafka war beruflich sehr erfolgreich und stieg in seinem Betrieb (einer Versicherungsgesellschaft) gleich mehrmals auf: Er wurde jeweils 1910, 1913, 1920 und 1922 befördert (die letzten drei Daten sind natürlich für das Entstehen der Verwandlung unwichtig). Ab 1908 bis 1916 musste er mehrere Dienstreisen antreten - für Gregor Samsa schließlich gehört das Reisen zum Beruf. Beide sind als einzige männliche Erben ihrer Väter Hoffnungsträger der Familie und damit einem großen Druck ausgesetzt. Gregor Samsa muss zusehen, wie seine Familie ohne seinen finanziellen Beitrag von Sorgen zerfressen wird. Jedoch wünscht er sich am Anfang der Erzählung aus dem Berufsleben heraus, denn es erfüllt ihn nicht. Dass er in seiner wenigen Freizeit Laubsägearbeiten anfertigt, ist ein Hinweis auf eine kreative Ader. Auch Franz Kafka fühlte sich nicht von seinem Beruf erfüllt, stattdessen wollte er ein Schriftsteller sein, worauf sein Vater nur mit Unverständnis reagierte. Der Konflikt mit dem Vater findet sich auch in der Verwandlung wieder. Kafkas Texte werden oft mit seinem Vaterkomplex in Verbindung gebracht - tatsächlich scheint das naheliegend, da schließlich das Verhältnis zwischen Gregor und seinem Vater die Handlung maßgeblich bestimmt. Die Parallelen vom Samsa-Vater zum Kafka-Vater lassen sich schon anhand deren Aussehen ziehen. Gregors Vater wird als Mann von mächtiger, imposanter Figur beschrieben (obwohl auch übergewichtig). Er ist ein älterer Mann, der nun innerhalb der Erzählung seine alte Kraft wiedererlangt. Kafkas eigener Vater hatte keinen solchen Schwächeanfall, aber im Brief an den Vater betont Kafka den körperlichen Unterschied zwischen ihnen: Während er sich selbst als von schwacher Statur beschreibt, beschreibt er seinen Vater als starken, kräftigen und auf seinen Sohn einschüchternd wirkenden Mann. Die körperliche Figur und ihr unterschiedliches Wesen sieht Kafka als Auslöser für seinen Vaterkomplex. Während er selbst sein Glück nicht im Beruf finden konnte und trotz des Wohlstands seiner Familie nicht vollends glücklich war, war sein Vater stolz darauf, durch seine harte Arbeit der Familie ein finanziell gut abgesichertes Leben bieten zu können und verstand nicht, wie Franz unglücklich sein konnte. Dieser wiederum bewunderte seinen Vater zwar für dessen Geschäftstüchtigkeit, sah sich selbst aber nicht als derart willensstark und geschickt. Als sein Schwager eine Fabrik gründete, erweckte auch die Forderung seiner Familie, sich an diesem Geschäft zu beteiligen, nicht das Interesse Kafkas. Sein Interesse lag bei der Literatur und nicht dem Geldverdienen. Das Verhältnis zu seinem Vater war für Kafka daher ein entfremdetes, er betonte den Wesensunterschied zu jenem und verneinte, dass sie einander verstehen könnten. Er warf ihm vor, einen Ausgleich mit Franz gar nicht erst zu suchen, sondern ein bestimmendes, dominantes und respektloses Verhalten zu zeigen, sich über seinen Sohn einfach hinwegzusetzen. Das Familienleben war für Kafka daher kein liebevolles Zusammensein, sondern eine von Konflikten geprägte Situation. Franz Kafka hoffte, von seiner Schwester und seiner Mutter in diesem „Kampf“ um Anerkennung Rat und Beistand zu erhalten. Das Verhältnis von Gregor zu seinem Vater sieht ähnlich aus. Als Käfer ist er nun nicht mehr in der Lage, die finanziellen Erwartungen seiner Familie zu erfüllen - auf die Verwandlung reagiert der Vater bemerkenswerterweise zuerst feindselig. Er tritt seinem nun nicht mehr arbeitsfähigen Sohn aggressiv gegenüber, bedroht ihn mit seinem mächtigen Körper und verwundet ihn sogar. Er missachtet völlig, dass Gregor auch in seinem neuen Zustand Stolz besitzt, über dessen Gefühle denkt er nicht einmal nach. Für ihn ist Gregor wie ein Feind, den er besiegen oder unterwerfen muss. Das Vater-Sohn-Verhältnis erscheint wie eine extreme Steigerung des Verhältnisses von Franz zu Hermann Kafka. In der Erzählung entscheidet der finanzielle Beitrag über den Wert innerhalb der Familie. Während der Vater schwach schien, als sein Sohn noch arbeitete, wird er zur starken und autoritären Person, als er nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit wieder einen Beruf ausübt und zum Ernährer der Familie wird (Schwester und Mutter arbeiten zwar auch, werden aber sehr viel weniger als der Vater verdienen). Übrigens könnte die Tatsache, dass Gregors Vater im Beruf zwar engagiert, aber erfolglos war, ein ironischer Seitenhieb auf Franz Kafkas Vater sein, dessen Geschäft viel Geld einbrachte.
Die Familie wird nun erkennbar hierarchisch strukturiert, mit Gregor als Ausgestoßenem, der in seinem Zimmer wie ein Gefangener lebt, der Schwester und der Mutter als dem Vater nicht gleichberechtigten Familienmitgliedern. Die Schwester wird jedoch am Ende zu einer emanzipierten Person und zeigt sich in der Diskussion um die Zukunft Gregors als dem Vater gleichberechtigt. Der Vater versucht, die Rolle des Pater Familias auszufüllen - wie Franz Kafkas Vater auch. So wird Gregor durch seinen Vater eingeschüchtert und empfindet das Unvermögen, die Familie weiterhin zu ernähren, als Schande. Durch seine Verwandlung bricht das verborgene Konfliktpotential der Familie aus, die niemals dem bürgerlichen Ideal der liebevollen Familie entsprach. Nun tritt das Vater-Sohn-Verhältnis als offene Feindseligkeit zutage. Gregors Vater versucht nicht erst, sich in seinen Sohn einzufühlen, am Ende des dritten Teils verneint er sogar, dass sein Sohn ihn überhaupt verstehen könne. Eine offene Aussprache kommt hier ebenso wenig zustande wie im Hause Kafka und führt zum fatalen Ende Gregors. Die Vaterfigur in der Verwandlung könnte daher eine versteckte Anklage Kafkas an seinen Vater sein, von dem er sich körperlich und in Hinblick auf die Geschäftstüchtigkeit unterscheidet wie Gregor zu seinem Vater, wenn auch der Konflikt in der Verwandlung extrem zugespitzt ist. Diesem zentralen Konflikt sind auch die anderen Familienmitglieder unterworfen. Gregors Mutter liebt ihren Sohn trotz dessen Verwandlung immer noch, doch unterwirft sie sich dem dominanten Vater und nimmt eine passive Rolle ein. Sie traut sich nicht, etwas entgegen seinem Willen zu tun und bittet ihn daher bloß, ihren Sohn zu verschonen, statt es zu fordern. Auch der Schwester stellt sie sich nicht energisch entgegen, als sie Bedenken äußert, ob das Entfernen der Möbel aus Gregors Zimmer eine gute Idee sei und lässt sich überreden. Als schwache Person ergreift sie fast nie Eigeninitiative. Diese Charakterzüge weisen Parallelen zu Kafkas Mutter auf: Auch sie akzeptierte die familiäre Herrschaft ihres Mannes und stellte sich nicht gegen ihn. Als sie Kafkas Brief an den Vater entdeckte und las, verbat sie ihm, den Brief seinem Vater vorzulegen, da sie sich um dessen Gesundheit sorgte. Zwar liebte auch sie ihren Sohn sehr, doch stellte sie sich auf die Seite des Vaters und nicht die ihres Sohnes. Grete nimmt eine Schlüsselrolle für Gregor ein und ist mit Kafkas Schwester Ottilie, genannt Ottla, zu vergleichen. Ottla war eine der wichtigsten Personen in Kafkas Leben. Sie war eine vertraute Bezugsperson, Freundin und Ratgeberin. Kafka lebte einige Monate auf ihrem ländlichen Hof, als er 1917 an Tuberkulose erkrankte. Sie galt als starke Persönlichkeit, die ihren Willen durchsetzen konnte, ganz wie ihr Vater Hermann Kafka, gegenüber dem sie sich bisweilen durchsetzte. Sie bewies damit stärkere Charakterfestigkeit als ihr Bruder.
Grete ist für Gregor ähnlich wichtig. Sie ist ihm von allen Menschen am nächsten und das Bindeglied zwischen ihm und seiner Familie. Sie ist die erste, die sich in sein Zimmer traut und übernimmt seine Pflege. Anfangs sorgt sie sich anscheinend noch um Gregor. Sie ist gewissermaßen seine Hoffnung und seine Verbündete. Kafka hoffte ebenfalls, dass seine Schwester ihm in Konflikt mit dem Vater half. Doch enttäuschte sie ihn 1912, als sie sich auf die Seite des Vaters schlug: Dieser forderte von Franz, sich an der Fabrik seines Schwagers zu beteiligen. Auch Ottla fand, dass sich Kafka nicht einfach von den Familiengeschäften zurückziehen könnte. Das empfand der sensible Franz, der sich vom Vater unter Druck gesetzt sah, als Verrat. Gregor Samsa wird von Grete ebenfalls verraten. Sie vernachlässigt seine Pflege mehr und mehr und entwickelt sich schrittweise zu einer emanzipierten Persönlichkeit, die sich eine wichtige Rolle in der Familie erkämpft - sie denkt an ihren eigenen Nutzen und verdrängt damit Gregor. Am Ende ist sie es, die den Vater davon überzeugt, dass ein Übereinkommen mit Gregor nicht möglich ist, übernimmt also dessen Grausamkeit bzw. übertrifft sie sogar. So, wie Ottla dem Wesen ihres Vaters mehr entsprach als Franz Kafka, zeigt auch Grete mehr vom dominanten, selbstbewussten Verhalten des Vaters als Gregor. Grete Samsa kann daher als ein literarisches Ventil Franz Kafkas gelesen werden, der mit der Verwandlung die Konflikte in seiner Familie verarbeitete, wenn auch in zugespitzter Form. Diese Lesart gilt aber in akademischen Kreisen als veraltet und unwissenschaftlich. In der Verwandlung offenbart sich laut der biographischen Lesart der Vaterkomplex Kafkas. Die Verwandlung Gregors in einen Käfer wird als Metapher für die Minderwertigkeitsgefühle Kafkas gelesen: Kafka fühlte sich als dem Vater unterlegen, als „nutzlos“, womöglich sogar als „missratenen“ Sohn (wobei man hier vorsichtig sein sollte, da es unterschiedliche Meinungen zu Kafkas Gefühlen bezüglich sich selbst gibt!). Die Verwandlung markiert die Übernahme des Bildes, das der Vater vom Sohn hat: Hermann Kafka hielt seinen Sohn in manchen Belangen für untüchtig und „aus der Art geschlagen“. Das Aussehen Gregors als abartiges Ungeziefer trennt ihn radikal von seiner Familie wie dem Rest der Menschheit. Als Ungeziefer ist er zu nichts mehr nütze und schämt sich für sein Unvermögen, der Familie nun zu helfen. Die Verwandlung könnte daher unter Umständen für die Gefühle der Entfremdung und der Minderwertigkeit stehen, die Kafka vielleicht empfunden hat. Gleichzeitig könnte sie auch dafür stehen, dass sich Kafka familiär ausgestoßen gefühlt hat, obwohl man ihn nicht ausgrenzte, sondern Ansprüche an ihn stellte, ihn dabei in seiner Freiheit beschränkte. Manche Biographen lesen Die Verwandlung aber auch als Auseinandersetzung Kafkas mit seiner jüdischen Herkunft. Als deutschsprachiger Jude im hauptsächlich tschechischsprachigen Prag war er gleich zweifach Mitglied einer Minderheit. Kafka lebte in einer Zeit, in der weite Teile der Bevölkerung Antisemiten waren. Das Bild der Verwandlung in ein Ungeziefer kann also auch für Kafkas Gefühle von gesellschaftlicher Entfremdung stehen bzw. das Bild, das manche Menschen von den Juden hatten. Kafka selbst empfand sein Judentum für problematisch, auch wenn er natürlich kein Ausgestoßener war und von seinem Umfeld hoch geachtet wurde. Er fühlte sich jedoch „anders“. Mit der Verwandlung in ein Insekt wird diese Andersartigkeit zu einem Extrem. Die Verwandlung als autobiographischen Text Kafkas zu lesen, vereinfacht die Erzählung. Kafka hat zwar in seinem Brief an den Vater behauptet, sein Schreiben würde sich mit seinem Konflikt mit dem Vater auseinandersetzen, doch ist auch dieser Brief kein Tatsachenbericht und ein literarisches Produkt. Kafkas Texte weisen oft über die Realität hinaus, sie sind mehrdeutig. Kafka sah in der Literatur unter anderem einen Ausbruch aus der Welt oder einen Versuch des Ausbruchs, als eine Suche nach der Wahrheit, die außerhalb der Welt zu finden ist. Vielmehr ist Kafkas Leben als eine Quelle der Inspiration zu sehen, die ihm die Themen seiner Literatur gab. Sein konfliktgeladenes Familienleben ließ ihn Ausgrenzung, Gefangensein, Schwäche, bisweilen Gefühle der Minderwertigkeit und Hoffnungslosigkeit und des Drucks fühlen. Diese Gefühle finden sich in seiner Literatur, die damit noch lange keine Bewältigung des eigenen Lebens sein muss. Sie ist eher in Kafkas Weltsicht einzuordnen, die aus seiner Biographie heraus entstand. Eine biographische Lesart kann uns diese Weltsicht begreiflich machen. Aber Kafkas Kunst ist auch ein Ausbruchsversuch aus der Welt, daher sollte man Die Verwandlung nicht mit der Person des Autors gleichsetzen. Es gibt immer mehrere Möglichkeiten, einen Text zu deuten und keine ist die einzig wahre. Bildnachweise [nach oben]
Public Domain.