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Der Chinese

Die Figur des Chinesen spielt eine nicht unerhebliche Rolle in Effi Briest, sondern bildet eine Menge subtiler Hinweise darauf, was im Laufe der Handlung an Geschehnissen noch folgen wird.

Unheimliches Mysterium

  • Der Chinese fungiert als Vorbote für Effis spätere Ausgrenzung. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist er der jungen Frau „schauerlich“ (Kap. 6, Z. 102) und sie ahnt noch nicht, dass sie sich zeitnah selbst in der Außenseiterposition befinden wird.
  • Dass Effi eine solch große Ablehnung gegenüber dem bereits verstorbenen Asiaten verspürt, lässt tief blicken. Gemäß dem Credo „man hat Angst vor dem, was unbekannt und zugleich gefährlich nah erscheint“.
  • Im 19. Jahrhundert existiert ein gewisses Meinungsbild gegenüber den Chinesen, welches im vorliegenden Roman mitberücksichtigt und eingebunden wird. Im Deutschen Kaiserreich betrachtet man die chinesische Bevölkerung als arbeitsam, diszipliniert und intelligent. Es existiert jedoch damals auch die Auffassung, dass die Intelligenz und der Ehrgeiz der Chinesen auch für Intrigen und Hinterhalte genutzt wird.
  • Zuletzt genannter Aspekt der vorurteilsbehafteten Einstellung gegenüber dem chinesischen Volk begründet oder erklärt in gewissem Maß, dass die Figur des Chinesen von der Protagonistin als Bedrohung empfunden wird. Effi, selbst noch unerfahren und jung, ist noch nicht in der Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden und lässt sich von der allgemein herrschenden Abweisung von allem Unbekannten beeinflussen.
  • Möglicherweise dient der Chinese auch als ein Verweis auf die damaligen grauenvollen Kolonialverhältnisse im Deutschen Reich.

Bedeutung des Chinesen als offenes, ungeklärtes Motiv

  • Als offenes und somit modernes Motiv in einem realistischen Werk, wie es Effi Briest ist, kann man den Chinesen sinnbildlich als die bevorstehende Moderne und das Umdenken in der Literaturgeschichte auslegen.
  • Die ungeklärte Bewandtnis des Chinesen übt zwar ein mulmiges, doch auf der anderen Seite auch faszinierendes Gefühl auf Effi aus. Dass sich die Protagonistin in einem Zwiespalt Angst und Reiz befindet, wird in der Hauptfigur abermals verdeutlicht.
  • Die Bedeutung des Chinesen in Effi Briest wird erst durch die Erzählungen Instettens hervorgehoben. Der Baron kreiert den Chinesen als bedrohliche Entität, damit seine junge Frau weiterhin etwas besitzt, über das sie sich den Kopf zu zerbrechen vermag. Ohne Geerts Geschichten über den vermeintlich geheimnisvollen Toten würde dieser nur einen ehemaligen Bewohner Kessins darstellen.
  • Dass es sich beim Motiv des Chinesen keineswegs um eine zufällig entstandene Textproduktion handelt, betont Fontane in einem Brief an seinen Schweizer Schriftstellerkollegen Josef Viktor Widmann: „Sie sind der erste, der auf das Spukhaus und den Chinesen hinweist; ich begreife nicht, wie man daran vorbeisehen kann, denn erstlich ist dieser Spuk, so bilde ich mir wenigstens ein, an und für sich interessant, und zweitens, wie Sie hervorgehoben haben, steht die Sache nicht zum Spaß da, sondern ist ein Drehpunkt für die ganze Geschichte.“ (Richard Brinkmann: Theodor Fontane. Der Dichter über sein Werk. München 1977, S. 454).
  • Die Chinesenthematik im Roman kann stellvertretend für die Seite an Effi verstanden werden, die sich nach Abenteuerlichem, Erotischem, Exotischem und Ausgefallenen sehnt. Gleichzeitig repräsentiert die Rolle des Chinesen das Kind in Effi, welches die größte Freude draußen beim Spielen in der Natur und auf der Schaukel empfindet. Letztere Tätigkeiten ist sie jedoch nach ihrem Umzug nach Kessin gezwungen abzulegen, da von ihr von erwartet wird, sich in der Gesellschaft wie eine verheiratete Dame zu geben.
  • Durch die ständige Unterdrückung ihrer tiefsten Bedürfnisse sucht Effi nach einem Aspekt in ihrem Leben, der sie aus dem Alltagstrott herausreißt. Die unheimliche Geschichte über den Chinesen bietet eine willkommene Möglichkeit für Effi, ihren Geist wieder mit etwas zu beschäftigen und in ihre eigene Fantasiewelt einzutauchen.
  • Nicht grundlos verliert die Protagonistin die Angst vor dem Alleinsein und dem Chinesen, nachdem sie die Affäre mit Crampas beginnt. Diese versteckte und heimliche Liebesgeschichte befriedigt Effis Drang nach Abenteuer und Ausbruch aus dem gewohnten Alltag. Sie selbst ist nicht frei von Reue und schlechtem Gewissen über den Betrug an ihrem Ehemann, kann jedoch zum Zeitpunkt des Fremdgehens auch nicht anders.
  • Der Chinese ist also als Personifizierung Effis Charakters zu verstehen und spiegelt den Teil in ihr wider, der geraume Zeit verkümmert. Man könnte also sagen, Effi und der Chinese vs. die Gesellschaft. Fontane vermag es, die Motivik des Chinesen jedoch so subtil und versteckt in die Erzählung einzubinden, dass nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, dass er fest an die Hauptfigur gekoppelt ist.
  • Mit der ablehnenden Haltung Effis gegenüber dem Chinesen konfrontiert Fontane die damalige Leserschaft mit der existenten Voreingenommenheit des Deutschen Reiches gegen die Chinesen. Er bewerkstelligt es, eine der Hauptziele realistischer Autoren in die Tat umzusetzen, nämlich auf herrschende gesellschaftspolitische Missstände aufmerksam zu machen, dies jedoch auf eine wertungsfreie und objektive Art und Weise.

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