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Sprache und Stil

Nur eine einzige Szene (Trüber Tag. Feld) des Faust ist in Prosa geschrieben, der Rest des Dramas besteht aus Versen. Noch beeindruckender als diese Tatsache allein ist, dass ein Großteil dieser Verse sich zudem reimt - bei 4612 Versen eine wahre Meisterleistung. Nur an vereinzelten Stellen wie dem Monolog in Wald und Höhle verwendet Goethe eine freiere Form ohne Reime, der Knittelvers (Schema mit Paarreimen und freiem Metrum) und der Madrigalvers (Reim, aber ohne Reimschema, kein festes Metrum, jedoch Tendenz zum Jambus) überwiegen deutlich.
Diese viel Freiheit erlaubende Versmaße führen dazu, dass die Sprache im Faust nicht gezwungen klingt, sondern lebendig und „echt“. Darüber hinaus führt die Verwendung dieser freien Versmaße dazu, dass Faust ein Werk mit beachtlichem stilistischen Reichtum ist. So sind einerseits Stellen voller Pathos und Erhabenheit möglich:
Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf,
Und trug und hegte, die mit Freudebeben
Erschwoll, sich uns, den Geistern gleich zu heben?

(Sz. 1, Z. 167-169)
Andererseits finden sich aber auch humoristische Stellen voller Wortwitz:
Besonders lernt die Weiber führen;
Es ist ihr ewig Weh und Ach
So tausendfach
Aus
 einem Punkte zu kurieren (Sz. 4, Z. 639-642)
Besonders Mephisto dient als stilistischer Kontrapunkt zu Faust, der in der Gelehrtentragödie vornehmlich mit Pathos, in der Gretchentragödie häufig sehr emotional spricht. Dem ernsten Tonfall stellt Goethe den zynischen und nichts ernst nehmenden Mephisto gegenüber - gewissermaßen nach Empfehlung der lustigen Person: „Laßt Fantasie, mit allen ihren Chören, / Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft, / Doch merkt euch wohl, nicht ohne Narrheit hören.“ (V. 2, Z. 63 ff.) Mephisto ist ein unterhaltsamer Faktor, der dafür sorgt, dass Fausts Pathos nicht Überhand nimmt und der dem sehr von sich selbst und seiner Perspektive vereinnahmten Faust eine andere Meinung entgegensetzt. Gelegentlich tendiert Mephisto, wie im obigen Zitat, zu sexuellen Anspielungen, die damals auch einige Leute provoziert haben mochten.
Man sieht also, dass auf dem Weg „vom Himmel durch die Welt zur Hölle“ (V. 2, Z. 236) eine stilistische Vielfalt enthalten ist, die der Vielfalt der Charaktere und Szenen entspricht. Goethe passt seinen Stil den jeweiligen Gegebenheiten an: Der häufig verwendete Knittelvers ist aus dem deutschen Mittelalter erhalten und gibt der Tragödie gewissermaßen eine historische Komponente; Gretchen tendiert in ihren Liedern eher zu rhythmisch einfachen Formen ohne viel Variation, was ihrem Gemüt und ihrer Herkunft entspricht; die Studenten in Auerbachs Keller sprechen ohne ein festes Metrum, ihre Sprache ist wie ihr Wesen gewissermaßen zügellos.
Übrigens gibt es Hinweise auf Goethes Mundart (Goethe stammte aus Frankfurt am Main): Zwar spricht keine Figur Dialekt, doch nur im Hessischen reimen sich die Verse „Ach neige / Du Schmerzensreiche“ (Sz. 18, Z. 6 f.).

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