6. Kapitel
6. Kapitel: Der Onkel / Leni
Eines Nachmittags erscheint K.s Onkel Karl in seinem Büro. Onkel Karl ist ein ländlicher Grundbesitzer und wird von K. gern das „Gespenst vom Lande“ genannt (Z. 21). Bei seinen Besuchen in der Stadt ist Onkel Karl immer in Eile, aus Sorge etwas zu verpassen. Auch bei K. kommt er direkt zur Sache und spricht ihn auf den Prozess an. Seine Tochter Erna habe ihm davon geschrieben, sie habe es zufällig in der Bank erfahren. Onkel K. ist sehr besorgt, da es sich um einen Strafprozess handle (Z. 95). K. solle keine Schande über die Familie bringen. Ihm gefalle K.s Haltung nicht, denn ein Unschuldiger verhalte sich nicht so gedankenlos. Sich selbst gesteht K. ein, dass er zuletzt nicht recht an seine Familie gedacht hat, etwa hat er Ernas 18. Geburtstag vergessen (Z. 90). Er gibt seinem Vertreter Anweisungen und verlässt die Bank, um ungestört mit seinem Onkel zu reden.
Schon auf dem Weg aus dem Gebäude stellt Karl Fragen nach dem Prozess, doch ist K. bemüht, niemanden von der Angelegenheit wissen zu lassen. Erst draußen gesteht er seinem Onkel, dass es sich gar nicht um einen Prozess vor dem gewöhnlichen Gericht handle, was diesen sehr besorgt. Von K. möchte er wissen, wie es überhaupt so weit gekommen sei, denn solche Dinge würden sich doch ankündigen. Zwar werde er auch jetzt versuchen, ihm zu helfen, doch sei das schwer, da der Prozess bereits in Gang gekommen sei. Er schlägt K. vor, mit ihm aufs Land zu kommen, so sei er dem Gericht und dessen Machtmitteln weitgehend entzogen. K. wundert sich über den Eifer des Onkels, was dieser entsetzt aufnimmt. Mit dieser Gleichgültigkeit werde K. den Prozess verlieren und somit die Verwandtschaft mitreißen. Um den Onkel zu beruhigen, entgegnet K., dass man mit Aufregung keine Prozesse gewinne. Hingegen lehne er den Landaufenthalt ab, denn dadurch würde er Flucht und Schuldbewusstsein signalisieren, während er in der Stadt mehr auf den Prozess einwirken könne, wobei ihm Karl zustimmt. Der Onkel will mit K. zu seinem Freund Dr. Huld fahren, einem Armenadvokaten, der K. helfen könne. K. ist damit einverstanden, obwohl der Titel „Armenadvokat“ in ihm Widerwillen erzeugt.
Auf der Fahrt muss K. dem Onkel alles über seinen Fall erzählen, wobei er die Episode mit Fräulein Bürstner ausspart. Sie kommen in der Vorstadt an, in der sich auch die Gerichtskanzleien befinden. Als sie klingeln, erscheinen im Guckfenster nur zwei große schwarze Augen, erst auf mehrere Faustschläge des Onkels hin öffnet ein puppenhaftes Mädchen die Tür und führt die beiden Besucher mit einer Kerze in ein dunkles Zimmer. Dort liegt der Advokat
in einem Bett. Offenbar leidet er an einer Herzerkrankung, die sich verschlimmert hat. Leni, das Mädchen, ist seine Pflegerin. K. sieht die Krankheit des Anwalts mit einem gewissen Wohlwollen, da ihm die energische Art seines Onkels zuwider ist.
Leni achtet wenig auf das Gespräch der Männer und blickt mehr auf K., der Interesse an ihr zeigt. Dem Onkel ist Leni sichtlich unsympathisch, er bittet sie, das Zimmer zu verlassen, um ungestört mit dem kranken Advokaten zu reden. Dabei gerät er so in Wut, dass er sie sogar beschimpft. Da es um die Sache K.s geht, bittet der Anwalt Leni schließlich, zu gehen. Als es klar wird, dass es sich um Geschäftliches handelt, nicht um einen Krankenbesuch, scheint der Anwalt plötzlich kräftiger. Über K.s Angelegenheit beginnt er, wie ein Wissender zu reden, was K. irritiert. Dies komme daher, antwortet der Anwalt, da er in Gerichtskreisen verkehre und über auffallende Prozesse spreche, was vorteilhaft für seine Klienten sei. Er bekomme, fährt der Anwalt fort, regelmäßig Besuch von seinen Gerichtskollegen, auch jetzt sei ein Freund da, woraufhin er in eine dunkle Zimmerecke zeigt. Dort sitzt der Kanzleidirektor, der sich wegen des Eintreten K.s und seines Onkels zurückgezogen hat. Es entwickelt sich ein Gespräch zwischen den älteren Herren, doch K. versteht nichts und schweift in Gedanken ab.
Als Lärm aus dem Vorzimmer ertönt, nimmt er dies zum Anlass, aus dem Zimmer zu verschwinden. Hinter der Tür erwartet ihn Leni, die ihn habe herauslocken wollen. K. gibt zu, dass auch er an sie gedacht habe. Gemeinsam gehen sie ins Arbeitszimmer des Anwalts. Leni zeigt sich etwas enttäuscht, dass K. nicht von sich aus zu ihr gekommen sei, wo er doch Interesse an ihr gezeigt habe. K. erklärt dies damit, dass er sich „das Geschwätz der alten Herren“ habe anhören müssen (Z. 472) Leni fürchtet hingegen, dass sie ihm nicht gefallen habe (Z. 476 f.).
Währenddessen kommen sich Leni und K. körperlich näher, sie lehnt ihren Kopf an seiner Schulter. Sie sprechen über seinen Prozess, wobei Leni ihm rät, nicht zu unnachgiebig zu sein - gegen dieses Gericht könne man sich nicht wehren, zunächst müsse man gestehen, wobei man Hilfe brauche, die sie K. anbietet. Dieser ist verwundert darüber, dass er Helferinnen zu werben scheint (Frau Bürstner, die Wäscherin, nun Leni). Er hievt sie auf seinen Schoß und fragt sie, ob sie ihm auch ohne Geständnis helfen könne. Leni verneint dies und beklagt sich, dass er ihre Hilfe ja gar nicht wolle. Unvermittelt fragt sie K., ob er eine Geliebte habe. Nach anfänglichem Leugnen bejaht K. ihre Frage und zeigt ein Foto von Elsa, die er wöchentlich besucht. Leni jedoch findet keinen Gefallen an ihr, stattdessen bietet sie sich als Geliebte an (Z. 556). Leni zeigt ihm ihre zusammengewachsene Verbindungshaut zwischen zwei Fingern, was K. so fasziniert, dass er Leni küsst. Sie fallen zusammen auf den Teppich, was Leni mit „Jetzt gehörst Du mir“ kommentiert (Z. 580). Als K. geht, gibt sie ihm den Hausschlüssel. Er könne kommen, wann er wolle.
Auf der Straße empfängt ihn sein Onkel erbost. Er habe seiner Sache geschadet, indem er sich mit Leni, wohl die Geliebte Hulds, vergnügt habe. Man hätte lange auf ihn gewartet, bis der Kanzleidirektor schließlich gegangen sei. Er selbst habe im Regen stehen müssen.