Motive
Bei der Analyse des Dramas Iphigenie auf Tauris fallen einige Motive besonders ins Auge. Im Folgenden werden zwei davon näher betrachtet.
Merkmale eines Motivs
- Ein Motiv ist ein erzählerischer Baustein, der eine inhaltlich Bedeutung über sich selbst hinaus schafft
- Es wiederholt sich in typischer Art und Weise, wodurch einzelnen Textstellen in Beziehung miteinander gesetzt werden
- Es beschreibt weder eine direkte Handlung noch ist es an eine bestimmte Person gebunden
- Ein Motiv ist konkreter gefasst als das Thema, also die grobe Grundidee eines Werkes
- Typische Ding-Motive sind Tiere wie z.B. die Schlange oder Gegenstände wie die Sonne
- Sie können auch als wiederkehrende Bilder, Gesten, Orte oder Redewendungen umgesetzt werden
Motiv „Band“
- Im Drama taucht immer wieder das Band als Motiv auf
- Einerseits wird das Band als Umschreibung für Familienzusammenhang verwendet. So spricht etwa Orest von „nähern Banden“, als er Iphigenie nach ihrer Herkunft fragt (Aufz. 3, Auft. 1, Z. 73)
- Andererseits stellt das Band entgegengesetzt bildhaft Fesseln dar
- Iphigenies Gefühl der Abhängigkeit von Thoas und Göttin Diana wird als „Sklavenbande“ benannt (Aufz. 1, Auft. 1, Z. 35)
- Andererseits wird die Unfreiheit aufgrund des schicksalhaften Fluchs der Tantaliden versinnbildlicht; z.B. als „unsers Hauses Schreckensbande“ (Aufz. 3, Auft. 1, Z. 266)
- Am Ende des Dramas wird das Motiv rein positiv belegt, da die Unfreiheit von Iphigenie und Orest aufgehoben wird
Motiv „Sonne und Schatten“
- Als weiteres Motiv nutzt Goethe den Gegensatz von Sonne und Schatten
- Die Sonne steht für Lebensfreude; Iphigenie sehnt sich nach einem glücklichen Leben bei ihrer Familie und spricht von „Vaters Hallen, wo die Sonne zuerst den Himmel vor ihnen aufschloss“ (Aufz. 1, Auft. 1, Z. 20)
- Der Schatten wird motivisch für den Tod und unglückliches Leben genutzt; so klagt die von Heimweh geplagte Iphigenie „Heraus in eure Schatten“ (Aufz. 1, Auft. 1, Z. 2)