4. Vigilie
Die vierte Vigilie beginnt mit einer Ansprache des Erzählers an den Leser. Er erklärt, dass er in einigen Nachtwachen versuchte, dem Leser die seltsam, wunderliche Geschichte des Studenten Anselmus näherzubringen. Er gesteht offen, dass er befürchtet, der Leser könne an der Geschichte zweifeln und bittet daher darum, dem Reich voller Wunder gegenüber aufgeschlossen zu sein. Erst nach dieser Erklärung berichtet der Erzähler, wie die Geschichte von Anselmus weitergeht.
Entgegen seiner festen Absicht, bei Lindhorst zu arbeiten, gab sich Anselmus einem träumerischen Hinbrüten hin. Eine unerklärliche Sehnsucht ließ ihn Tag für Tag umherwandeln, bis er zufällig wieder zu dem Holunderbaum kam und sich an die Schlangen erinnerte. Da erkannte er: „Ist es denn etwas anderes als daß ich dich so ganz mit voller Seele bis zum Tode liebe, du herrliches goldenes Schlänglein, ja daß ich ohne dich nicht zu leben vermag und vergehen muß in hoffnungsloser Not, wenn ich dich nicht wiedersehe, dich nicht habe wie die Geliebte meines Herzens - aber ich weiß es, du wirst mein.“ (S. 30, Z. 29-35) Von da an ging Anselmus jeden Abend am Ufer auf die Suche nach dem geliebten Schlänglein und klagte unter dem Holunderbaum sein Leid.
Eines Abends stand plötzlich der Archivarius hinter Anselmus und fragte, was er denn unter dem Baum treibe. Daraufhin schüttete der Student Lindhorst sein Herz aus. Dieser hielt ihn wider Erwartens nicht für wahnsinnig, sondern erklärte Anselmus, dass die drei Schlangen seine Töchter seien und seine Jüngste Serpentina sich in ihn verliebt hätte. Außerdem berichtete Lindhorst, dass das alte Marktweib seine Rivalin sei und sich Anselmus von ihr nicht verscheuchen lassen solle. Er gab Anselmus ein kleines Fläschchen als Gegenmittel für das alte Marktweib, lief davon und erschien Anselmus plötzlich wie ein Geier.