Rezeption
Goethes Faust ist das wahrscheinlich bekannteste sowie am meisten gelesene deutsche Buch und gilt vielen zudem als das wichtigste Werk, das die deutsche Literatur hervorgebracht hat. Durch seine Berühmtheit und seine Rolle als Ikone (= Kultbild) der deutschen Literatur ist es sicherlich ebenfalls eines der einflussreichsten Werke - was auch mit seiner langen Wirkungsgeschichte zusammenhängt. Denn seit seiner Veröffentlichung im Jahre 1808 hat es keine Generation gegeben, in der das Buch in Vergessenheit geraten wäre. Seit mehr als hundert Jahren gilt es als Sinnbild der deutschen Kultur. Doch Faust hat durch seine Bekanntheit nicht nur positives Echo hervorgerufen.
Gerade die ersten Reaktionen auf Goethes Veröffentlichung des Faust waren ambivalent - es gab keine Goethemanie mehr wie zu den Zeiten der Leiden des jungen Werthers, durch den Goethe binnen kürzester Zeit zum Superstar aufgestiegen war. Das hing mit einer Vielzahl an Faktoren zusammen: Goethe war kein stürmisches, leidenschaftliches und mit althergebrachten Konventionen brechendes Sprachrohr der Jugend mehr, den Sturm und Drang hatte er im Laufe des Alters hinter sich gelassen. Goethe war nun Staatsmann in Weimar und damit Teil des Establishments, das er in seiner Jugend kritisiert hatte. Er war nicht mehr ein von seinen Leidenschaften geplagter Jüngling, sondern ein gealterter und erfahrener Erfolgsautor, fest angestellter Politiker, bereits eine international bekannte Legende, Idol für hunderte junge Autoren und ein Dorn im Auge neidischer Kontrahenten. Den Höhepunkt seiner Popularität hatte er mit dem Werther schon erreicht, seine erwachte Vorliebe für die Antike, die Wissenschaft, Philosophie, also Themen der Humanisten und der Intellektuellen, war befremdlich für sein früheres Publikum, das die Emotionalität seiner früheren Werke schätzte. Als lebende Legende besorgte ihn das nicht, wegen seines Erfolgs gestattete sich Goethe stattdessen eine überlegene Arroganz gegenüber Kritikern.
Trotz des insgesamt abnehmenden Interesses der breiten Bevölkerung für Goethes neuesten Werke stieß der Faust keinesfalls auf taube Ohren, denn allein die Tatsache, dass Goethe 38 Jahre an diesem Stoff gearbeitet hatte, machte deutlich, dass dies kein Werk wie alle anderen sein konnte. Goethe bedeutete seine Arbeit am Fauststoff mehr als der Rest seines literarischen Schaffens - der Fauststoff hat ihn sein Leben lang begleitet und trägt daher Merkmale seiner frühen Schaffensperiode und seiner späteren, was schließlich dazu geführt hat, dass viele Zeitgenossen Goethes in der Figur des Faust den Autor zu erkennen meinten. Durch sein bewegtes Leben, seine vom stürmischen Gefühl gezeichnete und schon damals bekannte, mythenumrankte Jugendzeit sowie sein späteres Interesse an der Wissenschaft schien er dem Faust ähnlich.
Wegen der Berühmtheit Goethes und dem Wissen über die langjährige Arbeit am Faust war natürlich eine große Erwartungshaltung entstanden. Faust führte daher zu ganz unterschiedlichen Reaktionen. Die einen priesen die Tragödie als das ultimative Werk Goethes, mehr als nur ein Stück, nämlich die Krone allen künstlerischen Schaffens, andere sahen den Faust als das Produkt eines selbstverliebten, erfolgsverwöhnten und arroganten alten Autors. Die Veröffentlichung des ersten Teils des Fauststoffs fiel in eine der künstlerisch aktivsten Zeiten der deutschen Geschichte: Die Nachwirkungen der Aufklärung, des Sturm und Drang, die von Goethe und Schiller entwickelte Weimarer Klassik sowie die ersten Anfänge der Romantik trafen aufeinander. Im Faust zeigen sich Elemente aus allen der damaligen Strömungen. Je nachdem, welcher Strömung man anhing, beurteilte man das Werk anders: Aufklärer bemängelten oft die Unmoral des Faust, Romantiker Goethes Vorliebe für Themen, die nur Intellektuelle beschäftigten.
Auf lange Sicht hat sich der Faust jedoch durchgesetzt: Maler, Musiker, Autoren, ja Künstler aller Richtungen wurden und werden von diesem Werk beeinflusst - Lieder aus dem Werk wurden von Beethoven vertont, Thomas Mann hat eine eigene Version des Fauststoffs geschrieben. Die schiere Menge an vom Faust inspirierten Werken ist zu groß, um sie hier zu nennen. Passagen aus Goethes Tragödie finden sich auch heute noch im Sprachgebrauch. Fast jeder weiß, was mit „des Pudels Kern“ gemeint ist, kennt Sprüche wie „Name ist Schall und Rauch“ oder „Da steh ich nun, ich armer Tor! / Und bin so klug als wie zuvor“. Während man den Faust in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hauptsächlich als das größte Werk Goethes gesehen hat, wurde er gegen Ende des 19. Jahrhunderts von vielen als größtes Werk der deutschen Literatur genannt, ja als Werk über das „deutsche Wesen“ schlechthin. Der Faust wurde zum Sinnbild der Zeit erklärt - was nicht immer lobend gemeint war.
Fortschrittskritiker sahen im Charakter des Faust einen Repräsentanten des egoistischen Größenwahns und nie Halt machenden Strebens in Richtung Zukunft, die sie als treibende Kräfte der Moderne zu erkennen glaubten. Zurückblickend schien Faust andererseits aber auch die Skepsis an der Erkenntnis und den Nihilismus zu verkörpern, der um die Jahrhundertwende herum aufblühte. Im Wilhelminischen Reich und dem Regime des Nationalsozialismus reduzierte man Faust auf „das Faustische“, nämlich das energische, egozentrische Voranstreben, den Willen zur Perfektion und zur übermenschlichen Größe aufzusteigen. Das Faustische sah man im deutschen Bestreben, zur Weltmacht zu werden, verwirklicht - gerade deswegen hat der Faust in der Nachkriegszeit viel Kritik erfahren, auch wenn eine solche Deutung Goethes Werk maßgeblich verfälscht.
Unabhängig von der ideologischen Vereinnahmung, die der Faust in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfahren hat, kann man in ihm jedoch nachträglich einige historische Entwicklungen innerhalb Deutschlands vorausahnen - so den aufkommenden Nihilismus, den beginnenden Zweifel an der Leistungsfähigkeit der Wissenschaft, die Gefahr, ohne Rücksicht immer weiter vorwärts zu drängen, das Aufstreben des Bürgertums. Die Veröffentlichung des Faust fällt nun mal in einen Epochenwandel mit sehr unterschiedlichen literarischen und philosophischen Strömungen und der beginnenden Modernisierung der ganzen Welt. Und dadurch, dass Faust „ewige“ Themen wie Liebe, Verantwortung, die Suche nach dem Sinn des Lebens, den Zweck der Wissenschaft und die Verlockungen des Menschen durch das Böse in ihm selbst behandelt, ist er nicht nur eine Inspirationsquelle für damalige Künstler, sondern auch in unserer Zeit aktuell. Dass Faust I immer noch die meisten deutschen Besucher ins Theater lockt, beweist, dass das Werk keinesfalls veraltet ist.