Gregor
Gregor Samsa ist ein ehemaliger Soldat, der Disziplin und Engagement verinnerlicht hat. Dies zeigt sich daran, dass er für seinen Beruf als Handelsreisender fast sein gesamtes Privatleben aufgegeben hat - er spricht von einem „nie herzlich werdende[n] menschliche[n] Verkehr“ (S. 8), seine Freizeit verbringt er damit, Zeitungen zu lesen, die Fahrpläne vorzustudieren oder ab und an Laubsägearbeiten anzufertigen. Alles deutet darauf hin, dass er außer seiner Familie keine näheren Bekanntschaften hat (seine Kollegen ausgenommen, von denen ihnen allerdings keiner besucht). Gregor arbeitet fleißig und unermüdlich, um das Leben seiner Familie zu bezahlen und ihre Schulden bei seinem Arbeitgeber zu begleichen. Er ist der alleinige Geldgeber seiner Familie, die damit von ihm abhängig ist. Es erfüllt Gregor mit Stolz, seiner Familie ein Leben in einer großen Wohnung finanzieren zu können - seine größte Sorge nach der Verwandlung in einen Käfer ist es auch, dass „alle Ruhe, aller Wohlstand, alle Zufriedenheit ein Ende mit Schrecken nehmen“ könnten (S. 29). In seinem beruflichen Eifer beweist Gregor sein aufopferungsvolles, hilfsbereites, liebevolles und selbstloses Wesen, denn er hasst seinen Beruf, der ihm keine Freiheiten lässt, und seinen herablassenden Chef; nach Begleichung der familiären Schuld möchte er kündigen. „Der große Schnitt“, wie er ihn nennt (S. 9), ist seine Hoffnung auf die Zukunft. Das viele Arbeiten bei zwischenmenschlicher Kälte, das einsame Leben als Handelsreisender verurteilt er kurz nach dem Erkennen seiner Verwandlung mit dem Fluch „Der Teufel soll das alles holen!“ (S. 8) Bis dahin aber verzichtet er auf persönliches Glück, auf enge Freunde und eine Geliebte. Gregor opfert sich für das Wohl seiner Familie auf - was man durchaus auf seine Vergangenheit als Soldat zurückführen kann. Die Verhältnisse auf der Arbeit verletzen Gregor, dem man in seiner soldatischen Vergangenheit wahrscheinlich mit Respekt und nicht mit Misstrauen begegnete, daher sehr.
Ein Gefühl von Freiheit und Ruhe hat ihm der Blick aus seinem Fenster vermittelt (S. 37) - ein bescheidener Ausgleich für den familiären und beruflichen Druck, dem Gregor ausgesetzt ist. Dennoch hat Gregor keinen Ausbruchsversuch unternommen; dass er seit Beginn seines Berufs als Handelsreisender kein einziges Mal krank war (oder eher: sich hat krankmelden lassen) beweist seinen unermüdlichen Einsatz. Er tut alles für seine Familie; seiner Schwester möchte er den Wunsch erfüllen, ein Konservatorium besuchen zu können, „ohne Rücksicht auf die großen Kosten“, die den großen Schnitt wahrscheinlich weiter in die Zukunft verschieben würden (S. 35). Diese Erwartungen, die er an sich selbst stellt, stellen jedoch auch eine Belastung dar, da Gregor mehr arbeiten muss, um sie zu erfüllen. Da er gewissermaßen für andre lebt, nämlich seine Familie, kann er sich nicht selbst verwirklichen. Die folgliche Unzufriedenheit wiederum ist womöglich der Grund für seine Verwandlung, die also als eine Reaktion auf eine bedrückende Umwelt verstanden werden kann.
Auf die Verwandlung reagiert Gregor nicht mit Entsetzen, obwohl sie seine Stellung und das Glück der Familie bedroht. Er verdrängt sie am ersten Morgen nach seiner Verwandlung bisweilen, z. B. beabsichtigt er, trotz allem zu frühstücken und seinen geschäftlichen Termin wahrzunehmen (wovon er allerdings später Abstand nimmt). Er bewahrt ein ruhiges Gemüt, darauf hoffend, seine Verwandlung rückgängig machen zu können. Trotz der absurden Umstände zeigt er sich selbstbeherrscht, größtenteils vernünftig (auch wenn sein Entschluss, doch noch zu arbeiten, sehr unvernünftig ist) und reflektiert. Er nimmt seine Verwandlung im Laufe des ersten Teils als Tatsache hin, mit der man zurechtkommen muss. Er reagiert damit sehr viel gefasster auf die absurde Situation als sein Umfeld, das vor ihm erschrickt und sich ekelt, was Gregor wiederum beschämt. Schließlich versucht Gregor, seiner Familie das Leben mit ihm zu vereinfachen. Er sorgt sich um deren Schicksal, ihre finanzielle Not, die er unwillentlich durch seine Verwandlung verursacht, erfüllt ihn mit „Beschämung und Trauer“ (S. 37). Die Verhältnisse haben sich durch die Verwandlung umgekehrt: Vorher hat sich Gregor um die Familie gekümmert, nun ist er selbst als Käfer hilfsbedürftig und eine Last für die Familie. Dass er seiner Familie nicht beistehen kann, belastet ihn. Andererseits fordert er auch, dass man ihn pflegt und sein Zimmer sauberhält, macht seiner Schwester sogar Vorwürfe, als sie ihn vernachlässigt (S. 54). Dennoch empfindet er große Dankbarkeit über das, was man ihm gibt, wenngleich er darunter leidet, seinen Dank nicht vermitteln zu können.
Auch als Käfer verliert Gregor nicht seine Rücksicht, denn er will „der Familie die Unannehmlichkeiten erträglich machen“ die durch seine Gestalt verursacht werden (S. 30). Er stellt seine eigenen Ansprüche größtenteils zurück und zieht ein Leintuch über das Kanapee, unter das er sich zurückzieht, um seine Familienmitglieder nicht mit seinem Anblick zu erschrecken, wenn diese das Zimmer betreten. Er begnügt sich damit, ab und zu aus dem Fenster zu blicken und die Wände entlangzukriechen, um sich zu zerstreuen. Er wirft der Familie nicht vor, ihn in seinem Zimmer einzuschließen und ist stattdessen äußerst dankbar, als diese nach dem Apfelwurf beschließt, die Tür abends für ein paar Stunden offenzulassen, damit Gregor an ihrem Leben zumindest als verborgener Beobachter teilnehmen kann. Er sorgt sich mehr um deren Schicksal als um sein eigenes, bewahrt sein aufopferungsvolles Wesen also auch als Käfer. Seine Bereitschaft, für die Familie zu leben oder den Schaden möglichst gering zu halten, den er durch seine neue Form verursacht, ist wohl auch einer der Gründe, weshalb er seine Familie missversteht. Gregor kritisiert seine Familie kaum und sieht gute Absichten, wo keine sind. So wertet er es als Rücksichtnahme, als die Schwester ihn im Zimmer einschließt, nachdem sie ihm Essen gebracht hat, anstatt das treffender als Ekel und Furcht zu deuten (S. 31). Als er erfährt, dass die Familie ohne sein Wissen noch einiges Geld besitzt, freut er sich darüber und lobt es sogar als kluge, „unerwartete Vorsicht und Sparsamkeit“ (S. 36) und nicht als Betrug. Die unwürdige Behandlung, die er durch die Familie erfährt, akzeptiert er in weiten Teilen und stellt nur kleinstmögliche Ansprüche. Auch nachdem ihn seine Schwester und sein Vater beseitigen wollen, denkt er noch mit Liebe an sie - auch wenn dieser Entschluss seine Hoffnung zunichte macht, das Verhältnis zu seiner Schwester wiederherzustellen, die er inniglich liebt. Grete liebt er sogar so sehr, dass er während ihres Konzerts daran denkt, sie in sein Zimmer zu entführen, wo er sich mit ihr aussöhnen und gegen alle Eindringlinge verteidigen will. Dieser Plan verdeutlicht den Mangel an Nähe, den Gregor als Gefangener in seinem eigenen Zimmer erleiden muss und seine Liebe zu Grete, die man auch als inzestuös (= sexuelles Begehren der eigenen Familienmitglieder) deuten kann.
Gregors Inneres beginnt sich zu verändern, nachdem er äußerlich verwandelt wurde. Nach und nach arrangiert er sich mit seinem Körper, beginnt am Anfang des zweiten Teils, seine Fühler zu schätzen (S. 28), kriecht über die Wände und die Decke; gewöhnliches Essen schmeckt ihm nicht mehr, dagegen findet Abfall seinen Geschmack. Am Ende des dritten Teils lauscht Gregor gebannt dem Violinenspiel seiner Schwester und überlegt daher, ob er nun ein Tier sei - früher mochte Gregor keine Musik, im Gegensatz zu seiner Schwester (S. 35). Er legt also nach und nach seine alten Gewohnheiten ab und arrangiert sich mit seinem neuen Zustand. Dennoch möchte er seine Menschlichkeit bewahren: Als sich die Schwester in den Kopf gesetzt hat, Möbel aus Gregors Zimmer herauszuräumen, empfindet Gregor dies nach anfänglicher Zustimmung als Beraubung seiner Andenken und damit seiner menschlichen Vergangenheit, er ist sogar bereit, seiner Schwester ins Gesicht zu springen, um seine Identität zu wahren (S. 46). Hierin zeigt sich auch ein gänzlich neuer Zug Gregors. Als Käfer macht er seiner Familie bisweilen auch Vorwürfe, stellt sich gegen sie, empfindet „Wut über die schlechte Wartung“ (S. 54), empfindet andererseits aber auch Schuld nach seinem Ausbruch, der die Ohnmacht der Mutter zur Folge hatte. Am Ende der Erzählung ist er infolge der Trauer über seine Vernachlässigung „zum Sterben müde“ (S. 57), er isst kaum mehr und schläft nur noch selten. Dies erklärt auch, warum er in den letzten Wochen seines Lebens „so wenig Rücksicht auf die andern“ nimmt (S. 59) und beim Konzert seiner Schwester hervorkriecht, obwohl er wissen müsste, dass sein Anblick die Menschen nur erschreckt. Vieles wird Gregor in seinem leidenden Zustand gleichgültig; positive Emotionen empfindet er im dritten Teil der Erzählung kaum noch. Nichtsdestotrotz stirbt er nach all der Vernachlässigung durch seine Familie und nach den Misshandlungen durch seinen Vater (vor dem sich Gregor als Käfer oftmals fürchtet) mit einem Gefühl der „Rührung und Liebe“ (S. 66), er stimmt ihr sogar zu, dass er verschwinden muss. Als er einsieht, dass er nur noch eine Last für seine Familie ist, stirbt Gregor bereitwillig - ein tragisches Ende für einen aufopferungsvollen und selbstlosen Menschen, der das Opfer einer absurden Situation wurde.
Bildnachweise [nach oben]
Seine Verwandlung in einen Käfer fällt also in eine Zeit der Unzufriedenheit. Seinen Beruf hat er mit Feuereifer begonnen und ist „fast über Nacht aus einem kleinen Kommis“ zu einem Handelsreisenden geworden, obwohl er sei Geld auch anders verdienen könnte (S. 35). Die Familie ist ihm zuerst mit Wärme und Freude begegnet, doch mit der Zeit hat sie sich an seine neue Rolle gewöhnt, nur Grete ist Gregor nun noch nahe (ebd.). Folglich ist er auch in seiner Familie isoliert; seine Mutter missversteht ihn völlig (s. o.). Das Leben in Einsamkeit empfindet Gregor als trist. Auch im Beruf ist es bis kurz vor seiner Verwandlung nicht gut gelaufen, wie der Prokurist behauptet: Gregor habe in letzter Zeit gar keine Geschäfte mehr abgeschlossen, man droht ihm mit Kündigung. Es ist kein Wunder, dass Gregor mit seinem Leben unzufrieden ist und sich beengt fühlt.

Abb. 1: Gregor‘s Pains, erstellt von „LamianQueen“, 2012.
http://fc03.deviantart.net/fs70/f/2012/ 289/1/3/gregor__s_pains_by_lamianqueen- d5hyrk2.jpg - „LamianQueen“, Gregor‘s Pains, Lizenzart, z. B. CC BY-SA.