Motive
Hans-Ulrich Treichel greift in seinem Werk auf bekannte Motive in der Literatur zurück. Diese werden hier genauer betrachtet.
Was ist ein Motiv?
- Motive sind kleine, inhaltliche Elemente eines Textes, die in verschiedenen literarischen Gattungen immer gleichbleibend verwendet werden
- Ein Motiv beinhaltet eine allgemeingültige Vorstellung über bestimmte Charaktertypen, Situationen oder Raum- und Zeit-Begriffe
- Beim Leser werden durch Motive bestimmte Assoziationen hervorgerufen, ohne dass der Autor diese explizit erwähnen muss
- Sie veranschaulichen Situationen oder versinnbildlichen Sachverhalte
- Motive können außerdem einen Text als Leitmotive strukturieren und innerhalb eines Werkes Zusammenhänge schaffen
Das Foto
- Ein Foto steht für eine schöne Erinnerung, die man auf Papier gebracht für immer festhalten will
- Es ist allgemein bekannt, dass Fotos viele Emotionen beim Betrachter auslösen können
- Direkt zu Beginn der Erzählung wird ausführlich ein Foto des verschollenen Bruders beschrieben, das prominent im Album klebt
- Durch das ständige, wiederholte Betrachten des Fotos versucht die Mutter ihren verschollenen Sohn am Leben zu halten, gleichzeitig aber weckt jedes Betrachten erneut die Trauer und den Schmerz in ihr
- Weil das Foto das Einzige ist, was ihr von ihrem Erstgeborenen geblieben ist, steht das Bild stellvertretend für den Sohn; würde das Foto verlorengehen, wäre es wie ein zweiter Verlust des Kindes für sie
- Während der verschollene Bruder auf dem Foto ganz präsent zu sehen ist und groß porträtiert wurde, ist der Erzähler auf Fotos immer nur angeschnitten zu sehen; der Leser versteht dadurch direkt, dass der Erzähler den Eltern offenbar weniger bedeutet als ihr verlorener Sohn
- Die Fotos des Erzählers spiegeln wieder, dass er für seine Eltern quasi unsichtbar war; weil sie so mit der Trauer um ihren verlorenen Sohn beschäftigt waren, haben sie ihren zweiten Sohn immer nur am Rande wahrgenommen
- Erst für die Gutachten zum Findelkind werden vom Erzähler ordentliche Fotos gemacht, die er als entblößend empfindet, wohl weil sein Aussehen für alle Zeit festgehalten wird, ohne eine Erinnerung an ihn persönlich damit zu bewahren
- Außerdem werden Fotos im Werk vom Erzähler kritisch betrachtet, weil sie ihn an die Vergänglichkeit erinnern; er empfindet fotografierte Menschen etwa als „zu Tode frisiert, zu Tode gekleidet, zu Tode photografiert“ auf den Bildern
Spiegelbild
- In Bezug auf die Ähnlichkeit des Erzählers mit dem Findelkind und die daraus resultierende Identitätskrise des Erzählers arbeitet Treichel mit dem Spiegelbild-Motiv
- Das Spiegelbild zeigt eigentlich immer einen selbst und ist damit ein Mittel zur Selbstwahrnehmung und Selbstvergewisserung
- In der Erzählung hat der Erzähler aber mit der Zeit das Gefühl, dass er nicht mehr sich, sondern den Schmerz seiner Mutter und dadurch seinen vermeintlichen Bruder im Spiegel sieht
- Dem Erzähler wird des Weiteren immer wieder eingetrichtert, dass sein Bruder bzw. das Findelkind ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist; der verhasste Rivale und das eigene Gesicht bzw. das Spiegelbild verschmelzen für ihn dadurch miteinander
- Der Erzähler kann sein Spiegelbild irgendwann nicht mehr ertragen und beginnt sich und sein Leben dadurch zu hassen
- Ohne die Möglichkeit der Selbstwahrnehmung gelingt es ihm außerdem nicht, seine eigene Identität zu finden; immer und überall sieht er nur seinen verschollenen Bruder bzw. das Findelkind
- Gleichzeitig hat der Erzähler beim Anblick des Findelkindes in der Fleischerei quasi umgekehrt den Eindruck, als würde er sich selbst im Spiegel sehen; es gelingt ihm nicht, seine Identität und den Bruder getrennt voneinander zu betrachten
- Wie auch ein Mensch sich nicht anders als sein Spiegelbild bewegen kann, schafft der Erzähler es nicht, sich unabhängig vom verschollenen Bruder zu entwickeln
Biblisches Motiv Der verlorene Sohn
- Schon der Titel der Erzählung ist an das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn angelehnt
- Im Lukasevangelium berichtet der Evangelist Lukas eine Jesus-Erzählung von einem Vater mit zwei Söhnen, von denen einer lange Zeit verschwunden war und plötzlich wieder auftaucht
- Das Gleichnis: Ein Vater von zwei Söhnen wird vom jüngeren gebeten, sein Erbe schon vor seinem Tod aufzuteilen. Danach verlässt der jüngere Sohn die Familie. Als er sein Hab und Gut verprasst hat und eine Hungersnot über seine neue Heimat hereinbricht, bereut er seine Tat. Er beschließt, nach Hause zurückzukehren, und will als Schweinehirte für seinen Vater arbeiten. Dieser freut sich riesig über die Rückkehr seines totgeglaubten Sohnes, vergibt ihm und veranstaltet eine Freudenfest. Der ältere Sohn arbeitet derweil auf dem Feld und wundert sich abends über die Musik, die er aus dem Haus hört. Als er von einem Knecht erfährt, dass sein Vater für seinen wiedergekehrten Bruder das beste Kalb schlachten ließ, wird er wütend. Er weigert sich, zur Feier zu gehen. Sein Vater kommt daher zu ihm, um ihn herein zu bitten. Enttäuscht erklärt der Sohn, dass er jahrelang für seinen Vater gearbeitet hat, ihm gehorcht und ihn unterstützt hat, aber dafür nie einen Dank bekommen hat. Sein jüngerer Bruder dagegen habe den Vater im Stich gelassen und das Erbe verprasst und wird nun gefeiert. Der Vater beteuert daraufhin, dass in all den Jahren, alles was ihm gehört, auch seinem ältesten Sohn gehört hat. Der jüngere Bruder dagegen war verloren und ist erst jetzt wiedergefunden und das müsse gefeiert werden.
- Parallelen: Genau wie der Vater im biblischen Gleichnis, sehnen sich auch die Eltern des Erzählers so sehr nach ihrem verlorenen Sohn, dass sie in den Augen des Erzählers darüber hinaus vergessen, ihm genug Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken
- Passend zum Erstgeborenen im Gleichnis, ist der Erzähler neidisch auf seinen verlorenen Bruder. Beide haben das Gefühl, dass sie sich anstrengen und nichts dafür zurückbekommen, während der verlorene Sohn sich alles erlauben kann bzw. könnte
- Unterschiede: Anders als im Gleichnis, kommt der verlorene Bruder in Treichels Werk nicht zurück; man erfährt nicht, wie sich die Situation nach der Rückkehr des Bruders auch für den Erzähler ändern würde
- Außerdem bleibt im Werk eine Konfrontation des Erzählers mit seinen Eltern zum Thema der Vernachlässigung aus. Während der Vater im biblischen Text seine Motivation erklärt und den älteren Sohn bittet, nicht egoistisch zu denken, gibt es von den Eltern des Erzählers keine Erklärung für ihr Verhalten. Der Erzähler kennt bis zum Schluss nur seine kindlichen und teils egoistischen Sicht und lernt nicht, dass es im Leben manchmal ungerechte Situationen gibt, die man aushalten muss
- Das Schweinekopfessen verbindet und trennt die beiden Geschichten zugleich. Sowohl in der Bibel als auch in der Erzählung wird das Schweinekopfessen festlich zelebriert. Während in der biblischen Geschichte allerdings die Rückkehr des Sohnes der freudige Anlass für die Schlachtung ist, gibt es in Treichels Erzählung nichts zu feiern. Die Familie versucht lediglich, beim Schweinekopfessen gezwungen fröhlich zu sein. Durch die Erinnerung an alte Zeiten gelingt das zumindest dem Vater kurzzeitig, die Mutter aber schweigt noch mehr als sonst