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Kapitel 9 - 17: Fiktion und Wirklichkeit

(9) Agnes bittet E. am Vorabend des Unabhängigkeitstages (3. Juli), eine Geschichte von ihr zu schreiben. Dieser wehrt zunächst ab. Ein früherer Schreibversuch scheiterte daran, dass sich seine damalige Freundin in einer seiner Kurzgeschichten wiedererkannte und sich von ihm trennte. Agnes‘ Nachfrage, ob dies tatsächlich so war, verneint der Erzähler zwar, doch Zweifel bleiben. Hier umreißt der Erzähler erstmals die Bildnis- und Identitätsproblematik, die auch bei Max Frisch auftaucht, neben Dürrenmatt der alles überragende schweizerische Autor des 20. Jahrhunderts. E. fürchtet, letztlich keine Kontrolle darüber zu besitzen, was er schreibt. Während Agnes E. zum Schreiben auffordert, weil sie wissen will, was dieser von ihr hält, willigt er schließlich ein, um herauszufinden, ob er noch in der Lage ist, Geschichten zu schreiben.
Die Entscheidung E.s, Agnes‘ Bitte nachzukommen, bedeutet einen Wendepunkt im Buch. Fortan entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen Fiktion (die literarische Agnes) und Wirklichkeit (die reale Agnes). Als Agnes das Feuerwerk zur Einleitung des Independence Day nicht ansehen möchte, schreibt E. kurzerhand: Am Abend des dritten Juli gingen wir auf die Dachterrasse und schauten uns gemeinsam das Feuerwerk an. Dass Agnes der literarischen Aufforderung folgt, ist wegweisend für die weitere Handlung.
(10) Nun drängt Agnes E. dazu, die Geschichte wirklich anzufangen. Ihre Vorgabe ist, dass es schon stimmen muss, E. also nicht einfach frei, von der Wirklichkeit losgelöst schreiben darf. Weil E. die Geschichte anders beginnt, als er sie dem Leser zuvor geschildert hat, handelt es sich bei ihm um einen unzuverlässigen Erzähler. Agnes aber ärgert sich, dass E. eine von ihr als Schwäche empfundene Eigenschaft aufdeckt: Sie wird schnell rot, wenn sie aufgeregt ist. Zu sehr soll die Geschichte also auch nicht stimmen. Daher wird Agnes aus dem Kopf des Erzählers neu geboren, „weise, schön und unnahbar“.
(11) Im Spätsommer erreicht E. mit seiner Geschichte die Gegenwart. Beim Ausflug in einen Park betrachtet E. die schlafende Agnes und verspürt ein Gefühl der Entfremdung. Gleichzeitig meint er, sie wirklicher, unmittelbarer als jemals zuvor zu sehen. Dies steht in deutlichem Bezug zu Agnes‘ Kurzgeschichte (8).
(12) Mittlerweile fühlt E. eine fast körperliche Abhängigkeit von Agnes, was ihn demütigt. Ohne sie ist er ein „halber Mensch“, mit ihr fühlt er sich „wie berauscht“. Mit der Geschichte stößt er in die Zukunft vor, weshalb sich bei Agnes der Verlust ihrer selbstbestimmten Identität abzeichnet. Sie ist nun E.s „Geschöpf“, der bereits weiß, was in Wirklichkeit geschehen wird.
(13) Agnes fügt sich der Rolle, die E. für sie schreibt. Sie will wissen, was sie zu tun hat und möchte dabei keine Fehler machen. Sie folgt der Aufforderung E.s in der Geschichte, zu ihm zu ziehen - in der Realität fragt er sie nicht, sondern druckst herum, was sich in Anakoluthen (Satzbruch) äußert: „Aber ich habe gedacht ... du bist so selbständig ...“. Obwohl Agnes auch hier der literarischen Vorlage folgt, zeigt sich, dass E., wie von ihm befürchtet, nicht die volle Kontrolle hat, denn statt dass sie sich auf der Dachterrasse seines Wolkenkratzers die Sterne ansehen, regnet es in der Nacht und Agnes holt sich eine Erkältung.
(14) Schnell wird das Leben des Paares vom Alltag bestimmt. Manchmal spielen sie die von E. geschriebene Rolle, doch ist ihr Leben nicht spannend genug für eine Geschichte. Während Agnes durchaus glücklich scheint, ist E. nicht ganz zufrieden, da er seine Geschichte nicht weiterspinnen könne, denn Glück sei nicht zu beschreiben. Auf der Suche nach einem Bild von glücklichen Menschen stoßen sie auf ein pointillistisches Gemälde Seurats. Agnes stellt fest, dass man Glück mit Punkten malt, Unglück hingegen mit Strichen.
(15) Im Oktober am Columbus Day (12.10.) unternehmen Agnes und E. einen Ausflug in einen Nationalpark. Fernab der Zivilisation fällt Agnes in Ohnmacht, was E. in panische Angst versetzt.
(16) Am darauffolgen Tag befindet Agnes sich in Einklang mit der Natur. Sie hat plötzlich keine Angst mehr, spurlos in der Natur zu verschwinden. Sie erreichen eine verlassene Siedlung und betreten deren Friedhof. Agnes stellt sich vor, dass bald Schnee liegen wird und stellt sich Erfrieren als eine schöne Todesart vor. Diese Szene steht Pate für Agnes‘ späteren literarischen Tod.
(17) In seiner Geschichte fragt E. Agnes, ob sie ihn heiraten wolle, woraufhin sie „ganz selbstverständlich“ ja sagt - im wirklichen Leben hat E. nicht einmal an eine Hochzeit gedacht. Er führt seine Geschichte in benommenem Zustand fort, wobei Wirklichkeit und Fiktion in einer Vision ineinander fließen, die mit seinem Tod endet. Auch weil die Vision nicht wie die Geschichte E.s kursiv gesetzt ist, können Realität und Fantasie nicht mehr voneinander getrennt werden. E. lässt sich immer mehr von seinem Bild leiten, das er sich von Agnes gemacht hat.

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