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Die psychoanalytische Interpretation

Die Befürworter der psychoanalytischen Interpretation führen zur Deutung der Verwandlung die Theorien des Psychologen Sigmund Freud heran. Da Kafka und Freud Zeitgenossen waren (und Freud besonders zu Kafkas Lebzeiten ein beliebtes Gesprächsthema der Intellektuellen war), erscheint dieser Ansatz naheliegend. Tatsächlich wird vieles in Kafkas Texten nie ausgesprochen, sondern nur angedeutet, worin manche die Arbeitsweise der Psyche erkennen mögen: Kafkas Protagonisten scheinen oft etwas zu verdrängen, sie setzen sich manchmal kaum mit ihren eigenen Gedanken auseinander. Es scheint daher naheliegend, den Text mithilfe den Theorien Freuds zu lesen, der sich ja mit dem Unterbewusstsein beschäftigte. Kafka selbst jedoch interessierte sich nicht für Freud und stand dessen Theorien kritisch bis ablehnend gegenüber - dass er seine Texte wegen der Forschung Freuds so geschrieben hat, wie er es tat, ist unwahrscheinlich. Vielmehr ist Kafka Mitglied einer Generation, die das Unterbewusstsein „entdeckte“ und sich damit auseinandersetzte. Auch Freud ist nur einer der Vielen, die das taten.
Die psychoanalytische Interpretation sieht in der Verwandlung eine Erzählung, die von einer Psychose, also einer schweren psychischen Erkrankung handelt. Sie steht damit im Konflikt zum Text, denn sie verneint, dass Gregor wirklich ein Käfer ist: Dieser bilde sich die Verwandlung nur ein. Die eingebildete Verwandlung steht laut ihr am Ende eines längeren psychischen Prozesses, der von Unzufriedenheit und Verdrängung geprägt ist. Gregor hat seine Bedürfnisse zurückgestellt, seit sein Vater seine Arbeit verloren hat und ausschließlich für die Familie gelebt. Seine Freizeit hat er dafür aufgegeben. Zufrieden ist er damit nicht gewesen, aber andererseits hat er es als seine Pflicht gesehen, der Familie ein Leben in Wohlstand zu ermöglichen und diese Pflicht auch gerne erfüllt. Die Unzufriedenheit hat sich aber über die Jahre hinweg angestaut. Am Morgen nach seiner Verwandlung ist Gregor sogar so weit, seine Arbeit zum Teufel zu wünschen (S. 8). Dass der Verwandlung ein innerer Prozess vorausgeht, bestätigt Gregor selbst, als er sich dem Prokuristen gegenüber zu rechtfertigen versucht: „Wie das nur einen Menschen so überfallen kann! Noch gestern abend [sic] war mir ganz gut, meine Eltern wissen es ja, oder besser, schon gestern Abend hatte ich eine kleine Vorahnung. Man hätte es mir ansehen müssen! [Hervorhebung: F. U.]“ (S. 18) Gregor hat also geahnt, dass etwas anders ist und beklagt zudem noch, dass es niemand bemerkt hat.
Darstellung der psychologischen Konzepte Über-Ich, Ich und Es in einfacher Form.
Abb. 1: Persönlichkeitsmodell nach Freud:
Das Ich ist der Vermittler zwischen seinen Trieben
und den moralischen Erwartungen an es selbst.
Das Über-Ich besteht also vor allem aus Einschränkungen, die die Gesellschaft dem Individuum einprägt. Es und Über-Ich stehen sich demnach entgegen: Das Es strebt nach ungehemmter Trieberfüllung, das Über-Ich nach der Einhaltung von moralischen Regeln. Andererseits kann man das Über-Ich auch als Bestandteil des Es sehen, da ein Mensch ja auch den Trieb haben kann, sich besonders „gut“ zu verhalten.
Das Ich verhandelt nun zwischen diesen beiden Prinzipien und bildet so die Persönlichkeit eines Menschen. Ein Mensch bildet laut Freud seine Persönlichkeit durch die Erfahrung der eigenen Wünsche und Körperreize einerseits und seine moralischen Vorstellungen andererseits. Zu einer psychischen Krankheit kann es kommen, wenn die Persönlichkeitsbestandteile nicht im Gleichgewicht sind: Dann kommt es zu einer Krise des Ich.
Genau eine solche Krise erlebt Gregor vor seiner Verwandlung: Er ist maßgeblich vom Über-Ich bestimmt, denn er vernachlässigt seine eigenen Triebe (für zwischenmenschlichen Kontakt und Beziehungen ist eigentlich keine Zeit) für die moralischen Erwartungen, die er an sich hat: nämlich der Ernährer der Familie zu sein. Gregor lebt nur für andere und nicht für sich selbst - keine gute Einstellung, um psychisch gesund zu bleiben. Die Konzentration aufs Über-Ich lässt das Es nicht verkümmern, es verdrängt dieses nur. Gregor sagt sich, dass seine Bedürfnisse zu vernachlässigen sind, da er weiterhin für die Familie arbeiten muss: „Der große Schnitt“ (S. 9) darf erst nach der Abbezahlung der elterlichen Schuld erfolgen. Doch das Es kommt Gregor zuvor: Er „verwandelt“ sich in einen Käfer. Im Bild des Käfers oder des Ungeziefers ist die triebhafte oder tierische Natur des Es erkennbar; das Wort Ungeziefer steht zudem laut Duden für einen „Bestand an [...] Schädlingen“. Ein Schädling steht der Gesellschaft (und damit auch ihrer Wertvorstellung von Nützlichkeit) gegenüber - das Über-Ich lehnt den Schädling ab und verachtet ihn.
Die Unterdrückung des Es wird also durch eine Psychose für Gregor spürbar; er ist gezwungen, sich mit seinen Trieben auseinanderzusetzen. Er stellt nun Ansprüche an die Familie, drückt sein Es also aus (auch wenn er mit der Familie nicht reden kann - immerhin gesteht er sich einige seiner Wünsche nun ein): Die Klage, dass die Familie seine Krankheit nicht bemerkt hat (S. 18) ist ebenso Ausdruck des Es wie seine Freude daran, über die Wände zu kriechen (Akzeptanz des tierischen Körpers), das Verlangen, in die Speisekammer der Familie einzubrechen (Wunsch, sich an der Bedrängung durch die Familie durch die Erfüllung der Triebe zu rächen) oder die Wut, mit der Gregor auf den Streit zwischen seiner Schwester und den Eltern reagiert (S. 55). Hier zeigen sich Gefühle und Verlangen, die von Gregor nicht hinterfragt werden. Gregor akzeptiert an diesen Stellen sein Es. Durch die Einbildung, ein Tier zu sein, rechtfertigt Gregor seine vorher unterdrückten Triebe. Seine Persönlichkeit ändert sich dadurch, dass sich nach der äußeren „Veränderung“ auch eine innere vollzieht, das Es von Gregor immer mehr anerkannt wird. Die Familie reagiert darauf jedoch mit Ekel, Entsetzen und Wut - nur die Schwester geht auf Gregors Wünsche ein, indem sie ihm Essen bringt oder ihm Platz fürs Kriechen schaffen will. Dass Gregor nicht mehr den Ansprüchen genügen kann und trotzdem eigene Ansprüche stellt, kann die Familie nicht verstehen.
Das Über-Ich bleibt aber der vorherrschende Bestandteil von Gregors Persönlichkeit, was auch sein Ende besiegelt: Er entscheidet sich zu sterben, da er weiß, dass er seiner Familie nur Probleme bereitet. Auch als Käfer möchte er es seiner Familie möglichst leicht machen. Er klagt nicht darüber, in sein Zimmer eingeschlossen zu sein, verbirgt sich unter dem Kanapee, um seine Familienmitglieder nicht zu erschrecken und schämt sich, dass er seiner Familie nicht helfen kann. Es ist ihm nicht möglich, seine früheren Pflichten und Aufgaben fallenzulassen und seine neue Rolle zu akzeptieren. Da Gregor sein Leben damit zugebracht hat, anderen zu helfen, stürzt ihn die Verwandlung in eine Identitätskrise, denn er kann genau das nicht mehr tun. Die Einbildung, in einen Käfer verwandelt zu sein, kann daher auf zwei Arten gedeutet werden: Die Verwandlung ist als Wunschvorstellung interpretierbar, denn nun ist Gregor gerechtfertigt, Ansprüche an die Familie zu stellen; zudem scheint er nun „weniger Feingefühl“ zu haben (S. 32), seine Wunden heilen schneller. Die Psychose könnte also eine psychische Abwehrreaktion sein: Gregor ist jetzt „härter“ und stößt seine ihn bedrängende Familie von sich ab. Es könnte aber auch sein, dass Gregor sein Selbstbild auf seinen Körper: Er fühlt sich schon vor der Verwandlung von seinem Leben entfremdet. Nun entdeckt er den eigenen Körper als fremd und verabscheuungswürdig.
Der Konflikt mit dem Über-Ich und dem Es ist aber nicht der einzige psychische Konflikt, den Gregor mit sich austrägt. Auch hier setzt man wieder eine Theorie Freuds an: Es gibt zahlreiche Hinweise, dass Gregor unter einem Ödipuskomplex leidet. Der erstmals von Sigmund Freud beschriebene Ödipuskomplex bezeichnet den (verdrängten, unterbewussten) Wunsch eines Jungen oder eines Mannes, seinem Vater den Platz bei der Mutter streitig zu machen und ihn zu verdrängen - der Junge oder Mann liebt seine Mutter, die er unterbewusst sexuell begehrt. Folglich empfindet er (oftmals ohne es zu wissen) Hass und Eifersucht gegenüber dem Vater. Der Junge oder Mann ist deshalb bestrebt, seinen Vater zu übertrumpfen, um sich als besserer Partner für die Mutter zu erweisen. Benannt ist der Ödipuskomplex nach der griechischen Sagenfigur des König Ödipus, der als Kind in der Wildnis ausgesetzt wird, seinen königlichen Vater tötet (jedoch ohne zu wissen, dass dies sein Vater ist) und dessen Königreich übernimmt. Dabei heiratet er unwissentlich seine Mutter. Anhänger des psychoanalytischen Deutungsansatzes meinen, die Merkmale des Ödipuskomplexes bei Gregor zu erkennen.
Schon Gregors Vergangenheit scheint dieser These zuzustimmen: Gregor schwingt sich beruflich genau dann auf, als das Geschäft seines Vaters scheitert und dieser arbeitslos wird. Gregor nutzt die Chance, um den Vater zu übertrumpfen, da er dessen Schwäche „wittert“. Er verdrängt ihn als Ernährer der Familie, macht ihm diesen Platz streitig. „Es waren schöne Zeiten gewesen“, sagt Gregor im Andenken an seinen schnellen beruflichen Aufstieg und die Freude der überraschten Familie (S. 35), „und niemals nachher hatten sie sich, wenigstens in diesem Glanze, wiederholt“ (ebd.). Denn Gregor verdrängte zwar den Vater als finanzielle Stütze, aber „eine besondere Wärme [der Familie zu Gregor] wollte sich nicht mehr ergeben“ (ebd.). Gregor hat es nicht geschafft, die emotionale Stellung seines Vaters einzunehmen, trotz seiner Bedeutung für die Familie ist er von seinen Eltern distanziert. Er fühlt sich im Beruf auch nicht als souveräner Angestellter, sondern unterdrückt - Gregor fühlt sich nicht so, als würde er seinen Vater übertrumpfen und große Stärke beweisen, was schließlich ein Verlangen ist, das durch den Ödipuskomplex entsteht.
Der Hass zum und die Angst vor dem Vater werden von Gregor nicht offen ausgesprochen, man muss sie zwischen den Zeilen lesen. Als Käfer ist er nun dem Vater unterlegen, der vorher als übergewichtiger alter Herr nur müde im Sessel saß und Zeitung las. Schon am ersten Morgen meint Gregor, sein Vater würde ihm Vorwürfe machen und betont, dass sein Vater „mit tieferer Stimme“ mahnt und mit der Faust an die Tür klopft (S. 10). Er empfindet den Vater als bedrohlich, vor allem dessen männlich-dominantes Verhalten (körperliche Kraft und Dominanz verband man in der von Männern bestimmten damaligen Gesellschaft als männlich). Es fällt im weiteren Verlauf der Erzählung auf, dass Gregor immer auf die körperlichen, eindrucksvollen Merkmale des Vaters verweist wie seine nun wieder aufrechte Gestalt und die „Riesengröße seiner Stiefelsohlen“ (S. 48), die für den am Boden kriechenden Gregor besonders bedrohlich erscheinen müssen. Der Ödipuskomplex zeigt sich darin, dass die väterliche Kraft als Problem und Gefahr wahrgenommen wird. In diesem Zusammenhang wird besonders die Apfelwurf-Szene erwähnt: Der Vater bombardiert den ausgebrochenen Gregor mit Äpfeln und verwundet ihn dabei schwer. Der Vater tut dies ruhig und überlegt, zeigt dabei seine Dominanz und Überlegenheit. Die Äpfel sind zudem Symbol für Sexualität, Potenz und Fruchtbarkeit. Der Vater setzt also symbolisch seine Sexualität gegen Gregor ein und verletzt ihn damit. Der Vater bestraft Gregor nach dessen Verwandlung für dessen Anspruch, ihn von seinem Platz zu verdrängen. Der Vater betont seine väterliche, patriarchale Rolle und vernichtet Gregor damit, denn Gregor stirbt u. a. an den Spätfolgen der Verletzung, die durch den Apfelwurf entstanden ist.
Das Begehren der Mutter wiederum zeigt sich an wenigen Stellen. Es ist jedoch bemerkenswert, dass Gregor direkt am Morgen seiner Verwandlung die Stimme seines Vaters als vorwurfsvoll und bedrohlich empfindet, die seiner Mutter jedoch als sanft - das wird sogar mit einem Ausruf ausgedrückt: „Die sanfte Stimme!“ (S. 10). Im weiteren Verlauf betont Gregor immer wieder ihre Schwäche und seine Sorge um sie. Offenbar möchte er für sie sorgen, sie beschützen und somit die Rolle des Vaters einnehmen. Als Käfer wünscht er sich nach einigen Wochen, seine Mutter wieder zu sehen, nicht aber seinen Vater. Als die Mutter den Vater um die Schonung von Gregors Leben bittet, kommt Gregor nicht umhin zu bemerken, wie „ihre Röcke einer nach dem anderen zu Boden“ gleiten (S. 50), was am deutlichsten die unterdrückten sexuellen Wünsche Gregors demonstriert. Gregor deutet diese Geste als „gänzlich[e] Vereinigung mit ihm [dem Vater]“ (ebd.). Gregors Verhältnis zu den Eltern ist also problematisch, da sexuell aufgeladen. Er kann sich nicht von seiner Mutter lösen; seine Frauenbekanntschaften waren nicht von Erfolg gekrönt. Sicher trägt der Ödipuskomplex zu Gregors psychischer Krankheit bei, falls man dem Deutungsansatz folgt. Der Apfelwurf wäre so als Einbildung Gregors denkbar, als symbolischer Ausdruck seines inneren Konflikts.
Gregor begehrt jedoch auch seine Schwester, wenn man die Erzählung psychoanalytisch deuten möchte. Eine körperliche Beschreibung seiner Schwester fehlt, im Gegensatz zur Beschreibung fast aller anderen in der Erzählung auftauchenden Personen. Er weigert sich, seine Schwester als sexuell gereifte, selbständige Person zu erkennen. Gregor möchte sie besitzen, was sich in der Schlüsselstelle zeigt, als er ihrem Konzert lauscht:
„Er war entschlossen, bis zur Schwester vorzudringen, sie am Rock zu zupfen und ihr dadurch anzudeuten, sie möge doch mit ihrer Violine in sein Zimmer kommen [...]. Er wollte sie nicht mehr aus seinem Zimmer lassen [...]; seine Schreckgestalt sollte ihm zum erstenmal nützlich werden; an allen Türen seines Zimmers wollte er gleichzeitig sein und den Angreifern entgegenfauchen; die Schwester aber sollte nicht gezwungen, sondern freiwillig bei ihm bleiben; sie sollte neben ihm auf dem Kanapee sitzen, das Ohr zu ihm herunterneigen [...]. Gregor würde sich bis zu ihrer Achsel erheben und ihren Hals küssen [...].“ (S. 61)
Das sexuelle Begehren ist hier mehr als nur angedeutet. Dass seine Schwester aber emanzipiert und selbstsicher wird, sich über den großen Bruder hinwegsetzt und ihn loswerden will, versetzt Gregor den finalen Todesstoß.
Das Unterbewusstsein Gregors zeigt sich auch in vielen Symbolen und Motiven, die sonst unverständlich bleiben: So verkörpert das Kanapee Sexualität, Ruhe und Geborgenheit. Zudem ist das Kanapee Ort der Träume - es steht also für die Persönlichkeit, das Innere und die Psyche. Gregor fühlt sich unter dem Kanapee wohl, weil es ihn selbst repräsentiert, es ist daher sein Platz. Das Befreiende des Blicks aus dem Fenster kann man als Freiheitssehnsucht Gregors verstehen. Das Fenster führt anders als die Türen zu seinem Zimmer aus der Wohnung hinaus, damit auch hinaus aus den bedrängten, konfliktreichen Zuständen in der elterlichen Wohnung. Der Blick aus dem Fenster gibt Gregor einen Ausblick auf eine selbstständige, freie Existenz, er ließ ihn seinen psychisch aufgeladenen Konflikt mit der Familie vergessen. Die Verwandlung ist voll von solchen Verweisen auf das Unterbewusstsein. Das alles deutet darauf hin, dass die Verwandlung und viele Szenen nur eingebildet sind. Als psychisch zerrüttete Persönlichkeit kann vieles, das Gregor meint zu erleben, bloß seine Phantasie sein - sein Tod mit eingeschlossen. Der Vorteil dieses Deutungsansatzes ist also, dass man vieles versteht, was sonst unerklärlich bleiben würde. Allerdings muss man hierfür den Wahrheitsgehalt von Gregors Wahrnehmung und die ganze Geschichte hinterfragen.
Bildnachweise [nach oben]
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