Kontext und Einordnung
Hoffmann verfasste seine Erzählung Der Sandmann vor dem Hintergrund der Romantik. In dieser Literaturepoche orientierten sich die Autoren nicht mehr an der antiken, römischen Dichtung, sondern an den mittelalterlichen Heldensagen, Liedern und Dichtungen. Vor allem die Gattung der Märchen wurde wieder aufgegriffen. Es ging nicht mehr um die von Aristoteles geforderte Wirklichkeit, die Autoren hatten vielmehr ein gesteigertes Interessen an Übersinnlichem, Unerklärbarem und der Fantasie. Diese Aspekte wurden damals in der von Wissenschaft aufgeklärten Gesellschaft vernachlässigt oder gar verschwiegen. Die Autoren aber wollten das ganzheitliche, vieldimensionale Leben eines Individuums aufzeigen - und dazu gehören auch Schrecken, Wahnsinn und Irrationalität, nicht nur reines Vernunftdenken.
Außerdem sagten sich die Autoren der Romantik von Regelpoetiken ab und lebten eine Gestaltungsfreiheit in der Kunst aus. So auch Hoffmann. Er griff die Tradition der sogenannten Schauerromane auf und übertrug sie in sein romantisches Konzept. Er ersetzte das Schöne und Makellose durch das Schreckliche und Wundersame, ließ den Leser absichtlich im Unklaren und wechselte zwischen Briefen, Dialogen, Rückblenden und Erzählerbericht hin und her.
Allerdings brach Hoffmann nicht nur mit den Regeln der Poetik, er brach stellenweise sogar mit der Tradition der Romantik und verdeutlichte das durch Ironie. Während die wahre Liebe in der Romantik ein wichtiges Ideal war, stellte er genau dies in Frage, belächelte es gar. Nathanael wurde ironischerweise genau durch seine Liebe zu Olimpia wahnsinnig. Außerdem kritisierte Hoffmann auch den romantischen Künstler, der sich selbst im anderen sieht. Genau durch diese Eigenschaft erschien die Holzpuppe Nathanael schließlich nur gar so lebendig und viel begehrenswerter als seine vernünftige, kritische Verlobte Clara.
E.T.A. Hoffmanns Schauerromane bzw. Werke der sogenannten Schwarzen Romantik kamen nicht bei allen Autoren-Kollegen gut an. Vor allem Johann Wolfgang von Goethe kritisierte Hoffmann heftig. „Die Begeisterungen Hoffmanns gleichen oft den Einbildungen, die ein unmäßiger Gebrauch von Opium hervorbringt und welche mehr den Beistand des Arztes als des Krtikers fordern möchten“, so Goethe. „Wir müssen uns von solcher Raserei lossagen, wenn wir selbst nicht toll werden wollen.“ Viele andere Autoren wie Poe und Dickens aber nahmen Hoffmanns umfangreiches Erzählwerk als Vorbild. Vor allem in den USA und in Frankreich machten Hoffmanns Werke die deutsche Romantik bekannt.