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Harry Hallers Aufzeichnungen Teil 2

Die Lektüre des Tractat vom Steppenwolf erinnert Harry Haller plötzlich an ein Gedicht, das er einige Zeit zuvor als Selbstbildnis verfasst hatte. Während dies aber traurig und angstvoll ist, ist das Traktat mit hoher Objektivität verfasst. Es macht Harry klar, dass er sich verändern muss, wenn er seiner trostlosen Existenz entkommen will. Einen solchen persönlichen Wandel hat er allerdings schon mehrmals versucht. Damals verlor er seinen guten Ruf, sein Vermögen und seine geisteskranke Ehefrau hat ihn aus dem Haus vertrieben. Die Freiheit und geistige Tiefe, die er jedes Mal dazugewonnen hat, konnte den bürgerlichen Abstieg nicht ausgleichen. Noch einmal will Haller soetwas nicht mehr durchmachen. Er entscheidet sich daher für Selbstmord als Ausweg. Und anders als im Traktat geschrieben, will er damit nicht noch zwei Jahre bis zu seinem 50. Geburtstag warten.
Nach diesem weitreichenden Entschluss lebt Harry Haller zunächst gleichgültig weiter. Sein Ekel auf das Leben aber steigt immer mehr an und gipfelt durch eine Abendeinladung bei einem jungen Professor im Höhepunkt. Zu Gast bei dem Bekannten beleidigt Harry zunächst versehentlich dessen Ehefrau, indem er ihr liebstes Bildnis von Goethe kritisiert. Später dann kommt es zum Streit über einen Hetzartikel in einer Zeitung, bei dem sich Harry gegenüber dem kriegsbefürwortenden Professor als Vaterlandsverräter zu erkennen gibt. Diesen Eklat bewertet Harry als sein letztes Misslingen und Abschied von der bürgerlichen Welt.
Anstatt aber nach Hause heimzukehren und sich wie geplant umzubringen, wandelt Harry voller Selbsthass und Todesfurcht durch die Stadt. In einem Wirtshaus trifft er auf ein käufliches, junges Mädchen. Es durchschaut seine Selbstmordpläne und behandelt ihn daraufhin schonend, beinahe wie einen kleinen Jungen. Auf lockere Art und Weise macht die Dame ihm klar, dass das Leben eigentlich ganz leicht sei. Dass er klug und gebildet ist, aber die normalsten Dinge wie Tanzen nicht durchprobiert hat. Harry fühlt sich deshalb verstanden von ihr. Und als sie ihm befiehlt, zu schlafen, hört er auf sie. Dabei träumt er von Goethe und erkennt, dass dieser in Wahrheit wusste, wie vergänglich das Leben ist. Er tat nur so, als könne er den Augenblick verewigen, obwohl man Dichtung nicht zu ernst nehmen darf. Als Harry eine Stunde später wieder erwacht, verabschiedet sich das Mädchen von ihm und verabredet sich mit ihm für ein Abendessen. Harry sieht die junge Frau als eine Tür, durch die endlich wieder Leben zu ihm kommt: „Ein lebendiger Mensch, der die trübe Glasglocke meiner Abgestorbenheit zerschlug“ (S. 132). Anstatt in seine Dachgeschosskammer zu gehen, in der er sich noch wenige Stunden zuvor umbringen wollte, übernachtet Harry in einem Fremdenzimmer.
Als er am nächsten Tag heimkehrt, ist aller Schrecken vergessen. Seine Vermieterin warnt Harry sogar, sich selbst als Fremdkörper im Haus zu bezeichnen und lädt ihn auf einen Tee zu sich ein. Danach verbringt Harry seine Zeit damit, an seine junge Bekannte zu denken, spürt neue Lebenslust. Zwar hat er sich nicht in das Mädchen verliebt, doch wäre seine Welt wieder leer, wenn es ihre Verabredung für Dienstag Abend absagen würde. Ohne die junge Frau wäre wieder das Rasiermesser der einzige Ausweg für Harry. Genau davor aber hat Harry eine herzzerdrückende Angst. Einerseits kann er nicht mehr leben, andererseits will er nicht sterben. Dass er diesen Zwiespalt so deutlich spürt, ist eine Qual für ihn und er sehnt sich nach einer Entscheidung.
Umso unvergesslicher ist der Augenblick des Wiedersehens für Haller. Das Mädchen erinnert ihn plötzlich an seinen alten Jugendfreund Hermann, wodurch Harry erst jetzt seinen Namen errät: Hermine. Nach einigem lockerem Geplauder über das Tanzen, wechselt Hermine von lustig zu ernst und erklärt ihm: „Ich bin wie eine Art Spiegel für dich!“ (S. 140) Obwohl sie eigentlich genau das Gegenteil von ihm ist, könne er in ihr Antworten auf seine Fragen finden. Dazu soll er ihren Befehlen folgen, damit sie ihm zeigen kann, wie man das Leben genießt und wie man liebt. Im Gegenzug soll er sie auf ihren letzten Befehl hin töten. Schließlich ist sie genauso unglücklich wie Harry selbst, wenn auch aus entgegengesetztem Grund. Harry kommt diese Bitte so unwirklich vor, dass er darüber hinweggeht und Hermine stattdessen vom Tractat vom Steppenwolf erzählt. Hermine erkennt die Ähnlichkeit zwischen Harry und dem Steppenwolf und erklärt ihm, dass sie die Bestie in ihm mag. Tiere seien so viel „richtiger“ als Menschen, weil sie sind, wie sie sind. Doch dann wechselt sie abrupt das Thema und verabredet sich mit Harry zu einer Tanzstunde.
Als sich Harry wenige Tage später widerwillig mit Hermine zum Tanzen trifft, spricht sie ihn auf einen Artikel an, in dem er als vaterlandsloser Geselle kritisiert wird. Da offenbart er ihr, dass ihn die Kritik nicht ärgert, dass er aber daran verzweifelt, wie gedankenlos und kriegsversessen die Welt ist. Hermine tut seinen Kampf jedoch für sinnlos ab. Während Harry erklärt, das Leben sei dumm, wenn alles egal ist, meint sie: „Sind denn Ideale zum Erreichen da?“ (S. 153) Also beenden sie das Gespräch und üben gemeinsam den Foxtrott. Und mit der Zeit gewinnt Harry sogar Gefallen daran.
Nach einiger Zeit besucht Haller mit Hermine sogar eines der Tanzlokale, die er bisher so sehr gehasst hatte. Dort macht sie ihn zunächst mit dem attraktiven, südamerikanischen Saxophonspieler Pablo bekannt. Dieser ist Harry mit seiner lockeren, temperamentvollen und lebenslustigen Art allerdings nicht sympathisch, er empfindet sogar eine „Freundschaftseifersucht“ (S. 157) Pablo gegenüber. Doch dann befiehlt Hermine Harry, er solle eine junge, hübsche Dame zum Tanz auffordern. Ihre Freundin Maria, die wie sie ihr Geld mit Prostitution verdient. Und siehe da: Harry hat Spaß mit ihr, genießt den Rausch des Tanzes und verliebt sich sofort in die sinnliche Maria. Hermine entgeht das nicht, woraufhin sie Harry erklärt, er solle lernen, gewöhnlich zu lieben, sich auf Maria einlassen und seiner Geliebten Erika nicht treu sein.
Nach diesem Abend denkt Harry viel nach und erkennt, dass das Traktat und Hermine recht haben. Während er bisher das Chaos seiner lästigen Fähigkeiten als Steppenwolf abgetan hat, weiß er nun, dass in Wahrheit tausende Seelen in ihm stecken. Durch diese Bekehrung wird Haller aber auch schmerzlich bewusst, dass er bisher überall in seinem Leben gescheitert ist. Er predigte zwar gegen den Krieg, aber nur, solange er selbst nicht in Gefahr kam. Er wetterte gegen den Kapitalismus und lebte zeitgleich von den Zinsen seiner Geldanlagen. Und er hasste die kleinbürgerliche Welt, suchte sich aber immer die saubersten Häuser als Unterkunft aus. Er war also genauso verlogen wie der Rest des Bürgertums.
Mit dieser veränderten Sichtweise revidiert Harry auch sein Urteil über Pablo, den er durch Hermine häufig trifft. Der Saxofonist macht ihm klar, dass es nicht darum geht, die Musik und das Leben generell zu analysieren, sondern intensiv den Moment auszukosten. In diesem Zuge bietet er Harry auch von seinen Drogen an. Und Haller genießt die Leichtigkeit, die Pablo in seinen Alltag bringt - auch wenn sein altes und sein neues Ich immer wieder in bitterem Streit miteinander sind und er Glück und Leid zugleich empfindet.
Dann ist da noch Maria, die dank Hermine auch eine wichtige Rolle in seinem neuen Leben spielt. Als Harry eines Abends traurig nach Hause kommt, liegt Maria überraschend in seinem Bett und verführt ihn. Sie weiht ihn in ihre erotischen Künste ein, lehrt ihn Verständnis für ein vergnügsames Leben und gibt ihm Bestätigung. So beflügelt kommen Harry Bilder aus seiner Vergangenheit vor Augen. Plötzlich erkennt er, dass er ein reiches Leben hatte und glücklich war. Maria tut Harry also gut. Zwar ist sie eine ungebildete Frau, aber sie sieht die Dinge als Magie und inspiriert Harry damit. Immer wieder treffen sich die beiden zu Schäferstündchen in einem extra angemieteten Zimmer. Harry ist es dabei egal, dass er nicht der einzige Mann in Marias Leben ist. Und als Hermine ihm beim Tanz-Training von ihrer innigen, erotischen Beziehung zu Maria erzählt, entdeckt Harry sogar neue Liebesmöglichkeiten.
Harry ist glücklich mit seinem neuen Leben. Aber er weiß auch, dass alles nur eine Art Vorspiel zum Tod ist. Er kann schließlich kein solch großes Glück empfinden, als dass er deshalb sterben wollte. Also sehnt er sich nach einem Leid, das ihn den Tod wünschen lässt. Hermine erklärt ihm daraufhin, dass er ein falsches Bild vom Leben hat. Er sei ein Mensch, mit einer Dimension zu viel. Doch Harry sieht trotzdem die Ewigkeit als seine Heimat. In einer innigen Nacht nimmt er gedanklich bereits Abschied von Maria und verbringt einen sentimentalen Abend in seinem Stammlokal.
Dann ist der große Maskenball gekommen, für den Harry mit Hermine geübt hat. Er hat aber eigentlich keine allzu große Lust, vor allem, weil er nicht mit Hermine gemeinsam dorthin gehen darf und nicht einmal ihr Kostüm kennt. Umso mehr enttäuscht ihn der Ball. Harry fühlt sich unwohl und fremd, wie er da so alleine durch die verschieden benannten Säle wandelt. Auch das Tanzen fühlt sich nur erzwungen an, bereitet ihm keine Freude. Doch als er nachts um ein Uhr enttäuscht gehen will, bekommt er an der Garderobe eine Münze mit einer Einladung und einem Hinweis: „Heute nacht von vier Uhr an Magisches Theater - nur für Verrückte - Eintritt kostet den Verstand. Nicht für jedermann. Hermine ist in der Hölle“ (S. 211). Eilig läuft er in ebendiesen Saal im Keller. Dort entdeckt er Hermine, die sich als sein Jugendfreund Hermann verkleidet hat. Durch diese Maskierung schafft Hermine es, Harry zu verzaubern und Begehren in ihm zu wecken. Erstmals erlebt Haller nun den Rausch des Festes, tanzt mit allerlei Frauen, genießt die Musik und fühlt sich zum ersten Mal in seinem Leben als Teil der Gesellschaft. Schließlich erscheint Hermine - plötzlich als Pantomimen-Figur mit weißem Gesicht verkleidet - und Harry verliebt sich doch noch in sie.
Als der Ball sich leert, treffen Hermine und Harry auf ihren Freund Pablo. Dieser lädt die beiden in sein Magisches Theater ein und konsumiert mit ihnen Opium. Pablo erklärt Haller, dass seine andere Wirklichkeit nur in seiner Seele besteht. Harry müsse sich aus diesem Gefängnis seines alten Selbstbildes befreien und das Lachen lernen. Durch die Schule des Humors könne er den Steppenwolf auslöschen. Und beim Blick in einen magischen Spiegel erkennt Harry zunächst auch viele Figuren, die alle Facetten seiner Seele darstellen. Dann beginnt er, einige der unzähligen Logentüren des Theaters zu öffen.
In der ersten Fantasiewelt kämpft Harry gemeinsam mit seinem alten Schulfreund Gustav in einem Krieg der Menschen gegen die Technik. Von einem Baum aus schießen sie auf vorbeifahrende Autos und töten die Insassen. Hinter der nächsten Tür erhält Harry eine „Anleitung zum Aufbau der Persönlichkeit“ (S. 244). Ein Schachspieler ordnet die verschiedenen Seelenteile wie Spielfiguren immer wieder neu auf dem Brett an und überlässt sie Harry für spätere Übungen. Im dritten Raum dann beobachtet Haller einen Mann, der einen Wolf dressiert und sich danach aber selbst dem Tier unterwirft. Nach dieser Fantasie erscheinen Harry all die Mädchen und Frauen, in die er früher vergeblich verliebt war. Anders als im echten Leben erwidern sie hier jedoch seine Gefühle. Nach und nach kommt in Harry wieder Verzweiflung auf. In dem magischen Spiegel sieht er sich nun wieder als Wolf, dann als ermüdeten Mann. Eine Illusion von Wolfgang Amadeus Mozart führt ihn daraufhin an die Logenbrüstung und zeigt ihm die Welt der Unsterblichen. Als Harry fassungslos feststellt, dass dort Brahms und Wagner umherwandeln, macht Mozart sich über ihn lustig. Er solle endlich alle Fantasien als Schule des Humors auffassen.
Wenig später kommt Harry im Korridor des magischen Theaters wieder zu sich, ist voll und ganz gefangen in seiner alten Zerrissenheit und zertritt wütend sein Spiegelbild. In dieser Stimmung öffnet er eine weitere Tür und findet dahinter Hermine und Pablo vor, die erschöpft vom Liebesspiel nackt nebeneinander schlafen. Unter Hermines Brust entdeckt er sogar die Spuren eines sinnlichen Bisses von Pablo. Genau auf diese Stelle sticht er mit einem Messer ein. Hermine öffnet kurz die Augen, blickt ihn „schmerzvoll, tief verwundert“ (S. 268) an und stirbt. Und obwohl es einst Hermines Wunsch war, dass Harry sie tötet, fühlt sich dieser nicht erlöst. Pablo ist dem ratlosen Harry in diesem Moment jedoch keine Hilfe. Er läuft nur lachend davon. Stattdessen tritt ein modern gekleideter Mozart in den Raum und schaltet ein Radio an. Aus diesem tönt „jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi“ (S. 270), die Harry nie als Musik bezeichnen würde. Mozart macht ihm allerdings klar, dass die unzulängliche Technik den Geist von großer Musik nicht zerstören kann. Es verhalte sich dabei genauso wie mit der unzerstörbaren Idee vom Leben und spiegle den Urkampf von Idee und Erscheinung oder Ewigkeit und Zeit wider. Harry solle lernen, nur das Wichtige ernst zu nehmen und über den Rest zu lachen. Mozarts Meinung nach war auch Hermines Wunsch, umgebracht zu werden, sicher nicht ernst gemeint.
Daraufhin stimmt Harry seiner Hinrichtung zu. Die Anklage lautet, er habe das Magische Theater als „Selbstmordmechanik“ (S. 275) missbrauchen wollen. Seine Strafe ist aber nicht der Tod, sondern das ewige Leben, die zwölfstündige Verbannung aus dem Magischen Theater und Ausgelachtwerden. Danach soll er Humor und Galgenhumor lernen und endlich leben. „Natürlich sind Sie zu allem in der Welt bereit, nur nicht zu dem, was von Ihnen verlangt wird“ (S. 276), erklärt ihm Mozart. Dieser verwandelt sich daraufhin in Harrys Freund. Pablo zeigt sich enttäuscht, weil Harry „die hübsche Bilderwelt mit Wirklichkeitsflecken besudelt“ (S. 278) hat und erklärt: „Nun, es läßt sich korrigieren“ (S. 278). Hermine wird in Pablos Fingern plötzlich zu einer Schachfigur, die er in seine Westentasche steckt. Aus dieser hat er zuvor eine Zigarette geholt, deren Rauch Harry einnebelt. Und endlich begreift Haller alles, spürt die hunderttausend Figuren des Lebensspiels in seiner Tasche und ist gewillt, alle Qualen nochmals zu kosten, die Hölle seines Inneren noch oft zu durchwandern: „Einmal würde ich das Figurenspiel besser spielen. Einmal würde ich das Lachen lernen.“ (S. 278)

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