Moral und Tugend des Bürgertums
Um Emilia Galotti als gesellschaftskritische Tragödie begreifen zu können, ist es unumgänglich, die damals bestimmenden Moralvorstellungen des Bürgertums im 18. Jahrhundert miteinzubeziehen. Gegenstand dieser Analyse wird es sein, dass untersucht wird, inwiefern Lessing die Realität der bürgerlichen Bevölkerungen im vorliegenden Trauerspiel realisiert.
Moralische Vorstellungen des einfachen Bürgers
- Zu Zeiten des Bürgertums des 18. Jahrhunderts findet ein bedeutender Wandel in den Köpfen der Gesellschaft statt. Blinder religiöser Glaube wird von dem Vernunftgedanken abgelöst. Doch strenge Moralvorstellungen existieren nichtsdestotrotz in den Lebenseinstellungen der Bürger
- Ein Beispiel für die Idee von Moral in Emilia Galotti stellt der Mord Odoardos an der eigenen Tochter dar. Während der Tötungsakt üblicherweise von Motivatoren wie Hass, Rache oder Verletzung angetrieben ist, so ist im Falle Emilias eine fundamentale Moralvorstellung, die letztendlich das Schicksal der Protagonistin besiegelt. Das unerträgliche Gefühl, mit der Verletzung der Moralvorstellung leben zu müssen, ist für Emilia so schwer zu verkraften, dass der Tod für sie der einzige Ausweg aus dieser Misere ist
- Durch ihr frühes Ableben geht die Protagonistin weiteren, unweigerlich auftretenden Verführungen und eventuellen moralischen Fehltritten aus dem Weg. Die Angst davor, unmoralisch zu leben, führt zur Todessehnsucht der jungen Frau. Mit der strengen Rolle der Moral im vorliegenden Werk zeigt Lessing die Gefahren stigmatisierter und dogmatischer Grundsätze auf und welche Einschränkungen damit für jeden einzelnen Bürger einhergehen
- Besonders da Emilia ahnt, dass sie den körperlichen Verführungen des Prinzen nicht ewig standhalten wird, entscheidet sie sich für den Tod. Das Wissen darum, an einem gewissen Punkt im Leben zu „sündigen“, ist für die junge Frau unaushaltbar. Dies demonstriert auch den Druck, welcher auf der bürgerlichen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts lastet
- Der Adel verhält sich so, als habe er einen sogenannten Freifahrtschein, wenn es um das Thema Moral geht. Die reiche Oberschicht der Gesellschaft stellt sich über jegliche moralische oder tugendhafte Prinzipien. In Folge der Aufklärung emanzipiert sich das Bürgertum von festgefahrenen und religiösen Wertvorstellungen und begegnet der rücksichtslosen Herrschaft des Adels zunehmend skeptischer und selbstbewusster
Tugendhafte Werte des Bürgertums
- Neben der Moral stellt auch die Tugendhaftigkeit einen Beweggrund für Emilias Todeswunsch dar. Allerdings ist es nicht das Interesse des Prinzen, welches die Protagonistin in Scham stürzt, sondern ihre Reaktion auf seine Avancen. Dass Emilia nicht dafür garantieren kann, nicht doch eines Tages den Versuchungen Hettores widerstehen zu können, verletzten ihre moralischen Vorstellungen so sehr, dass sie sich das Leben nehmen will
- Ein ehrvoller Charakter wird in der Aufklärung hoch angesehen. Aus diesem Grund legt auch Odoardo, welcher zwar als jähzornig jedoch ehrwürdig beschrieben wird, so großen Wert auf die tugendhafte Erziehung seiner Tochter
- Tugendhafte Werte findet man insbesondere in den beiden Rollen Emilia und Odoardo Galotti. In der Figur des alten Galotti äußert sich seine anständige Art insbesondere in seinem Bild von Ethik und Gerechtigkeit. Laut Appiani handelt es sich bei Odoardo um „ein Muster aller männlichen Tugend“ (Aufz. 2, Auft. 7, Z. 26). Damit ist gemeint, dass dieser ein besonders vernünftiges, bescheidenes sowie ein Leben frei von Sünde führt. Für Attribute der weiblichen Tugend fungiert Emilia als Exempel. Die junge Frau besitzt einen unschuldigen, unerfahrenen, gutgläubigen und frommen Charakter
- Ein ernst zunehmendes Problem stellt die Wahrung einer Tugend dar, wenn sie zur Unmündigkeit führt. Der Mangel an Selbstständigkeit, welcher von Emilia ausgeht, kann als Gegenbild zu Immanuel Kants Aufruf zum autonomen Handeln gesehen werden. Auch hier beleuchtet der Autor die ehrenwerten Tugenden in der Aufklärung aus einem skeptischen Blickwinkel und zeigt zugleich auf, dass jegliche Form des Extrems gefährlich werden kann