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Erzählperspektive

Erzählperspektive

Ein wichtiger Grund für das Gefühl des Unwirklichen ist die personale Erzählperspektive in der dritten Person Singular. Alles, was wir als Leser erfahren, ist die durch den Protagonisten (= Josef K.) reflektierte fiktionale Wirklichkeit. Tückisch ist, dass das Geschehen scheinbar realistisch und nüchtern berichtet wird. Allerdings erfahren wir nichts, was über die Wahrnehmung und das Wissen K.s hinausreicht - und dessen Aufmerksamkeit entgeht vieles (Kap. 1, Z. 450 f..: „Wie hatte K. das übersehen können?“, „Da erinnerte sich K. daß er das Weggehen der Aufseher und der Wächter gar nicht bemerkt hatte [...].“). Oft bleibt völlig im Unklaren, was im Proceß geschieht:
Der Aufseher stimmte ihm möglicherweise zu, wie K. mit einem Seitenblick zu erkennen glaubte. Aber es war ebensogut möglich, daß er gar nicht zugehört hatte [...]. (S. 22)
Die personale Erzählperspektive ist ein Kind des beginnenden 20. Jahrhunderts. Damals war noch die auktoriale Erzählperspektive üblich. Diese ist durch einen Erzähler charakterisiert, der den Leser anspricht, das Geschehen kommentiert und wertet, vor allem aber den Überblick über das Ganze wahrt und aus kritischer Distanz berichtet. Im Proceß hingegen fehlt die Erzählerfigur und der Erzählprozess selbst wird nicht thematisiert. Als Leser werden wir direkt mit der Handlung konfrontiert - mit der Bedingung freilich, dass alles durch K.s Perspektive gefiltert bei uns ankommt.
Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eine Morgens verhaftet.
Bereits der erste Satz des Romans zeigt, dass wir es hier nicht mit Fakten zu tun haben. Alles wird aus der Perspektive K.s geschildert und die Worte fließen nur so vor Unsicherheit und Unwissenheit über - das Gegenteil einer auktorialen Erzählung. In diesem Satz steckt übrigens sehr viel, wenn man ihn eingehend analysiert: „Jemand“ ist ein unbestimmtes Personalpronomen und verweist auf die anonyme Macht, der sich K. im Roman gegenübersieht. Wer jedoch dahinter steckt, findet K. nicht heraus - und der Leser somit auch nicht. „Mußte verleumdet haben“ kann am besten als erlebte Rede charakterisiert werden. Diese unterscheidet sich grammatikalisch von der indirekten Rede, die im Konjunktiv formuliert wird. „Mußte“ drückt eine Unsicherheit aus. Es ist also nicht nur ungeklärt, wer K. verleumdet hat, sondern auch ob K. überhaupt verleumdet wurde. Außerdem wurde K. verhaftet, womit der dritte Satzteil im Passiv steht. Aus dieser passiven Rolle wird K. im Laufe des Romans nicht hinauskommen. Statt aktiv in den Prozess einzugreifen, irgendetwas an seiner Situation zu ändern, ergibt sich K. letztlich einer als übermächtig empfundenen, anonymen Instanz.
Schon dieser erste, hypothetische Satz beinhaltet den Zweifel und die Unklarheit, die K. in Bezug auf den Prozess den ganzen Roman über verfolgen.
Vieles wird im Proceß in erlebter Rede wiedergegeben (vgl. auch Kap. 1: „Lehren bekam er hier von einem vielleicht jüngern Menschen? Für seine Offenheit wurde er mit einer Rüge bestraft? Und über dem Grund seiner Verhaftung und über deren Auftraggeber erfuhr er nichts?“). Die erlebte Rede gibt hier die Gedanken oder Bewusstseinsinhalte K.s im Indikativ der dritten Person Singular wieder. Sie unterscheidet sich grammatisch sowohl von der direkten Rede als auch von der indirekten Rede, die im Konjunktiv formuliert wird:
Direkte Rede Jemand muss mich verleumdet haben.
Indirekte Rede Er dachte, jemand müsse ihn verleumdet haben.
Erlebte Rede Jemand musste K. verleumdet haben
Oft wächst sich die erlebte Rede zum Bewusstseinsstrom aus. K.s Wahrnehmungen, Gedanken und Reflexionen werden dann subjektiv so wiedergegeben, wie sie in sein Bewusstsein fließen. Obwohl wir alles durch K. sehen, ist eine Besonderheit der Erzählweise in Kafkas Proceß, dass die Perspektive zwar stets auf K. beschränkt bleibt, wir jedoch wenig über das Innenleben der Hauptfigur erfahren. So wird die Identifikation des Lesers mit Josef K. gehemmt.
Da wir offensichtlich absurde Zustände in nüchtern-sachlicher Manier präsentiert bekommen und K.s Einschätzung anderer Menschen oft nicht zutrifft, wissen wir nie, ob das, was K. erlebt und berichtet, tatsächlich passiert, also wahr ist. Dass ein Gerichtsprozess ohne Anklageschrift auf dem Dachboden eines Mietshauses stattfindet, ist genauso unwahrscheinlich wie viele andere Details (z. B. der Nebel, die Reaktionen des Publikums, K.s Verhalten). Durch die Erzählperspektive wirkt K.s Prozess insgesamt absurd. Dem offenkundig unzuverlässigen Erzähler ist also mit Vorsicht zu begegnen.
Für die Interpretation entsteht ein Paradox: Mit ihrer (psychologischen) Tiefe laden die Texte zu einer Deutung ein, verweigern sich aber einer endgültigen Festlegung, da die Grenze zwischen tatsächlichem Geschehen und K.s subjektiver Wahrnehmung unauffindbar bleibt. Das Gesamtgeschehen wirkt dadurch, dass Unmögliches einfach hingenommen wird, traumhaft und nicht real. Zusammen bedingen Stil und Erzählweise das „Kafkaeske“ (kafkaesk laut Duden: „auf unergründliche Weise bedrohlich“). Der Leser findet sich wie K. in einem Wald aus abstrakten, schwer entzifferbaren Symbolen (die Handgesten der Figuren (vgl. Kap. 1), die Lichtmetaphorik (vgl. Kap. 9, 10)) und befremdlichen Orten wieder, die der Logik des (Alb-) Traums entsprechen, aber nicht jener der Vernunft.

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