Einführung
Interpretation
Kaum ein Werk des 20. Jahrhunderts hat so vielfältige Interpretationsversuche hervorgerufen wie Kafkas unvollendeter Proceß. Die Literatur über Kafka und speziell über dieses Werk füllt ganze Bibliotheken. Kafkas unverwechselbarer, mysteriös-surrealer, ja am besten „kafkaesk“ zu benennender Stil entspricht der Einzigartigkeit des oft einsamen, sensiblen, psychisch nicht sehr stabilen Autors: Da dieser das Leben an sich als paradox, verwirrend und undeutbar empfand, hat sich dieses Weltbild auf seine Werke übertragen. Auch durch Kafkas Sprache (siehe Sprache und Stil / Erzählperspektive) wird eine Vieldeutigkeit seiner Werke begünstigt. Kafka schrieb oft im Halbschlaf in einer Art Rausch, die eigenwillige, nicht der Logik des wachen Verstands zugängliche Sprache des Unterbewusstseins findet sich in Form von Symbolen, Motiven und verstörenden, unerklärlichen Szenen in seinen Texten wieder.
So stellt Der Proceß den Interpreten vor zahlreiche Rätsel: Was geschieht im Roman wirklich, was ist Einbildung K.s? Was genau ist das ominöse Gericht? Ist der Proceß eine Art autobiographischer Roman oder eine Kritik an der Moderne oder behandelt er den Zustand des Menschen im Allgemeinen, von Sünde, Schuld, Verantwortung und Hoffnung auf (göttliche) Erlösung aufgerieben? Im Laufe der Zeit haben sich verschiedene Deutungsansätze herausgebildet, deren bedeutendsten die biographistische, die psychoanalytische, die religiöse und existenzialistische sowie die gesellschaftlich-historische Interpretation sind - es ist jedoch wichtig zu erwähnen, dass keine Interpretation den Proceß in seiner Gänze entschlüsseln kann! Kafka baute bewusst Zwei- und Vieldeutigkeiten in seine Werke ein, sein Werk auf eine Deutung einzuschränken hieße, seine Intentionen zu missachten. Was alle Deutungsansätze vereint, ist die Beschäftigung mit den übergeordneten Themen des Romans: Sexualität, Schuld und Macht und Ohnmacht und zu letzterem gehörend auch das Verschwimmen von Tätern und Opfern: Die Beamten sind selbst im Gericht und seinen Regeln gefangen, K. ist Verführer und lässt sich verführen, wird am Ende hingerichtet, hilft aber seinen Henkern - die von Kafka empfundene Undeutbarkeit des Lebens offenbart sich in Situationen, in der man Verursacher und Erduldende einer Handlung nicht mehr voneinander trennen kann.