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Entwicklung der Persönlichkeit

Neben der Zeit- und Kulturkritik geht es in Hesses Werk Der Steppenwolf vorrangig um das
Thema der Persönlichkeitsentwicklung.
Anhand der Hauptfigur Harry Haller zeigt der Roman auf, wie die Suche nach dem wahren Ich Menschen verzweifeln lassen kann. Dabei geht es allerdings nicht um die psychische Krankheit eines einzelnen. Hallers Krise spiegelt vielmehr eine Krankheit der damaligen Gesellschaft wider, die er allerdings als ein persönliches Problem betrachtet.
Im Laufe der Handlung begibt sich Haller auf einen Weg der Selbstfindung und versöhnt sich mehr und mehr mit der Welt und mit seinem Dasein. Seine Krise wird für ihn zur Katharsis, da er sich durch das bewusste Durcharbeiten seiner Konflikte von diesen befreit. So lebt er nach dem Kennenlernen mit Hermine seine verdrängten Emotionen aus und stellt sich - oftmals unter Drogeneinfluss - seinem Unterbewusstsein.
Dank Hermine öffnet sich Harry Haller gegenüber neuen Dingen. Er entdeckt etwa erstmals seine sinnliche Seite, da Hermine ihn mit Maria verkuppelt. Einmal beschreibt Haller den Sex mit Maria gar als göttliches Erlebnis: „Jene Nacht war es, in der zum erstenmal wieder seit der Zeit meines Niedergangs mein eigenes Leben mich mit den unerbittlich strahlenden Augen anblickte, wo ich den Zufall wieder als Schicksal, das Trümmerfeld meines Daseins wieder als göttliches Fragment erkannte.“ (S. 182/183) Bei seinem Besuch im Magischen Theater wird Haller schließlich auch klar, dass er sein sinnliches Ich früher verdrängt hat. Er hätte viele Chancen für ein erfülltes Liebesleben gehabt, hat sie aber alle nicht genutzt. Mehr noch: Im Magischen Theater sieht Haller sogar erstmals eine homosexuelle Seite an sich. Als sein Ich in viele Teile zerfällt, läuft ein Harry mit Pablo davon. Andeutungen auf diese Neigung gab es schon zuvor. Einmal ließ sich Harry von Pablo küssen. Und Hermine verzauberte ihn ausgerechnet dann, als sie sich als Mann verkleidet hatte. Haller selbst aber wollte das nicht wahrhaben.
Ähnlich verhält es sich auch mit seiner lustvollen Seite. Erst durch seine Tanz-Stunden und die Besuche von Ballnächten realisiert Haller, dass mehr in ihm steckt als der bloße Geistesmensch.
Immer mehr wird Haller dadurch klar, dass seine Seele aus mehr als nur zwei Teilen besteht. Bisher litt er darunter, dass er innerlich in zwei Wesen gespalten ist. Er sehnte sich einerseits nach Bürgerlichkeit, wie vor allem das Gespräch mit dem Neffen seiner Vermieterin im Treppenhaus zeigte: „Der Araukarienplatz hier, der ist so strahlend rein, so abgestaubt und gewichst und abgewaschen, so unantastbar sauber, daß er förmlich ausstrahlt. Ich muß da immer eine Nase voll einatmen.“ (S. 22) Der Wolf in ihm aber lacht genau über solche Sentimentalitäten, ist blutrünstig. So schrieb Haller in seinem Gedicht vom Steppenwolf: „In die Rehe bin ich so verliebt, Wenn ich doch eins fände! Ich nähm‘s in die Zähne, in die Hände, ... Fräße mich tief in ihre zärtlichen Keulen, Tränke mich satt an ihrem hellroten Blut, Um nachher die ganze Nacht einsam zu heulen“ (S. 87) Diese Zweiteilung in Mensch und Wolf war jedoch eine fälschliche Vereinfachung seiner Vielschichtigkeit. Haller hat all die anderen Teile seiner Persönlichkeit, die ihm nicht gut genug waren oder ihm unwichtig vorkamen, verdrängt.
Erst das Tractat vom Steppenwolf konnte Haller einen Ausweg aufzeigen: Er müsse das Chaos seiner Seele überblicken und erkennen, dass das Ich keine Einheit ist. Hierbei greift der Autor die indische und buddhistische Psychologie auf. Demnach gibt es keine feste Persönlichkeit, sondern der Mensch besteht aus vielen veränderlichen Einzelaspekten. Genau das soll Haller im Magischen Theater lernen. Beim Blick in den Spiegel löst sich Harry Haller bildhaft in alle seine Einzelaspekte auf. Die vielen Gestalten stehen für all seine bisher verleugneten Persönlichkeitsteile. Außerdem kann man bereits die Figuren wie Hermine, Pablo, den Neffen und den Professor als personifizierte bisher abgespaltene Persönlichkeiten von Haller interpretieren.
Um seinem Leid ein Ende zu setzen, muss Haller laut den Anweisungen im Traktat die Einheit allen Seins anstreben: „Statt deine Welt zu verengern, deine Seele zu vereinfachen, wirst du immer mehr Welt, wirst schließlich die ganze Welt in deine schmerzlich erweiterte Seele aufnehmen müssen, um vielleicht einmal zum Ende, zur Ruhe zu kommen.“ (S. 84) Haller schafft es allerdings noch nicht, alle seine Persönlichkeitsteile als Einheit anzusehen. Entsprechend der Psychoanalyse von C. G. Jung muss er erst lernen, die verleugneten Anteile, die sogenannten Schatten, zu akzeptieren. Nur durch diese Akzeptanz kann er zu einer gesunden Persönlichkeit finden.

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