Für Hoffmanns Erzählung
Der Sandmann gibt es eine Vielzahl an Interpretationsansätzen. Schließlich kann sich der Leser durch die verwirrende Erzählstruktur und die ambivalente Darstellung aller Bereiche nur sehr schwer ein klares Bild der Geschichte machen. Ein Auswahl der möglichen Interpretationen wird im Folgenden kurz dargestellt.
Der Sandmann als Gefahr
In der Erzählung wird der Sandmann von der harmlosen Märchenfigur zu einem Sinnbild für Gefahr. Für Nathanael markiert die Person des Sandmanns zunächst den Übergang vom Tag in die Nacht. Durch die schreckliche Erzählung seiner Amme beginnt er sich schließlich vor dem grausamen Sandmann zu fürchten. Wann immer er im weiteren Verlauf seines Lebens auf den vermeintlichen Sandmann Coppelius beziehungsweise dessen Doppelgänger Coppola trifft, markiert dies den Übergang von der Wirklichkeit in den Wahnsinn. Gefangen in seinem alten Kindheitstrauma vom Sandmann verliert Nathanael den Blick für die Realität und gibt sich seiner verrückten Bilderwelt hin.
Gegensatz zwischen Aufklärung und Romantik
Hoffmann behandelt in seiner Erzählung
Der Sandmann den Gegensatz zwischen den Epochen Aufklärung und Romantik.
Die Hauptfigur Nathanael hat Hoffmann als Vertreter der Romantik entworfen. Der junge Student hat eine romantische Weltsicht. Er ist sensibel, hat eine rege Fantasie und gibt sich gerne extremen Gefühlen hin. Alle Menschen, die ihn und seine Dichtungen nicht verstehen, hält er für gefühlskalt und prosaisch. Genau dieser Subjektivismus führt allerdings mehr und mehr in den Wahnsinn.
Nathanael gegenüber steht Clara als aufklärerischer Verstandesmensch. Sie ist heiter und sorglos, denkt immerzu positiv. Außerdem hat sie eine pragmatische Sicht der Dinge und einen wahren Blick auf die Außenwelt. Sie hat geschafft, wozu Nathanael nie in der Lage war: Ihre Fantasie mit ihrem Verstand in Einklang zu bringen.
Der Leser scheint also aufgefordert, seine eigene Weltsicht und sein Wirklichkeitsverständnis zu überprüfen.
Kritik am selbstverliebten Künstler
Die Erzählung
Der Sandmann kann als Kritik am narzisstischen Künstler interpretiert werden. So fühlt sich Nathanael als Künstler von allen anderen Menschen unverstanden. Er leidet an der Welt, an seinen Mitmenschen und seinen eigenen großen Emotionen. Sein Leid und seine Einsamkeit will er durch seine Dichtung verarbeiten. In dem Versuch, seine Innenwelt anderen verständlich zu machen, scheitert er allerdings. Clara kann ihn nicht verstehen, hält ihn für verrückt. Olimpia, von der er meint, sie verstehe ihn, spiegelt nur sein eigenes Selbst wider. In dieser narzisstischen Veranlagung gefangen isoliert sich Nathanael immer mehr, verliert jeglichen Bezug zur Realität. Die poetische Arbeit ist also genau genommen mit ein Grund für seinen Untergang.
Kritik am Bürgertum
Besonders anhand der Figur der Clara macht Hoffmann außerdem eine Kritik am Bürgertum deutlich. Wer Teil des damaligen Bürgertums sein wollte, musste sich strengen Prinzipien unterwerfen. Der Lebensweg einer Frau war mit Verlobung, Hochzeit und dem Dasein als Hausfrau und Mutter strikt vorgezeichnet. Der brave Bürger sollte Wohlanständigkeit leben und Ordnung halten. Die menschlichen Triebe wurden unterdrückt, Fantasie galt als verpönt und Anderssein wurde sogleich als Krankheit abgetan. Genaugenommen wurden die Menschen durch die Prinzipien und Gebote des Bürgertums zu künstlichen Identitäten. Clara glich damit der leblosen Puppe Olimpia. Diese wiederum fiel zunächst überhaupt nicht als Automat auf, weil von Frauen der damaligen Zeit nicht viel anderes erwartet wurde.
Olimpia als Sinnbild für Nathanaels Allmachtsfantasie
Sigmund Freud deutete Olimpia als Sinnbild dafür, dass Nathanael seine Kindheitstraumata nicht überwinden konnte. Damit ist aber nicht nur seine Angst vor dem Verlust der Augen gemeint. Es gehe vielmehr auch darum, dass Nathanael seine kindliche Allmachtsfantasie, das bloße Denken könne die Realität verändern, nie überwunden habe. Dies sei der Grund dafür, warum er keinen Zweifel an Olimpias Lebendigsein hege.
Autobiografische Darstellung des Wahnsinns
Bei der Lektüre von Hoffmanns Erzählung
Der Sandmann fällt auf, wie gut sich der Autor mit psychischen Krankheiten auskannte. Die Handlung gleicht nämlich dem Verlauf einer Krankengeschichte, die von vielen Psychologen analysiert wurde. Hoffmann selbst hatte sich sein Wissen über psychische Krankheiten durch befreundete Ärzte und das Studieren von Fachliteratur angeeignet. Sein Interesse dafür rührte einerseits von seinem Beruf her, in dem er Gerichtsgutachten erstellen musste. Andererseits heißt es, dass Hoffmann selbst fürchtete, dem Wahnsinn zu verfallen.
Genau wie seine Hauptfigur Nathanael hatte auch er eine traumatische Kindheit. Sein Vater war Alkoholiker, seine Mutter psychisch krank und nach deren Scheidung wuchs er bei einem strengen Onkel auf. All das ließ ihn sein Leben lang nicht los. Seine Ehe scheiterte, seine Probleme ertränkte er im Alkohol. Und so scheint es, als hätte sich Hoffmann mit seiner Hauptfigur Nathanael identifiziert.