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Erzählweise

Erzählperspektive

Charakteristisch an Kafkas Schreibstil sollte in erster Linie die gelungene Balance zwischen Zurückhaltung und Empathie nicht unerwähnt bleiben. Doch woher rührt dieser ungewöhnlich angenehme und nicht im Geringsten vereinnahmende Erzählstil, wie vermag es Kafka, uns als Leser Luft zum Atmen zu lassen und dennoch nichts an seinem erzählerischen Einfühlungsvermögen einzubüßen?
Während von den Texten des Prager Autors eine beinahe tröstliche Unvoreingenommenheit ausgeht, bleibt die erzählerische Perspektive des Schriftstellers unklar. Wir fragen uns des Öfteren, aus welcher Figurensicht beschreibt Kafka gerade das Geschehen? Grund für diese Irritation ist, dass der Autor seine Perspektive kaum zu wechseln scheint.
Friedrich Beißner, Germanist und kafkaphiler Literaturkritiker stellt in den 50-er Jahren die Theorie des einsinnigen Erzählens Kafkas auf. Beißner ist der Meinung, dass Kafka „stets einsinnig erzähle und das nicht nur in der Ich-Form, sondern auch in der dritten Person“. Diese Aussage des Germanisten bezieht sich insbesondere auf das vorliegende Werk Der Verschollene. Beißner beobachtet, dass Kafka über die gesamte Handlung hinweg nicht einmal die erzählerische Perspektive aus der Sicht des Protagonisten Karl Rossmanns verlässt. Zwar beschreibt der Autor auch die Gemütszustände der übrigen Figuren, und doch scheint das Erzählte die Gedanken, den Zustand und die Sicht aus der Perspektive der Hauptfigur in keinem Moment ablegen zu können.
Doch obwohl die Erzählperspektive eindimensional vom Protagonisten auszugehen scheint, fällt die Rolle des Erzählers keineswegs weg. Denn als Leser spürt man dennoch die Präsenz einer erzählerischen Instanz, die zwar nicht ihre Standpunkte teilt, aber dennoch allgegenwärtig ist. Laut Maurice Blanchot könnte an dieser Stelle von einer Erzählstimme gesprochen werden, die, so der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl: "in einer schwebenden Interferenz, [...] das Verhältnis von Erzähler und Figur von Satz zu Satz erneut zu verunsichern scheint" (Ort der Gewalt, München 1990, S.75).
Kafka selbst bezeichnet in seinen Tagebuch-Aufzeichnungen vom 6. August 1914 seine Schriften „als eine Darstellung [seines] traumhaften innern Lebens“ (Tagebuch, S. 420).

Erzählerischer Stil

Der Erzählstil im Werk weist Züge des sogenannten Prager Deutschs auf. Kafka selbst schreibt in einem seiner Tagebucheinträge 1974: selbst „[...] die Wirtin eine fröhliche sehr dick- und rotbackige Frau des Buchhändlers Taussig, erkennt sofort mein Prager Deutsch [...]“ (S. 78). Im Rahmen dieser Analyse möchten wir jedoch Kafka nicht auf einen so unscharf und komplex gehaltenen Begriff wie den des Prager Deutschs reduzieren und wenden uns demzufolge weiteren charakteristischeren sowie authentischeren Merkmalen Kafkas Sprachstil zu.
Auffallend ist, dass der Autor tendenziell eher auf die ältere Rechtschreibform des jeweiligen Wortes zurückgreift, sodass etwa z durch c und ch durch k ersetzt werden.
Außerdem ist eine Vielzahl an Diminutiven („Bürschchen“ S. 11, Z. 24 f., „Tischchen“ S. 47, Z. 29) im Fließtext vorzufinden, dieses hohe Aufkommen von Diminutiven legt eine sprachliche Verwandtschaft mit dem Wienerischen und gleichzeitig mit dem Jiddischen nahe. Beide Sprachen sind wiederum mit dem Slavischen verwandt, was die geografische Lage Prags erklären würde. Außerdem tragen die Diminutive den Nutzen rhetorischer Stilmittel, die Kafka für die Charakterisierung seiner Figuren verwendet.

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