Epoche
Die erste Fassung von Kleists Michael Kohlhaas entstand im Jahr 1806. Damit fällt das Werk rein zeitlich in die literarischen Epoche der Romantik. Allerdings lässt es sich auch anderen Epochen zuordnen, wie im Folgenden diskutiert werden soll. Zunächst jedoch ein Blick auf die historischen Hintergründe.
Historischer Hintergrund
- Kohlhaas ist entstanden im Zeitalter der bürgerlichen Revolution (1730-1848)
- Rund um die Jahrhundertwende vom 18. und 19. Jahrhundert steckte der Absolutismus in einer Krise
- Die Macht des Adels und der Kirche wurde in Frage gestellt
- Das Bürgertum und der niedere Adel begannen, gegen die Stände aufzubegehren
- Die bürgerliche Gesellschaft forderte Chancengleichheit
- Auslöser und Vorbild war die französische Revolution (1789-1799) und das in Frankreich neu herrschende Recht für Freiheit, Gleichheit und individuelles Eigentum
- Zeitweise verunsicherte Fürsten in Europa führte Kriege, um Napoleons Armeen zu schlagen
- Das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen wurde zerstückelt
- Preußen musste ebenfalls Niederlagen hinnehmen; außerdem gab es dort zur Zeit Kleists Rechtsunsicherheit, Korruption und Parteilichkeit der Justiz. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde eine einheitliche Grundlage der Rechtssprechung gebildet
- Der späte Versuch in den Jahren 1848/49 eine bürgerlich-demokratische Umwälzung in Deutschland zu erreichen, scheiterte. Durch die vielen Kleinstaaten und die zurückgebliebene technisch-industrielle Produktionsweise fand das deutsche Bürgertum keine Kraft für einen politischen Umsturz
- In der Gesellschaft entwickelten die Bürger ein modernes Ich-Bewusstsein als selbstbestimmtes Subjekt aus der Entfaltung intellektueller, psychischer und physischer Fähigkeiten
- Die Revolution in Deutschland fand aber vor allem in der Philosophie und Literatur statt
- Literatur sollte in keinem Dienst mehr stehen, sondern an alle Menschen gerichtet werden
- Leser und Leserinnen waren in erster Linie immer noch gebildete, wohlhabende Bürger. Nur etwas 25% der Bürger konnten um 1800 lesen, die Zahlen stiegen jedoch aufgrund der Schulpflicht
- Autoren mussten bestimmten Ansprüchen gerecht werden, wie der Anforderung einen bürgerlichen Beruf auszuüben. Außerdem mussten sie sich der Zensur beugen
Entstehung von Michael Kohlhaas
- Kleist begann seine Arbeit vermutlich 1804 während er in Königsberg lebte; dort wollte er preußischer Finanzbeamter werden
- 1808 veröffentlichte der Autor das Werk erstmals in Fragment-Form; die Handlung endete nach dem Tod von Lisbeth und dem Ritt von Kohlhaas‘ Truppe zur Tronkenburg
- 1810 erschien Kohlhaas in Buchform und in voller Länge
- Es ist möglich, dass sich Heinrich von Kleist am „Allgemeinen Landrecht für die Preussischen Staaten“ von 1794 orientiert hat, als er Michael Kohlhaas schrieb
- Es heißt darin: Jemand, der eine Sache unter dem Vorwand, diese zu bewahren, in Besitz nimmt, haftet für diese Sache. Auch das Recht, dass der Verwahrer die anvertraute Sache nicht selbst nutzen darf, ist hier aufgeführt
Werk der Romantik
- Zeitlich der Epoche zuzuordnen, die von 1795 bis 1835 datiert ist
- Romantiker zeigten eine Hinwendung zu deutschen historischen Textgrundlagen, meist aus dem Mittelalter; passend dazu griff Kleist auf die reale Geschichte von Hans Kohlhase aus dem 16. Jahrhundert zurück
- In der Epoche gab es den Verzicht auf formale Regeln und eine Vorliebe für die Vermischung von Epik und Drama; auch Kleist hielt sich nicht an alte, formale Vorgaben
- In der Romantik wurden Romane und auch Novellen als Gattung bevorzugt
- Typisch in der Epoche war außerdem eine chronistische Darstellung der Handlung, was Kleist mit dem Chronik-Stil auf die Spitze treibt
- Romantiker hatten ein Faible für Überirdisches; dazu passt die mystische Darstellung der Zigeunerin im Werk
- Wie damals üblich, betont der Autor die Individualität und thematisiert die Harmonie zwischen Individuum und Gesellschaft, auch wenn diese am Ende nur scheinbar eintritt
- Aber: Der sachliche Bericht-Stil und fehlende Sinnlichkeit bzw. Lyrik widersprechen einer reinen Zuordnung zur Romantik; ebenso fehlt der harmonische Ausgleich oder eine romantische Sehnsucht im Werk
Züge anderer Epochen
- Klassik:
Wie in einem Entwicklungsroman macht Kohlhaas einen inneren Wandel durch
In der Klassik hatten Moral und Toleranz hohen Wert; auch Kohlhaas gilt zu Beginn als moralischer Mann
Entsprechend der Vorstellung, jeder Mensch könne zum Guten erzogen werden, versucht Kohlhaas, dem Junker eine Lehre zu erteilen - Sturm und Drang:
Typisch, dass der Protagonist an der Gesellschaft scheitert
Kohlhaas‘ großes Freiheitsstreben entspricht der damaligen Denke
Wie ein Stürmer und Dränger verfolgt Kohlhaas seinen Kampf leidenschaftlich - Aufklärung:
Das Hauptthema der Epoche ist aufgegriffen: Das Streben nach einem Ausgleich zwischen Individuum und Gesellschaft
Die Rechtsthematik steht im Fokus und Rosseaus Naturrecht wird kritisiert