Frauenbild
Bei der Interpretation von Iphigenie auf Tauris sollte das Frauenbild genauer betrachtet werden. Der Unterschied zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit spielt im Werk eine große Rolle.
Frauenbild
- Die Rolle der damaligen Frau wird von Iphigenie verkörpert
- Schon als Mädchen hat sie gelernt, dass sie ihren Eltern oder den Göttern gehorchen muss (Vgl, Aufz. 5, Auft. 3)
- Sie unterwirft sich dementsprechend erst ihrem Vater und bewundert ihn, obwohl er sie ausgeliefert hat. Später verhält sie sich gegenüber Thoas wie ein Kind
- In ihrem ersten Monolog erklärt sie, dass Frauen beklagenswert sind, da die Männer zu Hause und auf dem Schlachtfeld die Herrscher sind (Vgl. Aufz. 1, Auft. 1, Z. 25 f.)
- Iphigenie betont, wie sehr das Schicksal einer Frau von ihrem Mann abhängt
- Laut Iphigenies Menschenbild hat nur der Mann durch seine Freiheit und Selbstbestimmtheit die Chance auf wahres Glück
- Das Leben einer Frau betitel Iphigenie als unnütz und sieht sich als hilflos
- Auch Orest bestätigt dieses Frauenbild, indem er von Iphigenie als Frau anfangs keine tatkräftige Hilfe erwartet (Vgl. Aufz. 2, Auft. 1, Z. 261)
- Thoas bekräftigt mit seiner Aussage, dass er nicht mit einer Frau verhandelt, wie wenig Frauen damals zu sagen hatten (Vgl. Aufz. 1, Auft. 3)
- Außerdem stellt der König klar, dass Frauen als triebhaft und gedankenlos galten (Vgl. Aufz. 1, Auft. 3, Z. 271 f.)
- Als positive Eigenschaft der Frau hebt Pylades hervor, dass sie einer einmal gefassten Überzeugung treu bleiben (Aufz. 2, Auft. 1, Z. 268 f.); auch Pylades hält Iphigenie daher für berechenbar
Männerbild
- Die Rolle des typischen Mannes der damaligen Zeit wird vor allem von Thoas, Arkas und Pylades verkörpert
- Für die Männer zählen ihre Taten und Errungenschaften; dementsprechend zielorientiert handeln sie z.B. Thoas, der Iphigenie heiraten will oder Pylades, der die Statue im Tempel stehlen möchte
- Männer führen ein selbstbestimmtes Leben und können frei handeln
- Bei Kriegen sind es die Männer, die das Heer anführen und Ziele erreichen
- Männer sind laut Arkas aber auch hart und grausam durch all den Greul, den sie im Krieg erlebt haben (Vgl. Aufz. 2, Auft. 1, Z. 267)
- Außerdem sind Männer nach Arkas Einschätzung sprunghaft, immer auf ihren Vorteil ausgerichtet und schwerer einzuschätzen als Frauen
- Der damalige Mann verkörpert Macht und nutzt diese Position auch gerne aus, so etwa Thoas, der Iphigenie bestrafen will, weil sie nicht heiraten möchte (Aufz. 1, Auft. 3)
- Orest beweist, dass auch Männer unglücklich und hilflos sein können; er fühlt sich vom Familienfluch verfolgt und hält sein Schicksal für fremdbestimmt
Iphigenies Ausbrechen aus ihrer Rolle
- Zu Beginn fügt sich Iphigenie großteils dem Rollenbild und denkt, sie sei auf männliche Hilfe angewiesen
- Mehr und mehr löst sie sich aus der festgefahrenen Rolle und nimmt ihr Leben selbstbestimmt in die Hand; vor allem durch das Parzenlied wird dieser Wandel verdeutlicht (Aufz. 5, Auft. 4)
- Iphigenie lehnt Thoas‘ Werben ab und will ihn nicht heiraten; sie ordnet sich nicht gehorsam und demütig unter
- Mit ihrem scharfen Verstand und Mut erinnert Iphigenie eher an ein Mann; sie wird von Orest und Pylades für eine Frau des kriegerischen Amazorenvolkes gehalten (Vgl. Aufz. 3, Auft. 1, Z. 329 f.)
- In ihrem letzten Dialog mit Thoas wird deutlich, dass Iphigenie gelernt hat, ihrer Überzeugung zu folgen (Vgl. Aufz. 5, Auft. 6); sie äußert nicht nur unterwürfig eine Bitte, sondern beruft sich auf die Wahrheit und Menschlichkeit. Dadurch verhindert sie Gewalt und Hass
- Iphigenie erkennt, dass sie genauso viele Möglichkeiten und Chancen hat wie ein Mann (Vgl. Aufz. 5, Auft. 6)