Rezeption
Phasen der Entstehung des Werks Der Verschollene
Um die Rezeptionsgeschichte der vorliegenden Erzählung begreifen zu können, lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die verschiedenen Phasen der Entstehung des Romans zu werfen. Im Zuge dieses Menüpunktes werden wir demzufolge die Stationen ansehen, welche das Werk vom Beginn des Schaffensprozesses bis zur Vollendung durchläuft. Kafka beginnt im Jahr 1911 die ersten Zeilen seines Werks zu schreiben, woraufhin er ein Jahr später den Großteil des bereits Geschriebenen wieder vernichtet, da er mit dem Ergebnis unzufrieden ist.Um ein Gefühl für die Art der Manuskript-Verfassung des Autors zu erhalten, sollte berücksichtigt werden, dass Franz Kafka bereits wenige Tage nach der Vollendung seines Werks Das Urteil erneut das Schreiben am vorliegenden Werk aufnimmt und auch generell teils parallel an seinen Werken schreibt. Aufzeichnungen zufolge gelingt es dem Schriftsteller, das erste Kapitel des Werks am 25. September 1912 niederzuschreiben.
Ebenso im Jahre 1912 entstehen dann die ersten Kapitel des damals noch mit dem Titel Amerika versehenen Romanfragments. Wie bereits erwähnt, ist es nicht unüblich für Kafka, an mehreren Werken simultan zu arbeiten. So kommt es dazu, dass der Autor für mehrere Wochen seine Arbeit an Der Verschollene unterbricht und dann im Jahr 1913 weitere Kapitel des Werks verfasst. Im Mai 1913 entschließt er sich dazu, das erste Kapitel unter dem bis heute bestehenden Titel Der Heizer zu veröffentlichen, da ihm die darauffolgenden Kapitel noch nicht schlüssig und zufriedenstellend genug vorkommen. Auf die Publikation von Der Heizer reagieren namhafte Schriftsteller wie der österreichische Autor Robert Musil wohlwollend. Doch das kritische Auge Musils bemerkt auch, dass die Erzählung zwar die aufmerksame Schilderung der Bewusstseinszustände des Protagonisten beinhaltet, jedoch auch als etwas „kompositionslos“ (Peter U. Beicken: Franz Kafka. Eine kritische Einführung in die Forschung, Frankfurt a. M. 1974, S.251) angesehen werden kann.
Sieben Jahre nach dem Erscheinen des Heizer-Kapitels erscheint 1920 die Erzählung auf Tschechisch, welche von Milena Jesenská übersetzt wird. In den kommenden Jahren bis zu Kafkas Tod 1924 kommt es nie zu einer Veröffentlichung des Werks, welches inzwischen über die uns heute vorliegende Anzahl an Kapiteln sowie Fragmenten verfügt. Der Autor schreibt laut seinem Nachlassverwalter Max Brod zwar leidenschaftlich bis tief in die Nacht an der Erzählung, doch scheint er bis zuletzt nicht gänzlich zufrieden mit seinem Werk gewesen zu sein, weswegen eine Publikation für ihn auch nicht infrage kommt. Erst nach seinem Ableben entschließt sich Max Brod dazu, den fragmentartigen Roman unter dem Titel Amerika im Jahre 1927 zu veröffentlichen. Diese Fassung des Werks unterscheidet sich insofern von der kritischen Fassung Kafkas, als das Brod den Titel umändert sowie einige Kapitel und Fragmente im Roman betitelt, die unter Kafkas Feder titellos bleiben.
Amerika erfährt weniger Lob und Resonanz als die kurz zuvor publizierten Werke Das Urteil sowie Das Schloss. Kritiker sprechen davon, dass der kafkaeske Schreibstil des Autors in Amerika vergleichsweise weniger zum Ausdruck kommt als in anderen Werken. Am 1. Januar 1983 erscheint dann eine Neuauflage des Romans unter dem heutigen Titel Der Verschollene. Grund für die Titeländerung ist, dass man in Kafkas Aufzeichnungen des Roman-Fragments auf die vorläufige Titelgebung Der Verschollene gestoßen ist. Diese Ausgabe des Werks nennt sich auch kritische Ausgabe, da die Fassung sich an die Version des Schriftstellers hält und neben dem Originaltitel keine nachträglich hinzugefügten Kapitel- und Fragmenttitel enthält. In einem Brief an seine Geliebte Felice Bauer schreibt Kafka am 11. November 1912, dass es sich bei Der Verschollene um eine Geschichte handelt, die ins Endlose angelegt sei. Diese Aussage spiegeln sich auch im offenen Ende des Romanfragments wider. Jedoch tut das bruchstückhafte Äußere der Erzählung dem innewohnenden Wert und der Tiefsinnigkeit keinen Abbruch. Der Verschollene bildet ein nicht mehr wegzudenkendes Werk im Kanon Kafkas Literatur sowie der Welt-Bibliothek signifikanter Werke.