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Erzähler

Alles, was wir in Agnes erfahren, stammt vom personalen Erzähler, der das Geschehen in der Ich-Form schildert. Über sich selbst schreibt E. wenig. Weder teilt er dem Leser seinen Namen noch seine Vorgeschichte mit, was von Anfang an die Identifikation mit der Figur erschwert. Insgesamt bleibt E. unscharf, wie auf Agnes‘ Video (S. 11). Auch das genaue Alter E.s erfahren wir nicht, doch könnte er fast Agnes‘ Vater sein.
Bereits in Kapitel 1, das eine Art Prolog bildet, spricht E. zentrale Motive des Romans an (s. o.), u. a. die Sprachlosigkeit zwischen sich und Agnes. Aus der Bemerkung, dass Agnes sich an ihn klammerte, „ausgerechnet“ an ihn, könnte man auf so etwas wie Reue für sein Handeln schließen. Allerdings konkretisiert sich dieser Verdacht in E.s Erzählung nicht, die nüchtern und sachlich daherkommt.
E. ist ein Sachbuchautor für historische Themen, der sich, wie es scheint, ohne rechte Leidenschaft an seine Themen wagt und sich für die „magere Ausbeute“ seines Lebens schämt (S. 30). Aus der Schweiz stammend, schreibt er nun über amerikanische Luxuseisenbahnwagen und wohnt daher seit einer Weile in den USA. Dort lebt er zurückgezogen und isoliert in der Großstadt Chicago (S. 14f. „Ich kannte kaum jemanden in der Stadt. Niemanden, um genau zu sein“). Seine Situation ist anscheinend so gewollt, denn E. sieht in seinen Gefühlen eine Bedrohung, weicht ihnen aus (ebd.) und sucht immer wieder bewusst die Anonymität (S. 19f.). Dazu passend wohnt er im siebenundzwanzigsten Stock eines Wolkenkratzers und ist so dem Leben gewissermaßen enthoben. Auch möchte er, anders als Agnes, keine Spuren hinterlassen (S. 28).
Für E. scheint Kontrolle im Leben von enormer Bedeutung zu sein, wobei er sie nicht erlangt. Als Agnes sich ihm erstmals gegenübersetzt, schaut er immer wieder zu ihr hin, er kann gar nicht anders. Zuvor hat er bereits die Kontrolle über seine Arbeit verloren, denn nach eigener Aussage hat er sich in einem Nebenthema verrannt. Nicht die Kontrolle zu haben irritiert ihn in und so flüchtet er nach draußen (S. 13f.). Später lehnt er Agnes‘ Bitte, eine Geschichte über sie zu schreiben, zunächst mit der Begründung ab, er habe keine Kontrolle über das Ergebnis (S. 50).
Eng mit dem Bedürfnis nach Kontrolle hängt auch die Bildnisproblematik zusammen. E. tendiert dazu, sich von seinen Frauen ein Bild zu machen, an dem sich dann die Wirklichkeit zu orientieren hat. Bereits am Romananfang findet sich ein Hinweis darauf, dass sich E. von seiner Vorstellung leiten lässt:
In meinem Kopf war unsere [Agnes‘ und E.s] Beziehung viel weiter gediehen als in Wirklichkeit. Ich begann schon, mir über sie Gedanken zu machen, hatte schon Zweifel, dabei hatten wir uns noch nicht einmal verabredet. (S. 17)
E. selbst erzählt Agnes, dass sich seine damalige Freundin von ihm trennte, als sie sich in einer seiner Geschichten wiedererkannte, wobei nicht klar wird, ob dies der Realität entspricht („wir haben uns auf diese Version geeinigt“). Jedenfalls formt E. die Figuren seiner Geschichte nach dem Bild der Personen, von denen er ausgeht (S. 50).
Auch in einem zweiten Fall führt das Bild, das sich E. von seiner Partnerin macht, zur Trennung. Als er nach einem geplatzten Kondom gedanklich bereits Vater geworden war, die Wirklichkeit seiner Vorstellung aber nicht folgte, scheiterte die Beziehung:
Als sich schließlich herausstellte, dass meine Freundin nicht schwanger war, war ich enttäuscht und nahm es ihr übel, als sei sie schuld daran. Kurz darauf trennten wir uns. Ich machte ihr hässliche Vorwürfe, [...] einer Frau, die nur in meinen Gedanken existierte. (S. 92)}
Diese Passagen gehören zu den wenigen Stellen des Buches, an denen wir Leser Persönliches von E. erfahren. Gleichzeitig weisen sie Parallelen zu seiner Beziehung mit Agnes auf. E. formt auch die literarische Agnes nach seinem Bild, wobei die reale Agnes schließlich dem literarisch verarbeiteten Bild folgen muss. Eine Parallele zur zweiten zitierten Textstelle ist, dass E. auch mit Agnes nicht Vater wird, obwohl er dies in Gedanken schon ist. Es handelt sich hierbei um text- bzw. werkimmanente Bezüge: Die unterschiedlichen Passagen stehen miteinander in Verbindung, wobei sich ihr ganzer Sinn erst erschließt, wenn der Leser selbst diese Verbindung herstellt.
Vor diesem Hintergrund können auch die Verweise auf den Pullman-Streik gelesen werden, in den sich E. verrennt, obwohl der Streik nichts mit seinem eigentlichen Buchthema zu tun hat. Dass E. im Protest der Arbeiter das Streben nach Freiheit sieht, hat wohl eher etwas mit eigenen Projektionen zu tun als mit den historischen Begebenheiten (S. 144f.). Interessanterweise gibt es aber auch eine Parallele zu Pullman selbst. E. schafft für Agnes eine ebenso starre Welt wie der Patriarch für seine Arbeiter, der in seiner Stadt die absolute Kontrolle besaß.
Freiheit, auf der anderen Seite, ist für E. selbst ein wichtiges Gut, wichtiger noch als Glück und Liebe (S. 110). Dies belastet E.s Beziehungen mit Frauen, so auch mit Agnes. Letztlich mangelt es ihm an Empathie (= Einfühlungsvermögen). Als Agnes ihm mitteilt, dass sie schwanger ist, steht er auf und verlässt den Raum, um sich ein Bier zu holen. Danach setzt er sich neben sie, „ohne sie zu berühren“. In der gesamten Situation verhält E. sich kalt und abweisend, statt sich zu freuen, seine Verantwortung anzuerkennen und seiner schwangeren Freundin beizustehen. Am Ende rät er ihr mehr oder minder offen zur Abtreibung („Man kann das ändern“) und verlässt die Wohnung, Agnes allein zurücklassend (Vorstehendes S. 89-91).
Auch später, als die Beziehung für kurze Zeit wieder auflebt, besitzt E. keine emotionale Nähe zu seiner Freundin. Vor die Wahl gestellt, geht er ausgerechnet auf Louises Silvester-Party, statt auf die kranke Agnes aufzupassen. Ihren ausbleibenden Protest fasst er als Freifahrtschein auf, zur Feier zu gehen, obwohl sie in Wahrheit tief verletzt ist: „Ich mag nicht streiten [...], ich bin müde und krank.“
Auf der Feier schläft er mit Louise, ohne ihr zu sagen, dass er eigentlich wieder mit Agnes zusammen ist. Letztlich ist E. ein Egoist, was ihm von Frauen wiederholt vorgeworfen wurde (S. 92 u. S. 110).
Die treffendste Charakterisierung E.s stammt jedoch von Louise, die auch die Bildnisproblematik anspricht:
Zwischen uns war etwas, heute Nacht, und das war schön. [...] Und vielleicht würde mehr daraus, wenn du offen wärst. Aber du warst von vornherein nicht bereit dazu. Du hast mich von Anfang an in die eine Schublade geworfen. (S. 147)
E.s Rechtfertigungsversuche klingen matt, bemerkenswert ist aber seine Feststellung: „Ich bin kein guter Mann, Louise.“ (ebd.) An anderer Stelle wird ebenfalls deutlich, dass E. kein sehr positives Selbstbild besitzt, auch was seine Lebensbilanz anbelangt (dazu S. 30 u. S. 48). Louise ruft E. noch hinterher, er solle ihr einen von Agnes Schuhen mitbringen, vielleicht hätten sie dieselbe Größe. Damit spielt sie offensichtlich darauf an, dass E.s Freundinnen austauschbar sind. Emotionale Nähe und wahre Liebe lässt er nicht zu, gerade weil er Frauen von Anfang an auf ein Bild festlegt.

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