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Expressionismusdebatte

Der Roman Transit spielte eine wichtige Rolle in der Expressionismusdebatte, da Anna Seghers durch die Wahl der Stilmittel und Schreibmethoden ihre eigene Position verdeutlichte.

Fakten zur Expressionismusdebatte

  • Autoren stritten sich darum, wie man Realität in der Literatur abbilden soll und wie antifaschistische Literatur aussehen muss; deshalb wird häufig auch der Begriff Realismusdebatte verwendet
  • Die Debatte entbrannte in der Autorenwelt 1937, angestoßen von Alfred Kurella in der Exilzeitschrift Das Wort  
  • Wichtige Personen: Georg Lukacs vs. Berthold Brecht
  • Auslöser war die Frage, ob der Expressionismus zum Faschismus geführt hat
  • Hintergrund: Viele kritische Autoren der Weimarer Republik sahen es zuvor als ihre Aufgabe, mit einem neuen Schreibstil auf die veränderte politische und gesellschaftliche Lage zu reagieren; Literatur sollte nicht mehr nur für die höheren Schichten sein, sondern das Proletariat ansprechen; die Lebenswelt der Arbeiterklasse sollte also beim Schreiben berücksichtigt werden; die Bewegung spaltete sich in zwei Lager mit unterschiedlicher Auffassung
  • Diskussionspunkte:
    Inwiefern kann und darf Literatur Wirklichkeit abbilden?
    Welche Funktion soll Literatur in den Klassenverhältnissen der Gesellschaft einnehmen?
    Trägt ein politischer Schriftsteller Mitverantwortung am Faschismus?
    Welcher Schreibtradition sollte ein Schriftsteller folgen?
    Welche Stilmittel und Schreibweisen sollten Autoren nutzen?
    Welche Merkmale soll antifaschistische Literatur inhaltlich und formal haben?
  • Standpunkt Lukacs: dem Schreibstil der deutschen Klassik und den großen bürgerlichen Realisten des 19. Jahrhunderts folgen; die Leser sollen bei einer fiktiven Handlung mitleiden und eine innere Reinigung erfahren
  • Standpunkt Brecht: neue, moderne und volkstümliche Schreibweise, die sich dem Proletariat anpasst sowie eine neue Definition des Realismusbegriffs; die Leser sollen nicht mitfühlen, sondern reflektieren und zum kritischen Nachdenken angeregt werden
  • Entwicklung: Die Autoren gesellten sich mehr und mehr auf die Seite von Georg Lukacs, dessen Auffassung von der KPD gefördert wurde

Briefwechsel mit Georg Lukacs

  • Seghers schickte dem marxistischen Literaturtheoretiker Georg Lukacs 1938/39 zwei Briefe zur Realismusdebatte und war damit die einzige weibliche Autorin, die sich an der Debatte beteiligte
  • Der Briefwechsel wurde in der Moskauer Exilzeitschrift Internationaler Literatur abgedruckt
  • Seghers wollte die Debatte schnellstmöglich beenden, da sie Geschlossenheit und Einheit der kritischen antifaschistischen Schriftsteller in der Zeit als wichtig und notwendig empfand
  • Sie setzte sich bewusst von Lukacs‘ Realismusforderung ab, stellte in Frage, was Realismus überhaupt sei und legte ihren Standpunkt dar
  • Seghers forderte, dass man sich mit einer außergewöhnlichen Schreibweise den außergewöhnlichen gesellschaftlichen Umständen anpassen müsse
  • Die literarische Gestaltung sollte sich nach Seghers aller vorhandenen ästhetischen Mittel bedienen, also sowohl alter als auch moderner; nur so könne man der von Krisen, Faschismus und Krieg geprägten Zeit gerecht werden
  • Seghers sah es als ihre Aufgabe an, die furchtbare Realität zu ertragen und zu gestalten; also als Autorin nicht die Identität zu verlieren und neue Erzählformen und Schreibweisen passend zur Erfahrung der Zeit zu finden

Seghers Weg in Transit

  • Seghers entwickelte ihre eigene Theorie der realistischen Darstellung in antifaschistischer Literatur
  • Stil und Sprache in Transit spiegeln ihre Kritik am Realismusbegriff von Lukacs wider
  • Sie will den Schrecken der Zeit aufzeigen, ohne dokumentarisch zu schreiben; sie mischt daher eine fiktionale Erzählung mit realen Begebenheiten
  • Seghers orientierte sich an Kollegen wie Alfred Döblin, James Joyce und John Dos Passos
  • Mit modernen Techniken wie der Montage oder szenischen Beschreibungen bildet sie die komplexen gesellschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit realistisch ab
  • Die Charaktere sind sowohl positiv als auch negativ und zeigen mit ihrer vielschichtigen Art typisch menschliche Verhaltensweisen in einer Extremsituation
  • Seghers bezieht sich mehrfach auf reale Situationen, die sie selbst auf ihrer Flucht genauso erlebt hat; wie etwa ihre Flucht aus dem besetzten Paris, die Selbstmorde deutscher Exilanten, die Konsulatsbesuche und die Hoffnung auf ein neues Leben in Übersee
  • Der Einsatz von Stilmitteln unterbricht und verfremdet die realen Einflüsse im Werk
  • Sie verhindert eine zu reale Erzählung, indem sie auf das Motiv der verkehrten Welt zurückgreift; die Tatsache, dass dem Erzähler alles einfach so zufällt und gelingt, wirkt verfremdend
  • Ebenso gestaltet sie die Familie Binnet als skurrile Begebenheit; die Normalität und das gewöhnliche Familienleben inmitten der äußeren Bedrohung wirken unwahrscheinlich
  • Ein weiteres Mittel, das Anna Seghers für ihre besondere und verwirrende Roman-Struktur nutzt, ist das Mystische; mythische Situationen wie sie der Ich-Erzähler etwa im Keller einer Kirche erlebt, thematisieren das Fremd-Sein, die Todesangst und Einsamkeit inmitten der vertrauten Realität Marseilles

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