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Die Türhüterparabel

Die Türhüterparabel

Die Türhüterparabel gilt als eine der Schlüsselszenen, wenn nicht als die Schlüsselszene des Werks. Sie ist eine Erzählung innerhalb der Erzählung, ihre Bedeutung wird davon betont, dass sie der Gefängniskaplan als gleichzeitiger Vertreter von Gericht und Religion erzählt, sie als „Schrift“ bezeichnet und ihr damit auch einen religiösen Stellenwert beimisst (Kap. 9, Z. 584). K. erfährt sie im neunten Kapitel, nämlich in einem finsteren Dom, dessen Düsternis der inneren, hoffnungslosen Verfassung K.s entspricht. K., den das Gericht laut Leni hetzt (das Urteil scheint also schon gefällt zu sein), soll durch sie einsehen, dass er sich in der Bewertung des Gerichts täuscht, doch scheint die Parabel dafür ungeeignet.
Ihre Handlung ist schnell wiedergegeben. Ein Mann vom Lande kommt zum Gesetz, vor dem ein Türhüter steht. Der Türhüter teilt dem Mann mit, er dürfe nicht in das Gesetz treten, später sei dies aber möglich. Also wartet der Mann vom Lande, versucht den Türhüter zu bestechen, der dessen Geschenke aber nur aus Mitleid annimmt. Der Mann vom Lande wird alt und stirbt schließlich. Kurz vor dessen Tod berichtet ihm der Türhüter, dass er den Eingang, der nur für ihn bestimmt gewesen war, jetzt schließen werde.
So schlicht und einfach diese Parabel erscheint, so vielfältig sind ihre Deutungsmöglichkeiten. Zwischen K. und dem Kaplan entwickelt sich ein Gespräch; K. sieht in dem Mann vom Lande zuerst einen vom Türhüter Getäuschten, da dessen Aussagen widersprüchlich seien: Einerseits sei der Eingang für den Mann bestimmt und er könne später eintreten, andererseits darf er scheinbar bis zu seinem Tod nicht eintreten. Der Kaplan erwidert, der Türhüter tue mehr als nur seine Pflicht, indem er den Mann warten lasse, seine schlechte Laune ertrage und sogar Geschenke annehme, damit der Mann vom Lande nicht meine, „etwas versäumt zu haben.“ (Kap. 9, Z. 542)
Darüber hinaus sei der Türhüter doch selbst getäuscht, er befindet sich ja auch wie der Mann vor dem Gesetz, nicht in ihm. Außerdem ist er der unterste Türhüter, der die Anblick höherer Türhüter selbst nicht „mehr vertragen“ könne (Kap. 9, Z. 471). K. findet, dass dadurch der Mann vom Lande am meisten Leid erfährt, denn er steht ja noch unter dem Türhüter. Dem widerspricht allerdings, dass der Türhüter die Tür bewacht, die speziell für diesen Mann eingerichtet wurde. Unerklärlich bleibt, wieso der Mann nicht eintreten darf, wo es doch „seine“ Tür ist.
Innerhalb des Werks verdeutlicht die Parabel K.s Prozess. Seine Familie kommt wohl ebenfalls vom Lande, wie die Verwandschaft zu Onkel K. vermuten lässt. Auch er sucht wie der Mann vom Lande das Gesetz oder das Recht, kommt aber über die niederste Ebene nicht hinaus, muss gleichsam vor der Tür warten. Auch er wäre jederzeit frei zu gehen - er könnte fliehen, zumindest versuchen, sich dem Gericht zu entziehen. Aber wie der Mann entscheidet K. sich dafür, in das Gesetz treten zu wollen, also das Gericht nicht zu ignorieren, sondern es zu bekämpfen, und zwar mit dessen eigenen Mitteln. Er verstrickt sich so in seinen Prozess, und zwar freiwillig. Letztlich stirbt auch er, fragt nach dem hohen Gericht, „bis zu dem er nie gekommen war“ (Kap. 9, Z. 154). Gleichwohl ist hier das Türmotiv bedeutungsvoll, denn K. verbindet mit Türen und Fenstern Öffnungen, damit Freiheit und Hoffnung (vgl. Kap. 8, 9, 10); auch für den Mann vom Lande scheint das hinter einer Öffnung wartende Gesetz Hoffnung zu bedeuten.
Was wird dem Mann vom Lande zum Verhängnis? Manche Deutungen legen dem Versagen des Mannes den Ort der Parabel zugrunde. Der Mann befindet sich vor dem Gesetz - damit ist fraglich, ob der Türhüter überhaupt gesetzesmäßig oder rein willkürlich handelt. Auch hat der Mann wohl keine Kenntnis vom Gesetz, da er sich außerhalb dessen befindet. Das Gesetz ist ihm fremd, er kennt seine Regeln nicht, es ist damit unerreichbar. Eine andere Deutung sieht den Mann vom Lande als unmündige Person. Er hinterfragt den Türhüter nicht, unternimmt keine Anstrengung, trotz dessen nicht bewiesener Aussagen ins Gesetz zu treten und wartet stattdessen.
Unabhängig davon ist jedoch eine zentrale Frage, WAS das Gesetz ist. Ein Glanz bricht „unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes“ (Kap. 9, Z. 496) - das ist das einzige, was wir von ihm erfahren. Es könnte die Gerechtigkeit sein, die K. verwehrt wird, die Suche nach dem Sinn des Lebens, die Hoffnung auf Erlösung, die Hoffnung auf eine Errettung durch Gott, ja Gott selbst. Nach letzterer Theorie wäre der Türhüter eine Art Prüfer, der die Ernsthaftigkeit der Suche des Mannes vom Lande nach Gott erprobt. Wie dem auch sei, das Gesetz scheint unerreichbar, der Mann dem Untergang geweiht. Die Parabel ist zu offen für Interpretation, um sie auf eine Deutung zu beschränken. Im Rahmen verschiedener Deutungsansätze hat sie jeweils eine andere Aussage (s. u.).

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