Der Mensch - zum Guten wie zum Bösen befähigt
Ein Merkmal von Hoffmanns Schreibkunst ist, dass sich seine Werke trotz aller Phantastik stets auf den Menschen und seine Rolle in der Welt, seinen Weg zum Glück (oder zum Unglück) beziehen. Anders als die Klassiker sieht er den Menschen nicht als ein Wesen, das eine höhere Wahrheit erahnen kann und deshalb dazu tendiert, sich seinen Idealen anzunähern. Zwar treten uns Ideale durch das Fräulein von Scuderi entgegen, doch zeigt E.T.A. Hoffmann, dass nicht jedem Menschen Zufriedenheit, Ruhe und moralisches Handeln möglich sind. Dies folgt aus der wesentlichen Erkenntnis, dass der Mensch nicht immer Herr seiner Sinne und seiner Psyche ist. Als Beispiel des - von Natur aus! - innerlich zerrissenen und zum Bösen neigenden Menschen dient René Cardillac. Er entscheidet sich nicht für das Böse, er weiß, dass seine Verbrechen moralisch schlecht sind, versucht, zumindest manche Leute zu verschonen und will die Erinnerung an seine Taten nach seinem Tode ausgelöscht wissen. Er genießt das Verbrechen nicht, sondern die Ruhe nach dem Verbrechen. Das Böse in ihm besteht nicht darin, dass er es liebt, anderen Menschen Schaden zuzufügen, sondern in einer psychischen Störung, die sich in einer heftigen Leidenschaft zu seiner Kunst und damit zu sich selbst offenbart. Er tut also das Böse nicht, um Böses zu tun, sondern, weil er sich getrieben und geplagt fühlt. Seine Verbrechen sind nicht Folge einer dämonischen Stärke, sondern einer menschlichen Schwäche. Er denkt selbst, dass er nicht anders kann, sieht seltsame Umstände während der Schwangerschaft seiner Mutter als Ursache für seine Taten. Er ist also Opfer seiner Begierde, der er nicht zu widerstehen vermag. Die Materie, Schmuck und seine Kunst geben seinem Leben einen Sinn. Ohne den Besitz fühlt er sich leer, sein Unterbewusstsein, eine andere Stimme, die er nicht kontrollieren kann, treibt ihn zum Mord. Cardillac ist ein Mensch, der sich im Ungleichgewicht befindet und durch seine Morde sein inneres Gleichgewicht herstellen möchte. Dadurch, dass er seine Begierde an Dingen festmacht und nicht am Leben selbst, sieht er sich von den gewöhnlichen Mechanismen der Welt, die nun mal nicht vorsieht, dass Besitz ewig ist, in seiner Persönlichkeit bedroht.
E.T.A. Hoffmann zieht also den Schluss, dass es Kräfte gibt, denen der Mensch nicht widerstehen kann. Die Vergangenheit ist hierfür ein Beispiel: Der Mensch kann sie nicht ändern, sie hat einen unabwendbaren Einfluss auf ihn. Die Gefahr verbirgt sich in seinem Innern, der Mensch ist mehr, als er zu sein scheint. Somit ist der Mensch für ihn keine Wesenseinheit: Bewusstsein und Unterbewusstsein können sich widersprechen. Die wahre Natur des Menschen entzieht sich dem Verstand.
Das Fräulein von Scuderi zeigt aber auch den guten Menschen. Was den Menschen zum Guten befähigt, ist jedoch nicht sein Verstand, sondern sein Gefühl. Der Mensch ist kein reines Vernunftswesen. Sowie ihn innere Kräfte verderben können und zur Zerstörung seiner Umwelt und damit letztlich seiner selbst drängen, so sind es auch Ahnungen und Intuition, die den sensiblen Menschen bemächtigen, sich für das Gute einzusetzen. Das Gute wird nicht durch den Verstand erkannt, sondern durch das Gefühl. Hieraus ergibt sich auch eine gesellschaftliche Tragweite der Novelle: Als Basis einer funktionierenden, moralischen Gesellschaft sieht E.T.A. Hoffmann (christliche) Werte, Gefühle, Mitgefühl, den Willen zur Vergebung und die Neigung zur Liebe. La Regnie und Desgrais bringen Tod und Unsicherheit, sie ermöglichen das Verbrechen durch ihr hartes Vorgehen, das auf bloßen Indizien (also Hinweisen, die mit dem Verstand registriert und ausgewertet werden) beruhen. Sie bringen dem Menschen keine Ruhe, sondern verunsichern ihn, sie erzeugen Angst. Dagegen dienen die Werte und die Liebe als Hoffnung auf bessere Zeiten, als Motivation, wirklich bleibend Gutes zu tun. Die Wahrheitsfindung erfolgt immer durch das Gefühl: Von Scuderi fühlt, dass Madelons Geschichte wahr und Olivier unschuldig ist, der König hört auf sein inneres Gefühl und begnadigt diesen. Der Romantiker E.T.A. Hoffmann richtet sich so gegen der aufklärerische Ideal des Vernunftmenschen, seine Version einer Gesellschaft wird nicht durch vernünftige Normen aufrechterhalten, sondern durch gefühlte Werte.
Eine besondere Rolle in der Novelle nehmen die Frauen ein. Wohl verbirgt sich darin der oben geschilderte Grundsatz, dass das Gefühl zum Guten führt. Traditionell spricht man den Frauen einen größeren Hang zu Emotionen zu als den Männern, nicht umsonst spricht der Volksmund von explizit weiblicher Intuition. Bemerkenswert ist bereits, dass E.T.A. Hoffmann eine alte Dame als Protagonistin und Titelheldin verwendet. Stets betont er ihre Liebenswürdigkeit und ihr großes Herz. Sie engagiert sich für den Kriminalfall, da sie fühlt, dass Olivier unschuldig ist, sie möchte Gnade erreichen. Sie ist ein Idealbild des emotionalen Menschen. Ihre Intuition spürt auf, was dem Verstand verborgen bleibt, ihre Intuition stellt die Gerechtigkeit wieder her. Eine weitere wichtige Eigenschaft ist ihre Bereitschaft, den Menschen zuzuhören und sie nicht im Voraus zu kategorisieren. La Regnie tritt sie entgegen, ohne ihn der Ungerechtigkeit zu beschuldigen, Olivier, der ein potentieller Verbrecher ist, wird von ihr in ihren privaten Gemächern angehört. Die Zuwendung, das Interesse am Innenleben anderer Menschen erhält die Gesellschaft, bezeichnenderweise ist es das passive Zuhören, welches die Katastrophe abwendet. Die Aufklärung geschieht durch drei Monologe - den Oliviers, den Cardillacs und den Miossens‘ - und nicht durch das Verhör.
E.T.A. Hoffmann verdeutlicht, dass eine Gesellschaft nicht funktionieren kann, wenn nicht genügend auf das Individuum eingegangen wird. Dabei ist es besonders wichtig, zwischen des sozialen Sphären zu wechseln. Von Scuderi ist in der Hofgesellschaft verankert, begibt sich aber auch in die Sphäre des Bürgertums, indem sie mit Olivier und Madelon spricht. Sie verschließt sich nicht den dunklen Geheimnissen und der Kenntnis des Verbrechens, die den Hof an seiner Oberfläche nicht zu berühren scheinen. Dies entspricht wiederum dem romantischen Ideal: Nicht nur das Schöne und Reizende soll der Mensch kennen, sondern auch den Wahn und das Verbrechen. Das Gute wie das Böse sind Bestandteil dieser Welt, wer sie verbessern möchte, muss beide kennen. Dabei kann aber auch in Kauf genommen werden, dass Geheimnisse verborgen bleiben, wenn ihre „Enthüllung die Unschuld und Tugend selbst verderben“ (S. 64) würden.
Madelon und die Marquise de Maintenon sind auch an der Aufklärung des Falles beteiligt. De Maintenon ist es, die von Scuderi mit Cardillac bekannt macht. Madelon sorgt durch ihre Liebe dafür, dass von Scuderi nicht den Glauben an Oliviers Unschuld verliert, womit sie diesen schließlich rettet. Ohne diese Frauen wäre Olivier hingerichtet worden und die Morde Cardillacs niemals ans Licht gekommen. Die Frauen wirken korrigierend auf die Männer ein: Das Treiben der Chambre ardente, die keine Gnade und kein Mitgefühl kennt, unterbinden sie, den König überzeugen sie, sich auf sein Gefühl zu verlassen. Frauen sind hier die Inbegriffe der Tugend, ohne ihr aktives Eingreifen in die Gesellschaft würde diese im Chaos versinken.
In Hoffmanns Novelle nimmt die Kunst eine ambivalente Rolle ein. Deutlich wird, dass sie kein Selbstzweck ist - Cardillac steht der durch Schiller vertretenen Meinung, die Ästhetik der Kunst erziehe den Menschen, explizit entgegen. Kunst an sich macht den Menschen nicht zu einem liebenden, friedlichen Mitglied der Gesellschaft. Cardillacs Kunst ist höchst ästhetisch, doch erweckt sie Leidenschaften, die den Menschen verderben. Hieraus lässt sich die Erkenntnis ableiten, dass Kunst mit Werten gefüllt werden muss, um positiv auf den Menschen zu wirken. Die bloße Liebe zur Schönheit, zum Glanz ist falsch, sie kann nie vollends ausgelebt werden und verleitet den Menschen sogar zu Verbrechen. Von Scuderis Literatur jedoch wird wegen ihrer hohen Moralität gepriesen - es sind also die Inhalte, die den Wert der Kunst ausmachen, die dazu beitragen, den Menschen zu verbessern. Kunst als egomanische Passion jedoch wird als etwas Gefährliches dargestellt.
E.T.A. Hoffmann zieht also den Schluss, dass es Kräfte gibt, denen der Mensch nicht widerstehen kann. Die Vergangenheit ist hierfür ein Beispiel: Der Mensch kann sie nicht ändern, sie hat einen unabwendbaren Einfluss auf ihn. Die Gefahr verbirgt sich in seinem Innern, der Mensch ist mehr, als er zu sein scheint. Somit ist der Mensch für ihn keine Wesenseinheit: Bewusstsein und Unterbewusstsein können sich widersprechen. Die wahre Natur des Menschen entzieht sich dem Verstand.
Das Fräulein von Scuderi zeigt aber auch den guten Menschen. Was den Menschen zum Guten befähigt, ist jedoch nicht sein Verstand, sondern sein Gefühl. Der Mensch ist kein reines Vernunftswesen. Sowie ihn innere Kräfte verderben können und zur Zerstörung seiner Umwelt und damit letztlich seiner selbst drängen, so sind es auch Ahnungen und Intuition, die den sensiblen Menschen bemächtigen, sich für das Gute einzusetzen. Das Gute wird nicht durch den Verstand erkannt, sondern durch das Gefühl. Hieraus ergibt sich auch eine gesellschaftliche Tragweite der Novelle: Als Basis einer funktionierenden, moralischen Gesellschaft sieht E.T.A. Hoffmann (christliche) Werte, Gefühle, Mitgefühl, den Willen zur Vergebung und die Neigung zur Liebe. La Regnie und Desgrais bringen Tod und Unsicherheit, sie ermöglichen das Verbrechen durch ihr hartes Vorgehen, das auf bloßen Indizien (also Hinweisen, die mit dem Verstand registriert und ausgewertet werden) beruhen. Sie bringen dem Menschen keine Ruhe, sondern verunsichern ihn, sie erzeugen Angst. Dagegen dienen die Werte und die Liebe als Hoffnung auf bessere Zeiten, als Motivation, wirklich bleibend Gutes zu tun. Die Wahrheitsfindung erfolgt immer durch das Gefühl: Von Scuderi fühlt, dass Madelons Geschichte wahr und Olivier unschuldig ist, der König hört auf sein inneres Gefühl und begnadigt diesen. Der Romantiker E.T.A. Hoffmann richtet sich so gegen der aufklärerische Ideal des Vernunftmenschen, seine Version einer Gesellschaft wird nicht durch vernünftige Normen aufrechterhalten, sondern durch gefühlte Werte.
Eine besondere Rolle in der Novelle nehmen die Frauen ein. Wohl verbirgt sich darin der oben geschilderte Grundsatz, dass das Gefühl zum Guten führt. Traditionell spricht man den Frauen einen größeren Hang zu Emotionen zu als den Männern, nicht umsonst spricht der Volksmund von explizit weiblicher Intuition. Bemerkenswert ist bereits, dass E.T.A. Hoffmann eine alte Dame als Protagonistin und Titelheldin verwendet. Stets betont er ihre Liebenswürdigkeit und ihr großes Herz. Sie engagiert sich für den Kriminalfall, da sie fühlt, dass Olivier unschuldig ist, sie möchte Gnade erreichen. Sie ist ein Idealbild des emotionalen Menschen. Ihre Intuition spürt auf, was dem Verstand verborgen bleibt, ihre Intuition stellt die Gerechtigkeit wieder her. Eine weitere wichtige Eigenschaft ist ihre Bereitschaft, den Menschen zuzuhören und sie nicht im Voraus zu kategorisieren. La Regnie tritt sie entgegen, ohne ihn der Ungerechtigkeit zu beschuldigen, Olivier, der ein potentieller Verbrecher ist, wird von ihr in ihren privaten Gemächern angehört. Die Zuwendung, das Interesse am Innenleben anderer Menschen erhält die Gesellschaft, bezeichnenderweise ist es das passive Zuhören, welches die Katastrophe abwendet. Die Aufklärung geschieht durch drei Monologe - den Oliviers, den Cardillacs und den Miossens‘ - und nicht durch das Verhör.
E.T.A. Hoffmann verdeutlicht, dass eine Gesellschaft nicht funktionieren kann, wenn nicht genügend auf das Individuum eingegangen wird. Dabei ist es besonders wichtig, zwischen des sozialen Sphären zu wechseln. Von Scuderi ist in der Hofgesellschaft verankert, begibt sich aber auch in die Sphäre des Bürgertums, indem sie mit Olivier und Madelon spricht. Sie verschließt sich nicht den dunklen Geheimnissen und der Kenntnis des Verbrechens, die den Hof an seiner Oberfläche nicht zu berühren scheinen. Dies entspricht wiederum dem romantischen Ideal: Nicht nur das Schöne und Reizende soll der Mensch kennen, sondern auch den Wahn und das Verbrechen. Das Gute wie das Böse sind Bestandteil dieser Welt, wer sie verbessern möchte, muss beide kennen. Dabei kann aber auch in Kauf genommen werden, dass Geheimnisse verborgen bleiben, wenn ihre „Enthüllung die Unschuld und Tugend selbst verderben“ (S. 64) würden.
Madelon und die Marquise de Maintenon sind auch an der Aufklärung des Falles beteiligt. De Maintenon ist es, die von Scuderi mit Cardillac bekannt macht. Madelon sorgt durch ihre Liebe dafür, dass von Scuderi nicht den Glauben an Oliviers Unschuld verliert, womit sie diesen schließlich rettet. Ohne diese Frauen wäre Olivier hingerichtet worden und die Morde Cardillacs niemals ans Licht gekommen. Die Frauen wirken korrigierend auf die Männer ein: Das Treiben der Chambre ardente, die keine Gnade und kein Mitgefühl kennt, unterbinden sie, den König überzeugen sie, sich auf sein Gefühl zu verlassen. Frauen sind hier die Inbegriffe der Tugend, ohne ihr aktives Eingreifen in die Gesellschaft würde diese im Chaos versinken.
In Hoffmanns Novelle nimmt die Kunst eine ambivalente Rolle ein. Deutlich wird, dass sie kein Selbstzweck ist - Cardillac steht der durch Schiller vertretenen Meinung, die Ästhetik der Kunst erziehe den Menschen, explizit entgegen. Kunst an sich macht den Menschen nicht zu einem liebenden, friedlichen Mitglied der Gesellschaft. Cardillacs Kunst ist höchst ästhetisch, doch erweckt sie Leidenschaften, die den Menschen verderben. Hieraus lässt sich die Erkenntnis ableiten, dass Kunst mit Werten gefüllt werden muss, um positiv auf den Menschen zu wirken. Die bloße Liebe zur Schönheit, zum Glanz ist falsch, sie kann nie vollends ausgelebt werden und verleitet den Menschen sogar zu Verbrechen. Von Scuderis Literatur jedoch wird wegen ihrer hohen Moralität gepriesen - es sind also die Inhalte, die den Wert der Kunst ausmachen, die dazu beitragen, den Menschen zu verbessern. Kunst als egomanische Passion jedoch wird als etwas Gefährliches dargestellt.