Elemente des Sturm und Drang
Als letztes großes Werk des Sturm und Drang bringt Kabale und Liebe noch einmal auf den Punkt, was Sturm und Drang bedeutet. Zu allererst liegt eine für die Strömung typische konfliktreiche Handlung vor: Es geht um ständeübergreifende Liebe, um Treue und Verrat, um Moral und Verbrechen, um Freiheit und Zwang, Individuum und Gesellschaft. Liebe ist hier der höchste Wert, ein von Gott gegebenes Gefühl; zwar scheitern die Liebenden an den sozialen Umständen, doch ist ihre Liebe ewig. Liebe ist ein Ausbruch aus dem Denken der Ständegesellschaft, was sich sprachlich zeigt: Die Liebenden (darunter auch Lady Milford!) sind sich sprachlich sehr ähnlich und signalisieren durch ihre Sprache weniger ihre soziale Herkunft als ihre Gedanken, auch wenn Lady Milford das sprachliche Versteckspiel des Adels ebenso beherrscht. Ferdinand drückt das Selbstgefühl der Stürmer und Dränger perfekt aus: „Mein Ideal von Glück zieht sich genügsamer in mich selbst zurück. In meinem Herzen liegen alle meine Wünsche begraben.“ (S. 24) Die Stürmer und Dränger waren eine neue Generation, die sich nicht am gemeinschaftlichen Denken des Mittelalters orientierte (nach dem jeder bloß Teil eines Ganzen war), sondern individuelle Freiheit und das Ausleben der Persönlichkeit forderte. Dabei ging der Sturm und Drang oft so weit, das Gefühl über die Vernunft zu stellen - „emotio statt ratio“. Während Ferdinand Luise vorhält, die Liebe durch Vernunft zu verraten, ist für Luise Vernunft und Pflicht letztlich wichtiger als eine Liebe, die gesellschaftlich nicht möglich ist. Schiller denkt hier über den Sturm und Drang bereits hinaus, da er Ferdinand als Schwärmer entlarvt. Bereits in Kabale und Liebe wird die Alleinherrschaft des Gefühls kritisch gesehen, schließlich führt sie bei Ferdinand zu einem Zorn, der ebenso heftig wie seine Liebe ist.
Da die Autoren des Sturm und Drang dem Bürgertum entstammten, stellten sie dieses als ehrbaren Stand dar. So auch in diesem Werk. Leistung, Pflicht, Gefühl und Moral sind hier typisch bürgerliche Eigenschaften, während sich der Adel zum größten Teil intrigant, berechnend und verbrecherisch verhält. Im Sinne des Lessing‘schen bürgerlichen Trauerspiels wird die Welt des Bürgertums in den Mittelpunkt gestellt (die Welt des Adels dient als Kontrast). Das bürgerliche Trauerspiel war eine radikale Erneuerung des deutschen Theaterwesens. Vorher war das Theater in die Hof- und die Wander- bzw. Volksbühne aufgeteilt: Während das Theater am Hofe die Adeligen unterhalten sollte und als künstlerische Ausdrucksform galt, wurden die Wanderbühnen von den gebildeten Schichten verachtet, da sie zumeist rein unterhaltsame Stücke im Volksmund aufführten. Lessing wollte ein Theater schaffen, das dem bürgerlichen Selbstbewusstsein entsprach, das also zeigen sollte, dass auch das Bürgertum eine kultivierte Schicht war. Das bürgerliche Trauerspiel setzte Bürger als Protagonisten ein und brach damit mit der Tradition des adeligen Hoftheaters, was durchaus kontrovers war. Viele reagierten kritisch, da ein Bürgerlicher als Repräsentant eines niedrigen Standes keine große und edle Figur darstellen könne - mit einem Bürgerlichen als Helden gebe es keine Fallhöhe, eine Tragödie mit der typischen Katastrophe, bei der der Held stürzt, sei somit nicht möglich. Lessing dagegen zeigte, dass Bürger sehr wohl groß sein können: nicht durch die Geburt, aber durch die Moral, das gute Verhalten. Das bürgerliche Trauerspiel wertete das Bürgertum auf und war eine geeignete Ausdrucksform, um das bürgerliche Leben künstlerisch zu verarbeiten. Seine Stücke richteten sich weder an ein bäuerliches Umfeld, noch an den Hofadel, sondern an das städtische Bürgertum, wobei auch Adelige den Aufführungen beiwohnten. Auf dieses Vorbild stützt sich Kabale und Liebe, die größte und edelste Figur ist hier das Bürgermädchen Luise, die selbst die hochadelige Lady Milford beeindruckt. Der großmütige Adelige, der sich als sittliches Vorbild für den Bürger beweist, wird durch den edlen Bürger abgelöst, der dem Adel seine Unmoral vorhält. Schiller hinterfragt folglich die Ständegesellschaft und greift gleichzeitig, wenn auch nur nebensächlich, den bürgerlichen Konservatismus an.
Auch sprachlich entspricht Kabale und Liebe dem Sturm und Drang. Gefühlvolle, pathetische Sprache steht neben derben Flüchen. Die von Herder (s. Epoche: Weimarer Klassik) geforderte Echtheit findet sich in Sprache und Handlung, die Tragödie wirft einen realistischen Blick auf die damalige Gesellschaft.
Jedoch zeigt Schiller bereits erste Anzeichen seiner späteren Entwicklung hin zur Weimarer Klassik bzw. zum Idealismus. Die Vernunft, Neigung und Pflicht sind hier ebenfalls Thema und keinesfalls Dinge, die im Vergleich zum Gefühl unwichtig sind. Auch ist Luise eine Figur, die ein Ideal verkörpert. Typisch für Schiller‘sche Heldinnen beweist sie im Tod ihren edlen Charakter und ihre moralische Reinheit. Sie stellt einen positiven Einfluss auf Ferdinand dar, der ein Held des Sturm und Drang mit all seinen Vor- und Nachteilen ist.