Epoche
Judith Hermann verfasste ihre Erzählungen im Erzählband Sommerhaus, später alle innerhalb eines Jahres. Veröffentlicht wurden sie 1998, womit das Werk in die Epoche der Postmoderne fällt. Diese ist allerdings schwer einheitlich zu definieren, weshalb hierbei auch verschiedene Stilbegriffe betrachtet werden sollten bei der Einordnung des Werks.
Merkmale der Postmoderne
- Folgt auf die Epoche der Moderne und meint die Literatur ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts; meist wird in der Epochenbezeichnung von einer Zeit ab ca. 1989 gesprochen
- Inhaltlich verarbeiten die Autoren die neue, veränderte Lebenswelt nach dem 2. Weltkrieg
- Es geht um die komplexe und sinnlose Welt, in der der Mensch keinen Platz hat bzw. findet
- Kein einheitliches Konzept der Autoren; vor allem die jüngere Generation der Autoren ab den 90er Jahren beschäftigte sich mit der Identitätssuche
- Pessimistischer Blickwinkel auf das moderne Leben und seine Herausforderungen durch neue Medien und die Technikfortschritte
- Die aufklärerische Idee der Vernunft wurde verworfen, es findet eine Rückbesinnung auf den Realismus statt
- Kulturelle und künstlerische Freiheit
- Die Autoren wenden sich von langen Textformen wie Romanen und Dramen ab; Wiederentdeckung der Erzählung
- Die Hauptperson ist meist ein gesellschaftlicher Außenseiter; kein sympathischer Held
- Positive Entwicklung einer Person gilt als ausgeschlossen; meist bleibt die Handlung am Ende offen
- Der postmoderne Erzähler steuert die Handlung und wertet meist ironisch, ist aber nicht allwissend
- Realität und Fiktion verschwimmen oftmals ineinander
- Keine rein chronologische Erzählfolge; Zeitsprünge, Raffungen oder Dehnungen
- Spiel mit den Erzählformen; erlebte Rede, szenische Darstellung, innere Monologe und Kommentare wechseln sich ab
- Tendenziell eher eine rhythmische, gehobene Sprache mit vielen Stilmitteln
- Nutzung von intertextuellen Bezügen durch Nennung von literarischen Quellen oder Songtexten
Merkmale im Werk
- Verfasst als kurze Erzählung
- Inhaltlicher Schwerpunkt ist die Identitätssuche der Erzählerin im modernen Berlin nach dem Mauerfall
- Die Erzählerin und auch Stein sind keine positiven Helden, mit denen sich der Leser identifizieren kann
- Hermann konzentriert sich auf die Innenperspektive ihrer Erzählerin und beschreibt deren Hilflosigkeit, das verzweifelte Experimentieren und die Unsicherheit über ihre Zukunftspläne
- Die innere Entwicklung der Erzählerin wird nicht zu Ende erzählt, das Ende bleibt offen
- Stein wird als Außenseiter dargestellt, der nicht in die moderne Gesellschaft passt
- Die chronologische Erzählung wird zu Beginn von einem Rückblick aufs Kennenlernen unterbrochen; außerdem sind einige Stellen mit Zeitraffungen, z.B. die Zeit nach dem Besuch des Hauses, oder Stellen mit Zeitdehnungen, z.B. der Besuch des Hauses, zu finden
- Indirekte Rede, direkte Rede und Erzählbericht sind miteinander vermischt
- Hermann arbeitet mit intertextuellen Bezügen, indem sie Liedzeilen zitiert, Bücher nennt oder Songtitel und Markennamen einwirft
Stil des literarischen Fräuleinwunders
- Ende der 90er Jahre traten zeitgleich mehrere junge Autorinnen mit ihren Werken an die Öffentlichkeit
- Neben Judith Hermann feierten auch Juli Zeh, Julia Franck, Mariana Leky, Ricarda Junge und Zoë Jenny ihr Debüt
- Der Begriff des Fräuleinwunders entstand in den 50ern in Amerika und bezeichnete moderne, selbstbewusste und attraktive Frauen der deutschen Nachkriegszeit; der Literaturkritiker Volker Hage übertrug den Begriff Ende der 90er auf die Literatur
- Es entstand danach eine Art Gattung bzw. eine Stilart des Schreibens, die sich hauptsächlich an der Erzählweise von Judith Hermanns Sommerhaus, später orientierte
- Thematisch hatten die genannten Autorinnen außerdem eines gemeinsam: Sie behandelten die Unverbindlichkeit der Beziehungen dieser Zeit sowie die Unsicherheit und Orientierungslosigkeit der jungen Generation
- Das Etikett des literarischen Fräuleinwunders setzte sich über Jahre hinweg durch, wurde und wird aber ebenso heftig kritisiert, da es sich weniger auf literarische Merkmale bezieht als auf die Autorinnen bzw. ihr Geschlecht und ihr Alter