Zum Autor
Franz Kafka, der von 1883-1924 lebt und gebürtig aus Prag stammt, gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern des Expressionismus. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit arbeitet Kafka hauptberuflich als Versicherungsjurist, um sich seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Als jemand, der selbst von Zweifeln im Hinblick auf seine eigene Existenz und dem Leben im Generellen geplagt ist, zeigt der Autor auch in seinem
kafkaesken Schreibstil, dass laut ihm das Individuum gegen die übergeordnete gesellschaftliche Ordnung nicht ankommt. Demzufolge handeln Franz Kafkas Werke vorrangig vom Umherirren des jeweiligen Protagonisten im Labyrinth der gesellschaftlich festgelegten Maximen von Gerechtigkeit, Moral und Gesetz. Er lässt sich darum am ehesten der Epoche des Expressionismus zuordnen. Noch zu Lebzeiten erfreut sich Kafka kaum am Bekanntheitsgrad als erfolgreicher Autor, erst nach seinem Ableben werden seine hinterlassenen Schriftfragmente veröffentlicht. Heutzutage ist der Literat als Vertreter des Expressionismus sowie Literatur des 19. Jahrhunderts nicht mehr aus dem Kanon der Weltliteratur wegzudenken.
Merkmale des Expressionismus im Werk
Zwar wäre es vermessen, Kafka darauf zu reduzieren, ein expressionistischer Autor zu sein, doch ohne Frage lassen sich Merkmale dieser literarischen Epoche in
der Verschollene finden.
- Literaturhistorische Einordnung: Mit einem Schaffenszeitraum, welcher 1911 beginnt und drei Jahre später endet, lässt sich Der Verschollene auch zeitlich in die Epoche des Expressionismus einordnen, welche von 1905-1925 andauert
- Sonderstellung Kafkas: Zwar hebt sich Kafka durch seinen kafkaesken Schreibstil sprachlich von anderen Vertretern im expressionistischen Schriftstellerraum ab, doch bei sorgfältiger Analyse des Werks findet man das ein oder andere expressionistisch gefärbte Motiv im Werk
- Gesellschaftskritisch: Indem Kafka bestehende und veraltete Machtstrukturen anzweifelt, folgt er dem damals progressiven Leitgedanken der Expressionisten. Der Autor verzichtet jedoch darauf, eine politische, auf die Allgemeinheit und Gesellschaft im Ganzen bezogene Stellungnahme einzunehmen. Stattdessen übt er seine Kritik am politischen und gesellschaftlichen Machtgefüge so aus, dass er im Falle des vorliegenden Werks die Beziehung von Karl zu seinen Eltern vormerklich seinem Vater kritisch beleuchtet. So schreibt Kafka zwar über ein gesellschaftskritisches Phänomen, instrumentalisiert es jedoch für die Kritik an restaurativen Familienstrukturen um. Ob diesem Ansatz am Ende doch autobiografische Beweggründe zugrundliegen, lässt sich weder eindeutig beweisen noch verneinen
- Orientierungslosigkeit: Expressionisten fühlen sich Anfang des 19. Jahrhunderts im gesellschaftlichen Konstrukt gefangen, und das Resultat dieses Sentiments ist eine Perspektivlosigkeit, die in den literarischen Werken der Expressionismus-Epoche vielfach Motiv ist. Im Falle von Karl Rossmann erfahren wir im Laufe der Handlung nie, ob er am Ende sein angestrebtes Ziel Oklahoma erreichen wird oder nicht. Das offene Ende des fragmentartigen Romans kann also exemplarisch für das expressionistische Motiv der Orientierungslosigkeit verwendet werden
Der Verschollene als erzählerisches Œuvre der literarischen Moderne
Eindeutiger als die Zugehörigkeit zum Expressionismus ist die Zuordnung des Werks zur literarischen Moderne. Franz Kafka kann als Repräsentant für die Literatur der Moderne angesehen werden.
- Kritischer Blickwinkel aufs Weltgeschehen anhand der Darstellung alltäglicher Gegebenheiten: Der Modernist ist der Meinung, Phänomene im Außen ließen sich am besten mit der Heranziehung exemplarischer Umstände aus dem individuellen Alltag beschreiben. Somit lässt sich auch Kafkas Vorliebe dafür, die bereits weiter oben genannte Gesellschaftskritik im Privaten zu schildern, erläutern
- Fokalisierung: Im Zuge der Moderne wird es für die Leserschaft zunehmend schwieriger, zwischen der Sicht des Erzählers und der Figuren zu differenzieren. Grund dafür ist, dass der auktoriale Erzähler als solcher nicht länger in der literarischen Moderne als objektive Erzählerinstanz fungiert. Vielmehr verschmelzen die erzählende Figur und die Figur, aus deren Perspektive wir das Erzählte erfahren zu einer Person. Der Begriff Fokalisierung beschreibt die Relation zwischen einem Subjekt, durch das fokalisiert wird, dem Focalizer, und der Sache, die fokalisiert wird, dem fokalisierten Objekt
- Erlebte Rede: Es handelt sich hierbei um einen Hybrid aus direkter und indirekter Rede. Die erlebte Rede findet immer in der dritten Person statt, bewirkt jedoch dadurch keine Distanzierung zur jeweiligen Figur, sondern schafft eine Nähe zur respektiven Person. Man könnte die erlebte Rede als die vom (personalen) Erzähler beschriebenen Gedanken der entsprechenden Figur bezeichnen. Exemplarische Textstellen der erlebten Rede lassen sich insbesondere im ersten Kapitel der Erzählung Der Heizer finden