Humanismus
Das Thema Humanismus ist im Drama Iphigenie auf Tauris sehr präsent. Iphigenie gilt sogar als Sinnbild humanistischen Handels.
Allgemeine Definition
- Basiert auf dem lateinischen Begriff „Humanitas“, der Menschlichkeit bedeutet
- Entspringt einer geistigen Bewegung, die ihre Ursprünge gegen Ende des 14. Jahrhunderts in Italien hat
- Humanismus strebt die Einheit von Körper und Geist an und geht davon aus, dass jeder Mensch gut ist
- Durch Bildung kann ein Idealzustand erreicht werden
- Es ist ein Musterbild moralischen und sittlichen Handelns
- Gedanken und Taten sind auf die Wahrung der Würde des Menschen ausgelegt
- Jeder Mensch hat das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung
- Gewalt und Hass werden strikt abgelehnt
Iphigenies humanistisches Handeln
- Sie sehnt sich nach einem Leben in Freiheit und setzt sich dafür ein, indem sie den Antrag von Thoas ablehnt und sich von ihm zusagen lässt, dass sie nach Hause zu ihrer Familie darf, wenn die Chance sich ergibt (Vgl. Aufz. 1, Auft. 3)
- Iphigenie hält die Würde jedes Menschen hoch und stellt diese über die alte Tradition der Menschenopfer auf Tauris; alle Menschen sollen respektiert werden
- Sie ist gegen Blutopfer und Gewalt; nicht nur, dass sie sich weigert, Menschen auf dem Altar zu opfern, sie ist auch gegen einen Kampf von Thoas und Orest (Vgl. Aufz. 5, Auft. 6, Z. 49 ff.)
- Obwohl sie die Gewaltbereitschaft von König Thaos nicht gutheißen kann, glaubt sie an das Gute in ihm; sie legt ihr Schicksal voller Hoffnung in seine Hände und berichtet von den Fluchtplänen Orests und Pylades‘ (Vgl. Aufz. 5, Auft. 3, Z. 117 ff.)
- Iphigenie handelt moralisch korrekt; sie bringt es nicht übers Herz, König Thoas zu verraten, da er ihr einst Zuflucht geboten hat
- Sie klärt ihre Probleme nicht mit Intrigen, Gewalt oder Erpressung, sondern nutzt die Sprache
- Iphigenie hält nichts davon, dass Menschen sich mit Göttern vergleichen oder sich anmaßen, gottähnlich zu handeln. In ihren Augen sind alle Menschen gleich und nicht göttlich (Vgl. z.B. Aufz. 5, Auft. 3, Z. 168 ff.)
- Sie entwickelt sich zur selbstbestimmten Frau und nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand, anstatt auf die Hilfe der Götter zu vertrauen
- War Iphigenie anfangs innerlich zerrissen, schafft sie es, Gefühl und Verstand in Einklang zu bringen und sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien
- Mit ihrem humanistischen Verhalten bringt Iphigenie auch Orest dazu, sich nicht mehr als verfluchten Mann zu sehen, sondern für sich selbst einzustehen
- Thoas wird von Iphigenie ebenso zu einem moralisch besseren Verhalten erzogen; er erkennt, dass Gewalt nicht das Mittel der Wahl ist