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Bildnis und Identitätsproblematik

Unter einem „Bildnis“ versteht Frisch eine vorgefertigte Auffassung von sich oder anderen, die das wirkliche, authentische Leben verhindert. Ausgehend vom alttestamentarischen Bildnisverbot („Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“) wendet Frisch dieses auf die Menschen: Sünde ist, sich von seinen Mitmenschen ein Bildnis zu machen.
Erst die Liebe befreie aus dem Bildnis, denn sie erlaube, den geliebten Menschen in seiner widersprüchlichen Komplexität wahrzunehmen, ohne ihn auf ein starres Bild festzulegen.
Walter Faber
In Homo faber kritisiert Frisch das Rollenbild des Menschen von sich selbst. So verbirgt sich Fabers wahre Identität hinter der Rolle als Techniker. Als Rollenwesen führt er ein verfehltes Leben und besitzt nur eine Scheinidentität. Erst mit dem herannahenden Tod erkennt Faber, dass er eigentlich an sich vorbeigelebt hat.
Noch als er die erste Station schreibt, identifiziert Faber sich mit dem Bild des Technikers. Gemäß Selbstbild ist der Techniker an Tatsachen interessiert. Es ist ein männlicher Beruf, wenn nicht „der einzigmännliche überhaupt“ (S. 83). Selbstbild und Wirklichkeit klaffen im Laufe der Handlung jedoch immer weiter auseinander. So meint Faber von sich, völlig rational zu sein und die Dinge so zu sehen, wie sie sind. In Wahrheit handelt er aber häufig irrational, ohne dass er sich erklären kann, weshalb. Außerdem täuscht er sich oftmals, so z. B. bei seinem Ausbruchsversuch in Houston beim Abflug seiner Maschine. Sein folgenreichster Irrtum aber führt zum Tod seiner Tochter, die nicht am Schlangenbiss, sondern wegen ihres Sturzes auf den Hinterkopf stirbt.
Dass sich Faber irrational verhält, verunsichert ihn. Er weiß selbst nicht, was mit ihm los ist und kann sich nicht erklären, weshalb er so handelt, wie er handelt. Teilweise weiß er nicht einmal, was er denken soll. Alle Versuche, sein Verhalten zu rationalisieren, müssen scheitern (Vorstehendes nach S. 11, S. 14, S. 36f., S. 46, S. 144). Bezeichnend ist, dass Faber sich seinen Aufgaben nach dem Tod seiner Tochter nicht mehr gewachsen fühlt (S. 176f.). Obwohl das Irrationale, Schicksalhafte in sein Leben tritt, glaubt Faber auch nach Sabeths Tod an Statistik und versucht sich mit Zahlen zu beruhigen: Die an ihm nötige OP gelinge in 94,6 von 100 Fällen. Wie bei der Mortalität bei Schlangenbissen führt die Statistik hier in die Irre.
Erst am Ende befreit sich Faber vom Selbstbildnis, mit dem er sich selbst sein Leben lang gefangen hielt. Er weist an, alle seine Aufzeichnungen zu vernichten, es stimme nichts. Leben heiße „standhalten dem Licht der Freude im Wissen, daß ich erlösche“ (S. 216), d. h. im Wissen um die eigene Vergänglichkeit und die allen Lebens.
Allerdings ist nicht nur Walters Selbstbild schief, auch sein Frauen- und Weltbild ist von einer Schwarz-Weiß-Sicht gekennzeichnet. Den Unterschied zwischen dem primitiven und dem modernen Menschen bringt er auf die Formel „Technik statt Mystik“ (S. 84). In seinem Denken gehören die Begriffspaare Mann und Technik sowie Frau und Mystik zusammen.
Die Technik erhebt Faber dabei zu einem Ideal, mit dem er auch über ethische Probleme hinweggeht. So sieht er den Streit um Abtreibung nicht als moralische oder gar religiöse, sondern als technische Frage. Seine instrumentelle Vernunft fragt nicht, was gut und richtig, sondern allein, was machbar ist. Zwischen Moral und Technik lässt er keine Überschneidungen zu - entweder lösen wir alles technisch oder „los in den Dschungel“ (S. 116).
Daraus geht hervor, dass sein Denken antithetisch geprägt wird. Konkret bedeutet dies, dass Faber in Gegensätzen denkt. Selbst als sich sein Weltbild auf Kuba ändert, bleibt er blind und jagt Klischees nach. Nun schlägt sein Denken ins Gegenteil um, ohne sich deshalb differenziert mit den weiterhin bestehenden Gegensätzen auseinanderzusetzen. Was vorher weiß war, ist nun schwarz und umgekehrt - Grautöne gibt es nicht. Sein Zorn auf die USA und sich selbst äußert sich in aneinandergereihten Amerikaklischees (S. 190-192), die noch heute Allgemeinplätze des Antiamerikanismus sind. Seine lapidare Äußerung, Marcel habe recht, verweist auf die undifferenzierte Meinung des Maya-Forschers zur modernen Welt.
Auch die Selbsterkenntnis Fabers befreit ihn nicht aus seinen Klischees. Zwar wird ihm klar, dass er an sich vorbei gelebt hat und er spürt die Sehnsucht nach dem, was er das wirkliche Leben nennt. Er will jetzt erleben und und verbringt auf Kuba vier Tage mit „nichts als Schauen.“ Er blendet aber die soziale Wirklichkeit auf der Insel aus, ignoriert Armut und Prostitution. Nach einer Interpretation geriert sich Faber hier als „sentimentaler Herrenmensch“: Er sieht sich von „lauter wunderbaren Menschen“ umgeben, ist offenkundig fasziniert vom Exotischen und kommt „aus dem Gaffen“ nicht heraus. In den Kubanern sieht er etwas Animalisch-Wildes, wozu passt, dass er das Haar eines Jungen anfasst, wie wenn man einen geschorenen Pudel greift. Der Bezug zum Animalisch-Wilden muss nicht erst durch den Interpreten hergestellt werden, sondern findet sich wörtlich. Faber ist in den Bann gezogen von den „Tier-Augen. Überhaupt ihr Fleisch!“ Er bemerkt „lauter schöne Menschen, ich bewundere sie wie fremde Tiere.“. Tatsächlich passt also die Deutung des Ingenieurs als Herrenmensch. Dass er darüber hinaus sentimental geworden ist, beweist der Wunsch: „Wenn man nochmals leben könnte.“ (Vorstehendes nach S. 187-198)
Jedenfalls beginnt Faber auf Kuba, zu sich selbst zu finden. Er zeigt nun Gefühle, schaukelt und lacht, singt und weint. All dies kann durch seine Todesahnung erklärt werden sowie durch die Erkenntnis, nicht richtig gelebt zu haben. Er zeigt nun Neugier für andere Ansichten über die Welt, fragt etwa Juana, eine Prostituierte, nach der Todsünde, nach Göttern und ob Schlangen von Göttern oder Dämonen gesteuert werden. Auf ihre Gegenfrage, was er denke, bleibt er die Antwort schuldig. Zur Mystik scheint er freilich nicht zu tendieren, da er seine geschriebenen Briefe an Dick und Marcel zerreißt, weil sie unsachlich seien.
Hanna Piper
Hanna ist gewissermaßen das Gegenklischee zu Walter. Bereits als Kind schwört sie sich, nie einen Mann zu lieben, weil sie ihre körperliche Unterlegenheit ihrem jüngeren Bruder gegenüber als Demütigung empfindet (S. 198). Später errichtet sie ihr Matriarchat und wacht über ihre Tochter „wie eine Henne“ (Faber). Bezeichnerderweise erzählt sie Walters Mutter von Elisabeth und verrät seinem Vater nichts.
Hanna versteht Männer nicht und will von ihnen nicht (mehr) verstanden werden, womit sie zeigt, dass sie die Kommunikation zwischen den Geschlechtern für unnütz hält. Ihre Ansichten fließen in einem Brachialfeminismus zusammen: Der Mann höre nur sich selbst, deshalb könne das Leben einer Frau, die vom Mann verstanden werden wolle, nur verpfuscht sein, so wie ihr eigenes Leben. Sie bereue nur die Dummheit, dass sie ihre einzelnen Männer für eine Ausnahme hielt (Vorstehendes S. 151f.).
Hannas scheinbarer Selbstvorwurf ist in Wahrheit eine verallgemeinernde Anklage gegen die Männerwelt. Für sie gibt es eigentlich keine einzelnen Männer, genau wie es für Faber keine einzelnen Frauen gibt - es gibt nur den Mann und die Frau: Der Mann sieht sich als Herr der Welt, die Frau nur als seinen Spiegel usw. (= Hanna); alle Frauen haben einen Hang zum Aberglauben (= Walter). Damit sind beide in einem Bildnis gefangen und deshalb ist ihr Leben auch verpfuscht.
Übrigens äußert Hanna mit der Behauptung, die Sprache gebe der Frau immer unrecht, einen Allgemeinplatz der damals aufkommenden feministischen Sprachtheorie. Für Hanna ist die Frau der „Proletarier der Schöpfung“ (S. 152).
Letztlich haben Hannas Narzissmus und ihr Ressentiment gegen Männer ebenfalls Anteil an Elisabeths Tod und an ihrem eigenen verpfuschten Leben. Hätte sie Walter von ihrem gemeinsamen Kind erzählt, wäre es nicht zum tragischen Unglück gekommen. Und hätte sie sich nicht wie eine Henne verhalten, wäre ihre Ehe mit Joachim möglicherweise nicht gescheitert.

Natur und Technik

Natur
  • negativ bis feindlich besetzt für Faber
    • „Die feuchte Luft -
      Die schleimige Sonne“ (S. 45)
    • Verbindung mit Fruchtbarkeit, Weiblichkeit und Tod
    • „Brunst oder Todesangst, man weiß es nicht. -“ (S. 45)
    • Fahrt auf die Plantage:
      „überhaupt diese Fortpflanzerei überall, es stinkt nach Fruchtbarkeit, nach blühender Verwesung.
      Wo man hinspuckt, keimt es!“ (S. 54f.)
  • Sieg der Natur, Versagen der Technik
    • Flug von New York hat 3 Stunden Verspätung wegen Schneestürmen (S. 7)
    • Notlandung in der Wüste (S. 22)
Technik
  • Maschine laut Faber besser als Mensch, Roboter erkennt genauer, weiß mehr von der Zukunft, irrt nicht (S. 80f.)
  • Diskussion über Technik mit Hanna (S. 184f.)
    • Technik nach Hanna ein „Kniff, die Welt so einzurichten, daß wir sie nicht erleben müssen.“
    • Faber behauptet, nicht zu wissen, was Hanna meine, doch ahnt er es
    • Techniker würden versuchen, ohne den Tod zu leben; weil Faber sich als Techniker betrachte, sei auch seine Beziehung zu Sabeth so deuten, einer 30 J. jüngeren Frau (Altersunterschied als Verdrängung der eigenen Vergänglichkeit); deshalb spricht Hanna von einem Irrtum, der zu Faber gehöre wie sein Beruf uns sein Leben
    • Faber behandle das „Leben nicht als Gestalt, sondern als bloße Addition, daher kein Verhältnis zur Zeit, weil kein Verhältnis zum Tod. Leben sei Gestalt in der Zeit.“
  • Ablehnung der Technik durch Zivilisationskritiker Marcel

Schuld, Schicksal, Fügung

Der Witz in Homo faber ist laut Frisch, „dass ein Mensch, der in seinem Denken die Zufälligkeit postuliert, eine Schicksalsgeschichte erlebt.“ Reflexionen über Zufall und Wahrscheinlichkeit sowie über Schicksal und Fügung finden sich im Roman zuhauf (erstmals auf S. 23f.).
Der Gedanke, dass es sich bei den Geschehnissen um Fügung handelt, drängt sich Faber förmlich auf: Er ist es, der diese Möglichkeit ausspricht, auch wenn er sie explizit ablehnt (S. 78). Doch handelt es sich bei allem wirklich nur um Zufälle? Aufschlussreich ist hierbei, um welche Zufälle es sich handelt und was Faber aus ihnen macht.
Zufall Fabers Reaktion
  • F. sitzt im Flugzeug neben Herbert Hencke, dem Bruder seines Jugendfreundes Joachim; es kommt zur Notlandung
  • Schiffsreise kommt nur zustande, weil F. seinen Rasierapparat repariert
  • ...
  • F. und Herbert kommen ins Gespräch; die Vergangenheit holt F. ein; er beschließt, Joachim aufzusuchen
  • auf dem Schiff kommt Faber mit dem Mädchen ins Gespräch, das ihn an Hanna erinnert; in Paris geht F. sicher nicht zufällig in den Louvre, sondern mit dem Ziel, Sabeth wiederzusehen
Faber zieht sich hinter den Begriff des Zufalls zurück. Er bemerkt, wie sehr Sabeth seiner Jugendliebe Hanna ähnelt und spätestens als er erfährt, dass Hanna tatsächlich Sabeths Mutter ist, hätte er seine Beziehung zu seiner „zufälligen Reisebekanntschaft“ hinterfragen müssen. Er verdrängt jedoch seine Ahnungen und will sich einreden, dass es Joachims Kind sei: „Ich rechnete im stillen [...] pausenlos, bis die Rechnung aufging, wie ich sie wollte: Sie konnte nur das Kind von Joachim sein! [...] ich legte mir die Daten zurecht, bis die Rechnung wirklich stimmte [...].“ (S. 132)
Die Ahnung, dass Sabeth sein Kind sein könnte, verdichtet sich später zur Gewissheit. Als Hanna ihn am Unglückort mit der Tatsache konfrontiert, ist sie für ihn keine Neuheit:
„Du weißt, [...] daß es dein Kind ist?“
Ich wußte es. (S. 171)
Dennoch versucht Faber, sich rein zu schreiben und ist bemüht, die sexuelle Initiative Sabeth zuzuschieben: „Jedenfalls war es das Mächen, das in jener Nacht [...] in mein Zimmer kam -“ (S. 135). Selbst wenn wir dem Bericht hier folgen, ist es unbestreitbar Faber, der sie in Pais sucht, der sich ihretwegen Urlaub nimmt und das Auto von Williams organisiert.
Ist schließlich Sabeths Tod ein Zufall? Zumindest berichtet Faber den Unfallhergang falsch und auch der Sturz, der zu ihrer tödlichen Verletzung führt, hat einen Grund. So hängt Sabeths Tod mit dem Inzestfall zusammen, denn sie stirbt, als sie vor dem nackten Faber zurückweicht und über die Böschung auf ihren Hinterkopf stürzt.
Fabers konkrete Schuld aber besteht in der geplatzten Heirat mit Hanna und darin, dass er sich selbst belügt. Er ahnt, dass Sabeth seine Tochter sein könnte, verdrängt es aber. Trotzdem wächst seine Ahnung: Obwohl Faber bei Hanna bereits ein Bad genommen hat, wäscht er sich erneut und versucht auch, sein schmutziges Hemd zu säubern - der Versuch, sich reinzuwaschen (S. 160f.). Seine Schuld sich selbst gegenüber ist, dass er seine Existenz verfehlt.
Weil Hanna verschweigt, dass sie von ein Kind von Walter hat, trägt sie eine Mitschuld am Inzest und letztlich an Sabeths Tod. Ihre Schuld sich selbst gegenüber besteht darin, dass sie ein gestörtes Verhältnis zu Männern hat.

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