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Der Trafikant lässt sich eine Großzahl eindeutiger sowie versteckter motivischer Einbettungen finden. Im Zuge dieser Analyse werden wir auf exemplarische Motive und Symbole im Werk eingehen und diese in ihrer Bedeutung untersuchen.
Motive & Symbole im Werk
Vögel: Den gefiederten Tieren fällt im Roman eine nicht unerhebliche Bedeutung zu und sie treten in verschiedenen Rollen und Situationen auf. Den signifikantesten Vogel stellt hierbei der Pestvogel dar, welcher im Zuge eines Gesprächs zwischen Freud und Franz auftaucht und vom Protagonisten zunächst als Spatz verkannt wird (vgl. S. 137). Freud allerdings weist ihn darauf hin, dass es sich bei dem Vogel der Sage nach um den Überbringer von Hiobsbotschaften handelt. Der Begriff Pestvogel fungiert als Synonym für den Seidenschwanzvogel, welcher bereits im Mittelalter als böses Ohmen für nahendes Unheil verstanden wurde. Das Auftreten des Pestvogels könnte daher als Vorzeichen dafür stehen, dass wenig später die Trafik Otto Trnsjeks ein zweites Mal attackiert und der Trafikant im Anschluss daran von der Gestapo mitgenommen wird.
Ein weiteres Beispiel für die Vogel-Motivik in
Der Trafikant lässt sich am Ende des Werks ausmachen. In der „Währingerstraße“ (S. 248, Z. 6) picken einige „Tauben [...] Bröseln“ (S. 248, Z. 9 ff.) auf. Wir erfahren vom Erzähler, dass „seit dem letzten Herbst“ (S. 248, Z. 11) die meisten Tauben aus Wien weggeflogen sind (vgl. 248). Die hohe Anzahl der Vögel, die flügge werden, kann als Motiv für die unzähligen Fluchten ins Exil von 1944 bis Anfang 1945 gesehen werden.
Geranien: Bereits direkt zu Beginn des Romans erscheinen „ein paar geköpfte Geranien“ (S. 7, Z. 16), die „in ihren Kübeln ersoffen“ (S. 7, Z: 16 f.) sind. In diesem Falle können die Geranien auf den bevorstehenden Tod von Frau Huchels Liebhaber Alois Preininger hindeuten. Gleichzeitig wird die Pflanze auch mit einem „zartroten Hoffnungsschimmer“ (S. 8, Z. 8 f.) verglichen, welcher dafür stehen könnte, dass die Fischerhütte, der Protagonist sowie Franz' Mutter trotz des starken Unwetters unversehrt geblieben sind. Auch ist es möglich, das „einzelne Geranienblütenblatt“ (S. 8, Z. 7 f.) als Vorbote für Franz' Weggang nach Wien und die damit verbundene Zuversicht im Neubeginn zu sehen. Die Erwähnung der Geranien am Ende des Werks in Form der letzten Traumnotiz von Franz, stellen die Hoffnungslosigkeit und den damit verbundenen Tod des Protagonisten dar; und markieren damit das Ende des Werks.
Ratte: Das dritte symbolische Motiv im Rahmen unserer Analyse wird durch eine Ratte verkörpert. Letztere steht als literarisches Symbol für Fäulnis, Krankheit, Verderben und zeitgleich auch für Fruchtbarkeit, damit verbundene Vermehrung und Intelligenz. Im vorliegenden Roman tritt das erste Mal eine Ratte auf, als Franz' Anezka kennenlernt. Das Erscheinen der Ratte findet im Zuge einer Rückblende in die Kindheit des Protagonisten statt. „Die tote Ratte“ (S. 54, Z. 1) kann als Symbol für die bevorstehenden Gräueltaten der Nationalsozialisten, doch auch für den unglücklichen Verlauf der Liebesgeschichte zwischen Franz und Anezka stehen. Gleichzeitig unterstreicht die Ratte als Motiv auch Anezkas unübersehbar reizvolle und weibliche Ausstrahlung einer jungen Frau. Für eine Interpretation im Hinblick auf den Rechtsruck in der Gesellschaft spricht beispielsweise, dass „an der Stelle des linken Auges [der Ratte] [...] ein tiefes, schwarzes Loch“ (S. 54, Z. 5 ff.) zu sehen ist. Metaphorisch kann die Erblindung der Ratte auf dem linken Auge dahingehend ausgelegt werden, dass zur rechtsextremen, von Deutschland ausgehende Politik kein linkes Pendant existiert.
Trsnjeks Hose: Anhand der Hose des Trafikanten sind mehrere motivische Deutungen auszumachen. Die Beinbekleidung Trsnjeks stellt zum einen ein Relikt seines Überlebens im Krieg dar (vgl. S. 23). Zudem bringt es die Persönlichkeit des Trafikanten zum Ausdruck, indem sie wie ihr Besitzer vom Protagonisten als „akkurat“ (S. 193, Z. 15 f.) beschrieben wird, jedoch gebrechlich und verletzbar (vgl. „Das Gewebe war dünn und fadenscheinig“ S. 193, Z. 18 f.) ist, wie der Trafikant kurz vor seinem Tod bei der Verhaftung durch die Gestapo. Die Hose Ottos fungiert als eine Art Überbleibsel von Trsnjek, als letzte Erinnerung an den Trafikanten.
Als Franz gegen Ende des Werks die ihm vermachte Hose des Trafikanten auf einen Fahnenmast hisst (vgl. S. 241), wird vom Erzähler noch einmal konstatiert, dass die Hose „eigentlich unauffällig“ (S. 241, Z. 26) war, jedoch „bekanntlich steckt ja gerade im Unauffälligem oft das Unerhörte“ (S. 241, Z. 27 f.). Letztere Aussage kann auch auf Otto Trsnjek bezogen werden, der zwar eine sehr zurückhaltende Persönlichkeit besaß und niemandem je geschadet hatte und dennoch wie ein Verbrecher abgeführt worden war von der Geheimen Staatspolizei. Eindrucksvoll ist zudem auch, dass die Hose „wie ein riesiger Zeigefinger“ (S. 242, Z. 25) in den Himmel ragt, als sich das intakte der beiden Hosenbeine im Wind mit Luft füllt. Der Zeigefinger kann zum einen richtungsweisend (vgl. S. 242, Z. 25 f.), zum anderen als erhobener Zeigefinger verstanden werden, der als Mahnmal für all die unschuldigen Leben steht, die im Zuge des Nationalsozialismus umkamen.