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Basiswissen
Inhaltsverzeichnis

Sprache und Stil

Auf einen Blick
  • Stil und Handlung sind entgegengesetzt: Absurde und verstörende Szenarien werden in nüchterner Sprache geschildert
  • Folgt der Logik des Traums, die Grenze zwischen Realität und Phantasie verschwimmt, das Geschehen wirkt „kafkaesk“
  • Spiel mit erweiterten Metaphern (Allegorien)
  • Erzählperspektive folgt der unzuverlässigen Wahrnehmung Gregors; der Erzähler verschwindet hinter dieser
  • Gregors Sicht (= die Handlung) wird durch indirekte Rede, Monologe und erlebte Rede vermittelt
  • Die Erzählperspektive ändert sich nach Gregors Tod und bleibt auf keine Figur mehr beschränkt, mit denen man sich aber schlechter identifizieren kann (kaum Wiedergabe von Gedankengängen)
Obwohl Die Verwandlung ein durchaus erschreckendes und verstörendes Szenario entwirft, verwendet Kafka einen zumeist nüchternen und sachlichen Stil. Was wie ein Widerspruch wirkt, ist jedoch ein gezieltes Mittel, denn so kann man die Entfremdung nachempfinden, die Kafkas Charaktere von ihrer Umwelt erfahren. So beginnt die Erzählung mit der Tatsache, dass Gregor Samsa über Nacht in ein „ungeheure[s] Ungeziefer“ verwandelt wurde (S. 7), doch an eine kurze Beschreibung seines Körpers schließt sich nicht die Panik Gregors an oder eine Schilderung des Ekels, die ein Mensch empfinden könnte, der sich in einen Käfer verwandelt sieht, sondern der nüchterne Satz „Es war kein Traum.“ (ebd.) Und anstatt dass sich Gregor nun mit den Gründen seiner Verwandlung auseinandersetzt, folgt ein Umriss über das Aussehen Gregors Zimmers. Das, was eigentlich logisch folgen sollte, wird ausgelassen, zu keinem Zeitpunkt fragt sich Gregor, wie es überhaupt möglich sein kann, dass er nun ein Käfer ist. Das Absurde, das in Kafkas Erzählung ständig in das Leben der Figuren einbricht, wird akzeptiert und nicht hinterfragt. Die Verwandlung folgt also nicht der Logik der Vernunft, sondern der des (Alb-) Traums. Diese albtraumhaften Passagen werden aber mit wissenschaftlicher, sachlicher Genauigkeit beschrieben:
„Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch [...]. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.“ (S.7)
Kafka erhöht hier also nicht den Schrecken, indem er ihn betont, wie es etwa in Horrorgeschichten geschieht, sondern macht ihn durch einen nüchternen Stil absurd. Die Akzeptanz des Phantastischen als einem Fakt bestimmt auch ein weiteres Merkmal von Kafkas Stil: Kafka erweitert die Metaphern. Dass Gregor ein ekelerregender Käfer ist, ist einerseits eine Metapher (siehe Interpretation), aber innerhalb der Geschichte ein Fakt.
Dadurch entsteht schließlich auch das Kafkaeske: Das Absurde und Phantastische widerspricht unserer Logik total, es kann nicht erklärt werden, gleichzeitig wird es aber nüchtern erzählt, sodass eine gewisse Distanz zum Geschehen herrscht. Dass niemand die Verwandlung Gregors in einen Käfer hinterfragt und sie stattdessen akzeptiert wird, erscheint uns befremdlich. Diese Entfremdung von der Normalität bzw. das Erzählen absurder Begebenheiten als Tatsachen, die man mit der Normalität vereinbaren muss, bedingt das Kafkaeske.
Die Erzählperspektive bleibt bis auf das Ende auf Gregors Innenleben beschränkt, es handelt sich hier also um einen personalen Erzähler, der nicht mehr weiß als die Figur und völlig hinter der Figur verschwindet. Wir erleben also Gregors Sicht auf die Geschehnisse in der Erzählung. Folglich machen innere Monologe, indirekte Rede und erlebte Rede einen Großteil der Erzählung aus. Gregor neigt dazu, lange über Dinge nachzudenken; seine Gedanken springen dabei oft hin und her: So ist der plötzliche Sprung von der Betrachtung seines neuen Körpers zum Nachsinnen über die Mühen der Arbeit zu erklären, denn wir folgen Gregors Gedankengängen, die nicht immer logisch verknüpft sind. Diese Perspektive hat den Vorteil, dass wir Gregors Emotionen ungefiltert erfahren und uns in ihn hineinversetzen können. Sie hat jedoch auch den Nachteil, dass wir seine Wahrnehmung immer als seine subjektive Sichtweise betrachten müssen; manchmal ist Gregors Wahrnehmung sogar unzuverlässig:
„[...] da sie wußte, daß Gregor vor ihr nicht essen würde, entfernte sie sich eiligst und drehte sogar den Schlüssel um, damit nur Gregor merken könne, daß er es sich so behaglich machen dürfe, wie er wolle“ (S.21)
Die Schwester tut dies, da sie sich vor Gregor ekelt und fürchtet und nicht, um ihm eine Freude zu bereiten, doch Gregor schätzt ihr Handeln falsch ein. Wir dürfen seine Wahrnehmung deshalb nicht einfach hinnehmen. Vielmehr soll diese Tatsache uns dabei helfen, Gregor zu charakterisieren. So sind zum Beispiel die Zeitsprünge im 2. Teil ein Hinweis darauf, dass Gregor das Gefühl für die Zeit in seiner eintönigen und einsamen Umgebung verliert, schließlich schläft er zu diesem Zeitpunkt auch wenig.
Mit Gregors Tod muss sich auch die Erzählperspektive ändern - wir erleben das Geschehen nicht mehr aus seinen Augen. Wir blicken nun von außen auf die weiteren Vorgänge in der Wohnung der Samsas, der Erzähler tritt zwar nicht als Person zutage, beschränkt sich aber nicht mehr auf die Sicht einer Figur. Wir erfahren die Gedanken der Bedienerin und der Eltern, doch nicht in einer solchen Länge und Ausführlichkeit wie bei der Wiedergabe von Gregors Gedankengängen. Manche wichtigen Informationen werden uns aber vorenthalten: Was genau fühlen die Eltern, als sie von Gregors Tod erfahren (nur ihre Reaktionen, zuerst Schrecken und dann Erleichterung, werden geschildert), welche Gedanken hat Grete, wo sie nun ein Einzelkind ist? Somit wird eine Distanz zu den Figuren gewahrt, wir können uns schlechter mit ihnen identifizieren als mit Gregor.

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