Sigmund Freud
Der bekannte Psychoanalytiker Professor Sigmund Freud bildet im vorliegenden Roman eine der Schlüsselfiguren des Handlungsgeschehens. Robert Seethaler vermag es, mit seiner Inszenierung ein privateres, intimeres Porträt des Psychologen zu zeichnen, als es die Öffentlichkeit bisher kannte.
Infos zur Person
- Freuds Figur wird als „nicht besonders groß und ziemlich schmächtig“ (S. 35, Z. 24 f.) beschrieben. Außerdem trägt der Psychologe einen „weißen Bart [...] und [...] eine runde, schwarzgerahmte Brille“ (S. 36, Z. 2 ff.)
- Das Äußere des Professors ist mit „Hut und Anzug tadellos“ (S. 35, Z. 25 f.) und Franz stellt einen signifikanten Geruch „nach Seife, [...] Zwiebeln, [...] Zigarren und [...] Sägespänen“ (S. 38, Z. 2 ff.) fest
- Zusammen mit seiner Frau Martha und seiner Tochter Anna bewohnt Freud eine Wohnung „in der Berggasse 19“ (S. 69, Z. 19)
Charakter
- Respekteinflößend: Von einem Teil der Öffentlichkeit als „Deppendoktor“ (S. 38, Z. 12) bezeichnet, wird Freud von denjenigen, die ihn persönlich kennen und seine Klasse als Psychologe erfahren haben, hoch wertgeschätzt. Diesen entgegengebrachten Respekt spürt man beispielsweise beim ersten Aufeinandertreffen von Franz und Freud. So begrüßt Otto Trsnjek den Professor und Stammkunden in der Trafik mit ausgesuchter Ehrfurcht. Der Protagonist spürt schnell, dass auf diese Weise nur ein „ehrlicher und echter“ (S. 36, Z. 25) Professor begrüßt und behandelt wird. Nicht zuletzt die zurückhaltende und schlichte Verhaltensweise Freuds drückt eine höhere Selbstachtung aus als ein affektiertes, übersteigertes Selbstbewusstsein
- Erfahren und bescheiden: Neben seiner unübersehbaren Intelligenz ist es die Lebenserfahrung, welche den berühmten Professor zu einem exzellenten Psychologen und Mann seiner Zeit macht. Gleichzeitig scheut er nicht davor zurück, sich und seine eigenen Methoden immer wieder neu infrage zu stellen. Auch Ansichten seines Freundes Franz nimmt er trotz des erheblichen Altersunterschieds an und ernst. Als Wissenschaftler versteht es sich für den Psychologen von selbst, dass man als Mensch ein Leben lang lernt. Der Erfolg als Psychoanalytiker steigt Freud nicht zu Kopfe und dies bewirkt außerdem, dass Franz sich so wohl in der Gegenwart des älteren Freundes fühlt. Letzterer begegnet ihm nämlich auf Augenhöhe
- Klug: Durch Freud erhält der weitaus jüngere Franz zahlreiche Lebensweisheiten- und Ratschläge. Aus diesem Grund sucht ihn der Protagonist auf, wenn er in der Klemme steckt oder jemanden zu sprechen benötigt. Der Psychologe vermag es gleichzeitig aufmerksam den Sorgen und Ängsten des Heranwachsenden zu horchen und im Anschluss daran kluge Ratschläge zu geben. Im Hinblick auf den Umgang mit Frauen verwendet Freud ein Gleichnis zu einer Zigarre und rät seinem Schützling, „Wenn man zu fest an ihnen zieht, verweigern sie einem den Genuss“ (S. 45, Z. 22 f.)
- Vorsichtig: Der Professor ist stolz auf seine jüdische Herkunft und doch legt er eine gewisse Achtsamkeit an den Tag. So sind bei näherer Beobachtung etwa „kleine, vorsichtige Schritte und [ein] leicht gesenkter Kopf“ (S. 39, Z. 17 f.) am Gang des Psychologen zu erkennen. Doch auch in der Stimme Sigmund Freuds spiegelt sich Zurückhaltung wider: „leise und gepresst“ (S. 41, Z. 17) drückt sich der Professor aus, insbesondere dann, wenn er sein Gegenüber noch nicht einzuschätzen weiß
- Kränklich: Psychisch und intellektuell erfreut sich Freud immer noch in bester Gesundheit, doch physisch ist der Professor angegriffen. Dies ist daran zu erkennen, dass er des öfteren „hüstelt“ (S. 43, Z. 6) und einen grundsätzlich eher ungesunden Lebensstil pflegt, indem er beispielsweise gerne Zigarre raucht (vgl. S. 72). Letzteres Laster beschert ihm auch die Krebserkrankung seines Gaumens, welche im Werk jedoch nur subtil erwähnt wird, indem man von Freuds „Kieferprothese“ (S. 71, Z. 10) erfährt