Emanzipation
In diesem Abschnitt wird der zweite Interpretationsansatz für Die Marquise von O... vorgestellt. Er beschäftigt sich mit den Aspekten der Emanzipation.
Die Marquise von O... als Werk der Emanzipation
- Das Außenbild:
Die tugendhafte Adlige Julietta von O... gilt in der Gesellschaft um 1800 als besonders tugendhaft. Diese Konformität mit den Normen der Zeit ist ein starker Faktor in ihrer Selbstwahrnehmung. Ihr Weltbild gerät allerdings aus den Fugen, als sie im Laufe der Handlung ungewollt und ohne Erinnerung an einen Zeugungsakt schwanger wird.
- Die Innensicht:
Für die Marquise wäre eine Anzweiflung ihrer Keuschheit so unerträglich, dass sie sich in verzweifelte Gedankenkonstrukte einer sogenannten unbefleckten Empfängnis, wie die Heilige Maria sie laut der Bibel angeblich erfuhr, flüchtet. Sie durchlebt eine Krise der Selbstwahrnehmung und zuerst scheint es so, als würde sich die Marquise den Normen der Gesellschaft beugen und sich damit selbst verurteilen. Dann allerdings befreit sich die Marquise von den Erwartungen ihrer Zeit und löst sich nicht nur vom Elternhaus, sondern auch vom Gedankengut ihrer Heimatstadt M... los.
- Ein Sieg für die Frau:
Auf ihrem persönlichen Landsitz führt die Marquise ein abgeschiedenes Leben und besinnt sich dabei auf ein eigenes Wertesystem, ihre Unabhängigkeit und das Wohlergehen ihrer Kinder. Sie hat also das erreicht, was ihr als Frau des angehenden 19. Jahrhunderts eigentlich verwehrt ist: Sie ist zu ihrer eigenen Herrin geworden und somit aus dem Patriarchat des Vaters ausgebrochen.
- Scheitern aus Liebe:
Das Tragische ist allerdings, dass sie sich gezwungen sieht, in die Gesellschaft zurückzukehren, um ihrem ungeborenen Sohn ein gutes Leben ermöglichen zu können. Denn nur als Nachkomme verheirateter Eltern ist seine soziale Stellung gesichert. Die Emanzipation ist also nicht vollständig gelungen.
- Symbol des Zwiespalts:
Ihre Mutterliebe ist der Antrieb, der sie öffentlich nach dem Kindsvater suchen lässt. Die Zeitungsannonce kann demnach je nach Betrachtungswinkel als Eingeständnis einer gescheiterten Emanzipation oder als große Anprangerung der doppelmoralischen Gesellschaft (und damit als Akt der Emanzipation) betrachtet werden.