Lerninhalte in Deutsch
Abi-Aufgaben LF
Lektürehilfen
Lektüren
Basiswissen
Inhaltsverzeichnis

Bedrohung der Identität

Der Erzähler in Der Verlorene ist in Bezug auf seine Identitätsfindung der wahre Verlorene in der Familie. Die Gründe dafür sollen im Folgenden betrachtet werden.

Definition Identität

  • In der Psychologie gilt Identität als die innere Einheit, die eine Person als Selbst erlebt
  • Identität betrifft einerseits alle Faktoren, die den Menschen im Kern ausmachen: Geschlecht, Alter, soziale Herkunft, Ethnizität, Nationalität und Gruppenzugehörigkeiten, Beruf und sozialer Status
  • Andererseits wird Identität durch Eigenschaften, Erfahrungen, Werte und Vorlieben bestimmt, die uns zu einer individuellen Persönlichkeit machen
  • Die eigene Identität entwickelt sich im Laufe des Lebens immer weiter, da der Mensch sich immer wieder veränderten Umständen anpassen muss oder Konflikte bewältigen muss
  • In gewisser Weise ist die Identitätsbildung eine Art Selbstorganisation

Wie bildet sich Identität?

  • Die Identitätsbildung findet vorwiegend in der Adoleszenz statt, also zwischen 11-14 Jahre
  • Charaktermerkmale entwickeln sich und ein Wertesystem wird gebildet
  • Die Identitätsfindung läuft über Vorbilder wie Eltern, Freunde; durch den Vergleich, die Identifikation oder auch bewusste Abgrenzung entwickelt sich die eigene Identität
  • Eine Abwesenheit oder der Verlust der Eltern sorgt für Störungen in dieser Entwicklung, da die Bezugsperson fehlt
  • Eine mangelnde Orientierung begünstigt kriminelle Handlungen und das Abrutschen in eine Sucht

Bedrohte Identität des Erzählers

  • Im Laufe der Handlung befindet sich der Erzähler in der für ihn wichtigsten Phase der Identitätsbildung
  • Durch das Trauma der Eltern wird auch seine Identitätsfindung bedroht
  • Die Eltern widmen all ihre Aufmerksamkeit nur dem verschwundenem Sohn, was zu einer extremen Vernachlässigung des Erzählers führt
  • Keine Leistung von ihm wird von den Eltern gewürdigt, während Arnold die ganze Liebe bekommt, ohne etwas zu leisten oder überhaupt anwesend zu sein
  • Durch das geringe Interesse der Eltern, die fehlende Zuwendung und Liebe sowie die emotionslose Ansprache vor allem durch den Vater, ist die Kommunikation in der Familie gestört und der Erzähler kann weder Mitgefühl noch Empathie entwickeln
  • Aufgrund der fehlenden Gespräche mit den Eltern und der wenigen gemeinsamen Zeit, da diese in die Arbeit flüchten, hat der Erzähler keine echte Möglichkeit zur Identifikation
  • Durch die Verunsicherung, nicht gut genug zu sein für die Eltern, hat der Erzähler Probleme, ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen
  • Außerdem wird dem Erzähler durch den ständigen Vergleich mit seinem verschwundenen Bruder von den Eltern quasi jegliche eigene Identität abgesprochen
  • Um seine kritischen Lage zu verdrängen, flieht der Erzähler in sein Kindheitslabyrinth aus langen Fluren und versteckten Zimmern in seinem Zuhause, wodurch dann allerdings die soziale Interaktion völlig fehlt
  • Die im Werk beschriebene Falltür zu einem verborgenen Raum (Vgl. S. 47) kann als Sinnbild für verdrängte Erinnerungen stehen, die trotzdem weiterhin Auswirkungen auf das eigene Leben haben, weil sie zwar versteckt, aber eben nicht weg sind 
  • Die Entdeckungslust des Erzählers im Kindheitslabyrinth kann als seine Suche nach der eigenen Vergangenheit gedeutet werden; er versucht eine eigene Identität zu entwickeln, verirrt sich allerdings ständig
  • Er entwickelt psychosomatische Reaktionen wie seine Reisekrankheit mit Schwindel und Erbrechen
  • Die Trigeminusneuralgie spiegelt wider, dass der Erzähler das Gefühl hat, nur durch das Grinsen ein eigenes Gesicht zu haben, da er ansonsten immer mit seinem Bruder gleichgesetzt wird, dem er so ähnlich sieht
  • Nach dem Tod des Vaters wird die Identitätsfindung des Erzählers noch mehr gestört, da sein Vater als Bezugsperson komplett verloren gegangen ist und die Mutter in ihrer Trauer noch weniger Interesse zeigt
  • Die neue Beziehung der Mutter erschüttert den Erzähler weiter; anstatt ihm endlich Liebe zu schenken, bekommt wieder ein anderer die Aufmerksamkeit der Mutter
  • Herr Rudolph wird für den Erzähler anfangs zu einer Identifikationsfigur, da er dem Jungen Aufmerksamkeit schenkt, Grenzen setzt und ihn zu verstehen versucht
  • Die gestörte Entwicklung sorgt dafür, dass der Erzähler sich in Sarkasmus und aggressives Verhalten flüchtet, in dem er sich mehr und mehr auch von Herr Rudolph missverstanden fühlt
  • Letztlich empfindet der Erzähler seine ganze Existenz als falsch und schafft es nicht, die Leere der Kindheit zu überwinden 
  • Als erster, guter Schritt Richtung Selbstfindung ist allerdings zu sehen, dass der Erzähler mehr und mehr anerkennt, dass er die Folge der Vergewaltigung zu sein scheint; damit entdeckt er in gewisser Weise seine eigene Vergangenheit und kann zum Beispiel endlich seine Vorliebe für den russischen Radiosender verstehen

Treichels autobiografische Erfahrungen

  • Hans-Ulrich Treichel selbst sagt, dass er nicht gelernt hat, dass der Mensch eine Kindheit hat
  • Er lebte mit einer traumatisierten Mutter, einem emotional abgestumpften Vater und dem Schatten eines vermissten Bruders in einer feindlich gesinnten Provinz
  • Seine entscheidende Erfahrung war die Leere der Kindheit
  • Eine eigene Identität zu finden, fiel in dieser Lage schwer

Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!

monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?