Struktur
Struktur
Die uns vorliegende Textausgabe folgt der bearbeiteten Version Max Brods (1925). Kafkas Besonderheiten in Orthographie (z. B. „endgiltig“) und Interpunktion (keine Kommata vor Relativpronomina) wurden korrigiert. Außerdem sind die Kapitel in leicht veränderter Form im Vergleich zu Kafkas handschriftlichem Manuskript angeordnet. Die Kapitelüberschriften sind auf Stichworte Kafkas zurückzuführen.
Kafka schrieb zuerst das erste und das letzte Kapitel, bevor er sich an die Binnenkapitel wagte. Ein Vergleich zwischen Verhaftung und Ende zeigt deren Parallelität:
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Der Roman ist in sich geschlossen. Die Handlung setzt unmittelbar ein und Rückblenden gibt es nicht. Außerdem ist das Ende absolut, nichts deutet an, was darüber hinaus geschieht. Die Zeitspanne umfasst genau ein Jahr: K. wird an seinem 30. Geburtstag (im Frühjahr) verhaftet und am Vorabend seines 31. Geburtstages hingerichtet.
Die Zwischenkapitel ergeben keine lineare Geschichte, sondern sind einzelne Stationen, die K. durchläuft. Deshalb ist ihre genaue Anordnung auch nicht unanfechtbar. Die Zeitangaben in manchen Kapiteln widersprechen z. T. sogar ihrer Anordnung untereinander, wenn die Zeitspanne genau ein Jahr umfasst. So herrscht Im Dom (Kap. 9) regnerisches Herbstwetter, während in Advokat
/ Fabrikant / Maler (Kap. 7) an einem Wintervormittag Schnee fällt. Dies deutet darauf hin, dass Kafka selbst die endgültige Anordnung noch nicht vorgenommen hatte.
Zeittafel
Neben der Zeit- verdient auch die Raumstruktur des Romans eine Erwähnung. Kafka beschwört mit dunklen, niedrigen Räumen und unübersichtlichen Verhältnissen ein Gefühl der Enge sowie des Befangen- und Gefangenseins herauf. Verstärkt wird dieses Gefühl durch den Eindruck des Beobachtetwerdens, z. B. durch die Zuschauer im gegenüberliegenden Haus bei K.s Verhaftung oder die „verdorbenen“ Mädchen in Titorellis Treppenhaus. Das Gefühl der sicheren Geborgenheit und der Privatsphäre schwindet völlig, wenn Personen sogar in ihrem Bett gestört werden:
- K. wird im Bett liegend verhaftet
- Der Untersuchungsrichter betritt nach getaner Arbeit das Schlafzimmer der Wäscherin und weckt sie
- Aus den Gerichtskanzleien führt eine direkte Tür zu Titorellis Wohnung; um von dort in die Wohnung zu gelangen, muss man über das Bett des Malers steigen; dies geschieht häufig durch den Richter, den Titorelli momentan porträtiert
Somit ragt das Gericht bis in alle Bereiche des Privaten, ja sogar des Intimen.
Beispielhaft für die klaustrophobische Atmosphäre sind der Verhandlungssaal, die Kanzleien, Titorellis Atelier oder auch die Rumpelkammer, welche zudem für verdrängte Sexualität steht. Andere Räume wirken durch ihre Weite beängstigend, in der sich die Menschen verlieren, z. B. Hulds Büro, welches über hohen Decken und einen großen Schreibtisch verfügt, oder der riesige, dunkle, leere Dom. Häufig spendet nur Kerzenschein schwaches Licht.
Im Dom übrigens mischen sich Enge und Weite: Der Domplatz ist eng und leer, auf der Nebenkanzel muss man gebückt stehen, und doch scheint K. die Größe des Doms etwa auch zu beängstigen und eine Beklemmung in ihm hervorzurufen (vgl. Kap. 9).
All dies vermengt sich zu einem beängstigenden, unwirklich scheinenden Ganzen. Das Gefühl des Unwirklichen drängt sich immer wieder auf, beispielsweise in K.s Verhandlung: in einem mittelgroßen zweifenstrigen Zimmer, das überdies von einer Galerie umgeben ist, auf der gebückt Leute stehen, herrscht ein „durcheinanderwimmelndes Gedränge“ (Kap. 2, Z. 195). In diesem Zimmer kann eigentlich weder eine Galerie sein noch eine Versammlung stattfinden, wobei der Tagungsort des Gerichts - auf dem Dachboden einer ärmlichen Mietskaserne in einer schmutzigen Vorstadt - sonderbar wirkt. Surreal wirkt auch der nebelige Dunst im Zimmer, der eine genaue Beobachtung der Szenerie erschwert und dessen Herkunft ungeklärt ist.
Nicht anders verhält es sich mit den Gerichtskanzleien, die K. ganz unvermutet am Ende einer hölzerner Treppe zum Dachboden des gleichen Mietshauses findet. Hier verdichtet sich die beklemmende Atmosphäre. K. verliert völlig die Orientierung und die drückende Luft kann er kaum atmen.