Das Gesetz - la Regnie und Desgrais
Deutlich schwieriger ist die Beurteilung der Chambre ardente (franz. für „glühende Kammer“, ein Gerichtshof mit vielen Sonderberechtigungen) und ihrer Helfer. Diese bewegen sich in einer moralischen Grauzone: Durch ihr hartes Vorgehen dämmen sie das Verbrechen ein, doch nehmen sie dabei auch das Opfer Unschuldiger in Kauf. Die Chambre ardente wird während der Novelle häufig vom Fräulein und zum Schluss auch von König gerügt. Dem Leser ist sie sicherlich nicht sympathisch. Der Erzähler selbst nennt sie „furchtbar“ (S. 12). Absolut gnadenlos, spricht sie zahlreiche Todesurteile aus. Sie verwandelt sich in eine Inquisition, kann Verdächtige willkürlich schuldig sprechen und hinrichten. Der Verdacht reicht ihr aus, denn überall vermutet sie Böses. Die Chambre ardente handelt offensichtlich nicht gerecht.
Ihr Präsident, la Regnie, wird als äußerst unangenehm charakterisiert. Er ist „von garstigem Aussehen und heimtückischem Wesen“ (S. 12), er wird von manchen sogar als Teufel bezeichnet. Der sehr eifrige, die Angeklagten hassende und grausam behandelnde la Regnie verwendet die Folter, um Geständnisse zu erpressen. Wirkung zeigt diese Methode nicht immer. Sein Zorn richtet sich oft gegen Unschuldige, la Regnie irrt sich nicht selten in seinen Angeklagten. Die auf dem Willen zur Strafe von Verbrechern beruhende Ermittlung schlägt wegen der Grausamkeit und Selbstherrlichkeit la Regnies oft fehl. Er kennt kein Mitgefühl, kann sich in die Angeklagten nicht hineinversetzen, wittert überall Verbrechen, sodass am Ende die Wahrheit nicht zum Vorschein kommt: Oliviers Geständnis kann er durch Androhung der Folter nicht erzwingen. Mit dieser Taktik legt er sich selbst Steine in den Weg: Olivier zeigt Cardillac nicht an, weil er befürchtet, dass sich das Gericht gegen ihn selbst wendet. Auch Graf Miossens schwieg deshalb anfänglich über den Hergang der Tötung Cardillacs. La Regnie ermöglicht somit das Verbrechen, während er gleichzeitig die Wahrheitsfindung erschwert. Auch ein Utilitarist würde am Sinn der Chambre ardente zweifeln. Die philosophische Strömung des Utilitarismus nimmt geringere Übel in Kauf, wenn dadurch größere Übel verhindert werden. Die Chambre ardente verhindert aber im Fall der Raubmorde gar keine Übel, sondern ermöglicht sie.
Bei la Regnie offenbart sich ein strenges, hierarchisches Denken. Als Präsident der Chambre ardente wähnt er sich den Angeklagten überlegen, er hält sich nicht für grausam und hart, sondern für gerecht. Gegenüber dem König empfindet er aber großen Respekt und somit auch gegenüber von Scuderi, die er deshalb hochachtet, weil der König dies tut (S. 36). Er zeigt dennoch, dass er sie nicht für ihren Charakter respektiert durch ein „beinahe hämisches Lächeln“ (S. 36). Er hält sie für naiv, Mitleid ist für ihn keine Eigenschaft, die einen Richter auszeichnen sollte. Dieser soll seine Pflicht ausüben, nicht auf die Meinung des Volkes achten und Verbrecher gnadenlos strafen. Dass er aber kein guter Richter ist, zeigt sich daran, dass er Indizien einen zu großen Wert beilegt.
Auch Desgrais ist ein fragwürdiger Charakter. Durchaus geschickt und verschlagen, ermittelt er verdeckt, nutzt das Vertrauen der Menschen aus, um sie nachher anzuzeigen. Er ist sehr eitel und hält sich für einen Meister der Ermittlung. Offensichtlich lebt er für seinen Beruf, denn er ist bereit, sein Leben bei der Ermittlung zu riskieren (S. 14). Auch er kennt kein Mitleid, er lässt die unsanfte Behandlung Madelons bei der Festnahme Oliviers zu, mit einem „tückischen, schadenfrohen Blick“ (S. 32) sieht er zu, wie das Mädchen, das er für eine Komplizin Oliviers hält, von seinen Schergen aus dem Haus geschleppt wird.
Die Chambre ardente ist dem Fräulein von Scuderi in ihrem Verhalten entgegengesetzt. Das Fräulein ermittelt, um Olivier zu retten, die Chambre ardente tut das Ihre, um ihn zu bestrafen. Es ist aber das mitfühlende Fräulein, das die Wahrheit ans Licht bringt.
Ihr Präsident, la Regnie, wird als äußerst unangenehm charakterisiert. Er ist „von garstigem Aussehen und heimtückischem Wesen“ (S. 12), er wird von manchen sogar als Teufel bezeichnet. Der sehr eifrige, die Angeklagten hassende und grausam behandelnde la Regnie verwendet die Folter, um Geständnisse zu erpressen. Wirkung zeigt diese Methode nicht immer. Sein Zorn richtet sich oft gegen Unschuldige, la Regnie irrt sich nicht selten in seinen Angeklagten. Die auf dem Willen zur Strafe von Verbrechern beruhende Ermittlung schlägt wegen der Grausamkeit und Selbstherrlichkeit la Regnies oft fehl. Er kennt kein Mitgefühl, kann sich in die Angeklagten nicht hineinversetzen, wittert überall Verbrechen, sodass am Ende die Wahrheit nicht zum Vorschein kommt: Oliviers Geständnis kann er durch Androhung der Folter nicht erzwingen. Mit dieser Taktik legt er sich selbst Steine in den Weg: Olivier zeigt Cardillac nicht an, weil er befürchtet, dass sich das Gericht gegen ihn selbst wendet. Auch Graf Miossens schwieg deshalb anfänglich über den Hergang der Tötung Cardillacs. La Regnie ermöglicht somit das Verbrechen, während er gleichzeitig die Wahrheitsfindung erschwert. Auch ein Utilitarist würde am Sinn der Chambre ardente zweifeln. Die philosophische Strömung des Utilitarismus nimmt geringere Übel in Kauf, wenn dadurch größere Übel verhindert werden. Die Chambre ardente verhindert aber im Fall der Raubmorde gar keine Übel, sondern ermöglicht sie.
Bei la Regnie offenbart sich ein strenges, hierarchisches Denken. Als Präsident der Chambre ardente wähnt er sich den Angeklagten überlegen, er hält sich nicht für grausam und hart, sondern für gerecht. Gegenüber dem König empfindet er aber großen Respekt und somit auch gegenüber von Scuderi, die er deshalb hochachtet, weil der König dies tut (S. 36). Er zeigt dennoch, dass er sie nicht für ihren Charakter respektiert durch ein „beinahe hämisches Lächeln“ (S. 36). Er hält sie für naiv, Mitleid ist für ihn keine Eigenschaft, die einen Richter auszeichnen sollte. Dieser soll seine Pflicht ausüben, nicht auf die Meinung des Volkes achten und Verbrecher gnadenlos strafen. Dass er aber kein guter Richter ist, zeigt sich daran, dass er Indizien einen zu großen Wert beilegt.
Auch Desgrais ist ein fragwürdiger Charakter. Durchaus geschickt und verschlagen, ermittelt er verdeckt, nutzt das Vertrauen der Menschen aus, um sie nachher anzuzeigen. Er ist sehr eitel und hält sich für einen Meister der Ermittlung. Offensichtlich lebt er für seinen Beruf, denn er ist bereit, sein Leben bei der Ermittlung zu riskieren (S. 14). Auch er kennt kein Mitleid, er lässt die unsanfte Behandlung Madelons bei der Festnahme Oliviers zu, mit einem „tückischen, schadenfrohen Blick“ (S. 32) sieht er zu, wie das Mädchen, das er für eine Komplizin Oliviers hält, von seinen Schergen aus dem Haus geschleppt wird.
Die Chambre ardente ist dem Fräulein von Scuderi in ihrem Verhalten entgegengesetzt. Das Fräulein ermittelt, um Olivier zu retten, die Chambre ardente tut das Ihre, um ihn zu bestrafen. Es ist aber das mitfühlende Fräulein, das die Wahrheit ans Licht bringt.